Leben auf Umwegen: Sechs Monate mit dem Van durch Europa

Franziska lebt, wovon viele nur träumen – die Hälfte des Jahres ist sie auf Achse. Aber sie weiß: Die große Freiheit gibt es nicht ganz umsonst.

von Lena Schindler

Wenn ich Leuten erzähle, dass ich sechs Monate im Jahr mit meinem Van unterwegs bin, kommt meistens diese Reaktion: Wie cool, das würde ich auch so gern machen! Ich verstehe das, denn ich liebe es ja, auf Achse zu sein. Aber ob das Leben im Van, das Autofahren, das Alleinsein wirklich für einen passt, weiß man erst, wenn man es ausprobiert hat. Nur ein Beispiel: Es kann ganz schön unheimlich sein, wenn man nachts allein irgendwo in der Pampa übernachtet und es so dunkel ist, dass man kaum die Hand vor Augen sieht.

Die Leute zu Hause denken oft, dass es bei mir jeden Tag pittoresk und wunderschön ist, dass es nur traumhafte Sonnenuntergänge gibt und es mir immer blendend geht. Aber ich lade auch keine Fotos bei Instagram hoch, wenn ich mir tagelang die Haare nicht gewaschen habe, weil ich Wasser sparen wollte oder dachte, mich sieht sowieso keiner. Oder wenn ich mich mit dicker Erkältung in meinem Bus verkrieche. Einmal ist jemand in meinen Van eingebrochen und hat Kamera und Laptop geklaut, das war ein echter Tiefpunkt.

"Seit ich denken kann, wollte ich jeden Zipfel der Welt entdecken"

Umgedreht bin ich trotzdem nicht. Ich wohne zu gern im Bus. Ich mag es, morgens meinen ersten Kaffee in der geöffneten Seitentür zu trinken. Das freie Campen mitten in der Natur. Mir gefällt auch das Fahren selbst – muss es aber auch, schließlich habe ich ein grobes Ziel und will auch irgendwann da ankommen. Das heißt: Strecke machen. Ich lasse Hörbücher laufen, gucke mir die Gegend an. In Südeuropa fallen mir die alten Leute auf, die in ihren Dörfern vorm Haus sitzen. Ein bisschen kommen sie mir vor wie das Gegenteil von mir, fest verwurzelt an einem Ort. Ich will am liebsten jedes Jahr von Frühling bis Herbst durch die Welt fahren. So war ich irgendwie immer. Seit ich denken kann, wollte ich jeden Zipfel der Welt entdecken. Als kleines Mädchen in Kiel habe ich meine Stofftiere auf große Reise geschickt. Nach der Ausbildung zur Hotelfachfrau habe ich sofort meinen Rucksack gepackt und bin allein nach Hawaii geflogen, offenes Rückflugticket, 1000 Mark in der Tasche. Alle haben gedacht, die kommt eh nach ein paar Wochen wieder, doch ich bin anderthalb Jahre geblieben. Von da an war ich richtig reisesüchtig, die nächsten zehn Jahre fast nur unterwegs, als Surflehrerin auf den Malediven, dann lange in Australien. Wahrscheinlich habe ich eine Portion Rastlosigkeit von meinem karibischen Vater geerbt, der war auch so ein Herumtreiber. In Australien habe ich mir mit meinem damaligen Freund den ersten Bus gekauft – und gemerkt, dass es für mich die beste Art ist, einen Kontinent zu entdecken.

"Den Anstoß gab der Tod meiner Mutter"

Den Anstoß, wieder aufzubrechen, gab der Tod meiner Mutter. Sie starb an Krebs, ganz kurz nachdem sie in Rente gegangen war. Als Oberstudienrätin hat sie eigentlich nur für ihre Arbeit gelebt, und als sie endlich all die Dinge tun wollte, von denen sie geträumt hatte, war ihr Leben zu Ende. Das löste in mir so ein ganz intensives Gefühl aus, dass es mir auch so gehen könnte. Danach habe ich mir den Van gekauft, den ich immer im Kopf hatte, hab alles weiß gestrichen, Gardinen genäht, einer Freundin meinen Wohnungsschlüssel übergeben – und los ging’s. Dieses Jahr bin ich damit zum zweiten Mal bis nach Portugal und zurück gefahren, fast 10 000 Kilometer. Nächstes Jahr möchte ich vielleicht nach Skandinavien oder Kroatien.

