Nichts bereuen! Warum ein schlechtes Gewissen totaler Quatsch ist

Egal, ob es Streit im Büro gab, der Mann schlechte Laune hat oder die Kinder miese Noten: Frauen neigen dazu, sich für jeden verantwortlich und alles schuldig zu fühlen. Schluss damit, fordert unsere Autorin. Das ist nämlich bloße Zeitverschwendung.

von Tina Epking

Laut Umfragen wünschen sich knapp 52 Prozent der deutschen Frauen Schokolade ohne Zucker und jeweils knapp 35 Prozent Chips ohne Fett und Ausdauer ohne Training. Warum? Weil sie sich dauernd schlecht fühlen. Weil sie Dinge tun und sie danach bereuen. Weil sie viel zu oft ein schlechtes Gewissen haben. 

Ich kenne das. Egal, ob meine Freundin genervt ist, mein Mann gestresst oder die Kinder schlecht schlafen. Ich neige dazu, erstmal zu gucken, ob das Ganze vielleicht was mit mir zu tun hat. Eventuell habe ich was Falsches gesagt? Dem Mann zu viel zugemutet? Die Kinder überfordert? Würde eine Freundin mir davon erzählen, würde ich ihr sagen, dass sie spinnt. Tatsächlich ist dieses Ständig-Schuld-bei-sich-Suchen absolut kontraproduktiv. Ein bisschen Reflektion kann nie schaden – Selbstzerfleischung und Überanalysierei dagegen bringen überhaupt nichts. Sie machen einen nur fertig und kosten Nerven und Zeit. 

Viel zu oft habe ich das Gefühl, dass ich zu wenig Sport mache, zu viel esse, viel zu große Mengen Geld ausgebe. Oder sollte ich lieber sagen "hatte"? Ich versuche nämlich gerade, mit diesem Unsinn aufzuhören. Erste Maßnahme: Ich entschuldige mich nicht mehr für jeden Mist. Das führt nämlich nur zu Missverständnissen und vermittelt mir und allen anderen den Eindruck, dass ich tatsächlich etwas Schlimmes getan hätte. Wenn ich nur vergessen habe, meinen Kaffeebecher im Büro wegzuräumen, ist es wirklich sinnvoller ihn eben später oder gar nie wegzuräumen, als groß schuldbewusst rumzulamentieren als hätte ich gerade die Katze der Chefin überfahren (allerdings wäre es auch in diesem Fall vielleicht schlauer den Mund zu halten!).

Muss ich etwa ins Gefängnis, wenn ich etwas Bescheuertes sage? Nein.

Außerdem versuche ich einfach, mich nicht mehr über bereits verschüttete Milch zu ärgern. Was passiert noch mal, wenn ich zu viel Erdnussflips esse? Oder wenn ich tatsächlich mal was Bescheuertes gesagt habe? Werde ich auf der Stelle tot umfallen? Muss ich ins Gefängnis? Nein. Ich habe dann lediglich ein paar mehr Erdnussflips gegessen und eventuell mal etwas Bescheuertes gesagt. Das passiert jedem. Vielleicht wiege ich deswegen morgen 400 Gramm mehr. Vielleicht ist jemand sauer auf mich. Vielleicht aber auch nicht. Ganz sicher bin ich nicht verantwortlich für die Gefühle aller anderen. Und wenn sich jemand auf den Schlips getreten fühlt, möge er es einfach sagen. Wenn mich jemand zu dick findet, allerdings bitte nicht! In jedem Fall ist es totale Zeitverschwendung, sich mehr als eine Sekunde Gedanken über Dinge zu machen, die eh nicht mehr zu ändern sind.

Natürlich hätte ich auch gern eine richtige schlimme Sauf-Party ohne Kater, würde im Idealfall Altern ohne jede Falte und hätte außerdem am liebsten einen Körper wie Heidi Klum, ohne auch nur einmal von der Couch aufzustehen. Und natürlich wird es mir nie ganz gelingen, mich nicht schlecht, schuldig, verantwortlich zu fühlen. Aber ich übe jetzt lockerer zu werden, nicht immer bei allem gleich ein schlechtes Gewissen zu haben, mich nur für Sachen verantwortlich zu fühlen, für die ich auch tatsächlich verantwortlich bin. Und zumindest froh darüber zu sein, dass ich Dinge erlebe, die ich später bereuen kann. Bis ich das hundertprozentig geschafft habe, höre ich Edith Pias "Je ne regrette rien", erlaube meinen Kindern, Fernsehen zu gucken am helllichten Tag, esse sehr viel Schokolade mit Zucker und Chips mit Fett – um danach mache ich auf gar keinen Fall Sport. 

Wer hier schreibt:

Tina Epking