Unterwegs begegne ich einem Haufen Leute, die genauso reisen wie ich. Die meisten sind zehn, manche aber auch 25 Jahre jünger, brauchen mal eine Pause vom Job oder wollen etwas von der Welt sehen, bevor sie mit dem Studieren oder Arbeiten anfangen. Manchmal denke ich dann schon: Müsste ich mit meinen immerhin 45 Jahren nicht mal irgendwo ankommen wollen? Aber warum eigentlich? Nur weil alle anderen es so machen? Für mich hat das Leben im Van nichts mit Abenteuer zu tun, es ist einfach eine andere Lebensweise. Im Gegensatz zu vielen meiner Reisegefährten muss ich unterwegs auch arbeiten. Ich bin selbstständig und vermarkte Influencer, vermittle also Instagrammer, Blogger und Youtuber für Werbekampagnen. Das geht auch von Portugal aus gut – jedenfalls, wenn nicht dauernd jemand an meine Tür klopft und mit mir zum Strand will. Manche haben eher das Problem, so viel frei verfügbare Zeit zu gestalten, ich habe beim Reisen aber oft richtig Jobstress.

"Das Abschiednehmen finde ich traurig"

Auch wenn wir in unterschiedlichen Lebensphasen stecken: Durch die intensive Zeit, die man teilt, stellt sich beim Reisen eine große Nähe zwischen Menschen her, die sich eben noch fremd waren. Wenn es etwas zu feiern gibt, wird zusammen gekocht, und da keiner einen großen Herd hat, teilen wir auf: ihr den Fisch, du die Soße, ich das Gemüse. Und beim Essen unter freiem Himmel erzählt schon mal jemand Dinge, die noch keiner von ihm weiß. Kann sein, dass diese Offenheit dadurch entsteht, dass man weiß, man sieht sich wahrscheinlich niemals wieder. Das Abschiednehmen finde ich deshalb umso trauriger.

Und einsam kann es unterwegs auch sein. Bei meiner letzten Tour habe ich anderthalb Monate lang so gut wie niemanden kennengelernt. Da ist man ganz schön auf sich selbst zurückgeworfen. Mir fehlen meine Freunde zu Hause. Zu manchen entsteht leider eine Distanz, wenn ich so lange weg bin.

Ich habe auch schon anders gelebt: Nach meiner Zeit in Australien habe ich in Hamburg mal so richtig meine Koffer ausgepackt und mich für zehn Jahre eingerichtet. Eine gute Zeit, aber mit viel Routine und zu wenig Raum, um das Leben passieren zu lassen.

Von einem konventionellen Leben habe ich nie geträumt. Das Modell heile Großfamilie habe ich aber auch als Kind nicht kennengelernt. Meine Mutter war alleinerziehend und hatte keinen Partner, ich bin ohne Geschwister aufgewachsen. Man könnte denken, dass ich gerade deshalb nach dem Gegenteil suchen würde, für mich war die Idee von Ehe und Kindern aber immer ziemlich weit weg. Wenn ich unterwegs viel Zeit mit Pärchen verbringe, stimmt mich das schon mal nachdenklich, aber den Zoff, den viele auf so engem Raum miteinander haben, brauche ich auch nicht. Sagen wir mal so: Es gab in meinem Leben lange Beziehungen und auch lange Singlephasen. Ich fühle mich nicht unvollständig, wenn ich niemanden an meiner Seite habe.

"Zurück in meiner Wohnung vermisse ich die Natur"

Sogar beim Reisen bin ich eine der Ersten, die unruhig wird, nach ein paar Tagen an einem Ort wächst wieder die Neugier auf das, was nach der nächsten Etappe kommt. Frei entscheiden zu können, ob man weiterziehen oder bleiben möchte, ist ein Luxus – wenn auch so ziemlich der einzige, den es unterwegs gibt. Ich brauche nicht viel, habe aber oft sehr reale Träume von meiner Badewanne in Hamburg. Gerade wenn ich draußen unter meiner Pumpdusche stehe und hoffe, dass keiner vorbeikommt. Wenn es selbst in Südeuropa so kalt wird, dass ich trotz Standheizung und Wärmflasche frostige Zehen bekomme, zieht es mich heim. Spätestens Weihnachten muss ich zurück sein, weil ich meine Oma nicht allein lassen will.

Nach so langer Zeit zurück in meine Wohnung zu kommen ist komisch, ich fühle mich dann erst mal fremd, alles riecht anders, ich vermisse das Leben in der Natur. Trotzdem ist so eine Basis wichtig, auch um nicht abzustumpfen. Wenn man lange unterwegs ist, verliert man den Blick für das Besondere. Ich flippe nicht mehr bei jedem schönen Strand aus, was ja eigentlich schade ist. Nie gewöhnen werde ich mich allerdings an den Moment nach dem Aufwachen im Bus, wenn ich die Gardinen zur Seite schiebe und direkt aufs Meer gucke. Etwas Besseres gibt es nicht auf der Welt.

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