Voll unsympathisch, aber weise - Was wir von Adlern lernen können

Der Adler - irgendwie ist er ja schon ein bisschen unheimlich. Nicht mal bei Walt Disney gibt es ihn in knuffig, was vielleicht an diesem fiesen Blick liegt. Wenn man den aber mal höflich ignoriert und sich ein bisschen besser informiert, wird einem ganz schnell klar: Adler sind der Wahnsinn. Unsere Autorin hat mit Adler-Experten gesprochen und den König der Lüfte zu ihrem Krafttier erklärt. 

von Marie Stadler

Krafttiere sind laut schamanischem Glauben Tiere, die dir in bestimmten Lebenssituationen den Weg weisen können. Sie sind dir oft nicht besonders ähnlich, nein, sie lehren dich was. Ich bin jetzt eher nicht so der Schamane, aber das mit den Krafttieren finde ich irgendwie einleuchtend. Zumindest, seit ich einem echten Adler begegnet bin. Das war allerdings nur so semiromantisch. Ich lag auf keinem Felsen in der wilden Natur Kanadas, als es passiert ist. Nein, ich saß auf einem Baumstumpf im Wildpark und sah mir eine Greifvogelschau an. Da hab ich eine Menge gelernt. Nicht nur über Adler, sondern auch über mich. Denn während der Falkner stolz die Vorzüge von Adlern aufzählte, wurde ich immer kleiner. Ich glaube, ich bin ein Anti-Adler. Und auch wenn Franklin sich mit den Worten ""Er ist einfach ein armseliger Vogel" gegen den Adler als Wappentier der USA aussprach, das Gegenteil von Adler ist irgendwie noch viel armseliger. 

Adler wollen ganz hoch hinaus

Kennst du diese fürchterlichen Schranken im Kopf? Diese „Aber das würde XY nicht gefallen, das bringt ja eh nichts am Ende…“-Gedanken? Ich kenne sie besser als gut. Adler hingegen können bis zu 10 000 Meter hoch fliegen. Und sie tun es. Ohne darüber nachzudenken, ob das besonders sinnvoll ist oder den anderen passt. Und ich frage mich: Wie hoch hinaus könnte ich, wenn ich mich nicht ständig selbst begrenzen würde?

Einfach mal ins kalte Wasser springen? Adler machen das.

Adler sind Könige der Luft. Kein Grund für die mutigen Tiere, nicht mal das Element zu wechseln. In rasanter Geschwindigkeit stürzen sich Seeadler ins Wasser und erbeuten … naja … in den meisten Fällen gar nichts. Aber der eine Fisch, den sie dann doch mal fangen – irgendwann – der war es wert, immer wieder den Sturz in die Tiefe zu wagen. Könnte man mal drüber nachdenken…

Adler haben keine Selbstzweifel

Manchmal erbeuten Adler den ganzen Tag gar nichts. Nada. Niente. Was Adler dann machen? Dasselbe wie immer. Sie machen pünktlich Feierabend und stressen sich nicht. Morgen ist auch noch ein Tag, oder nicht? Während ich mir die Nacht mit Selbstzweifeln und Ursachen-Ergründung um die Ohren schlage, ist der Adler am nächsten Tag fit genug, um es besser zu machen. Kluges Tier!

Adler stehen zu ihrer Entscheidung

Was man nicht schon für Federn gelassen hat, nur weil man ständig neu anfangen musste. Ist ja auch klug in einem gewissen Alter. Aber irgendwann, da könnte man mal anfangen, auf vergangene Entscheidungen zu vertrauen und nicht ständig alles zu hinterfragen. Wisst ihr, warum Adler so pompöse Nester haben, die bis zu 10 Tonnen schwer werden? Weil sie jedes Jahr daran weiterbauen, anstatt ständig neu zu beginnen.

Zu anstrengend? Dann lassen Adler es sein

Adler gelten als kräftige Tiere. Das sind sie auch. Bedeutet aber noch lange nicht, dass sie diese Kräfte für Blödsinn raushauen. Wenn der Wind und die Thermik nicht stimmt, bleiben die Herrscher der Lüfte einfach mal gepflegt im Baum sitzen. Viel zu anstrengend. Ist doch viel cleverer, dann loszuziehen, wenn der Wind gut steht. Erfolg ist manchmal eine Frage der Geduld, auf die richtigen Umstände zu warten und sie für sich zu nutzen, anstatt sich kopflos abzustrampeln. Geduld. Was war das nochmal?

Adler sind keine Glucken

Fünf Wochen lang bekommen Adlerbabys hochgewürgten Adler-Brei. Danach müssen die Kleinen ihr Essen selbst zerlegen. Das fällt ihnen noch schwer, aber Adlereltern sind da streng. Frei nach dem Motto: Du kannst nur, was du übst, lassen sie ihre Kleinen das mit den Misserfolgen schon mal üben. Versuche, daran zu denken, wenn der Dreijährige mal wieder behauptet, er könne sich die Schuhe nicht anziehen. Die mit Klettverschluss, wohlgemerkt.

Adler und die Liebe

Wenn Adler einmal den Partner fürs Leben gefunden haben, bleiben sie ihm meist ein Leben lang treu. Check, wenigstens das kann ich. Aber: Auch nach vielen Jahren bringen Adler sich gegenseitig grüne Zweige als Zeichen ihrer Liebe mit. Ok, da hakt es auch schon wieder. Neues Benzin im Tank zählt bestimmt nicht. Merke: Mal wieder was Kleines mitbringen. Jetzt nicht Zweige. Auch keinen vollen Tank. Eher Bier oder so.


Adler sind cool

Übrigens bin ich nicht alleine mit meiner Faszination für die Mentalität des Adlers. Autor und Coach Alexander Munke gibt ganze Seminare zum Thema und ist sich sicher: "Wir werden alle als Adler geboren, werden aber im Laufe unseres Lebens in vielen Dingen zu gackernden Hühnern." Gegen Hühner hat er eigentlich nichts. "Aber im Berufsleben sind fokussierte Mitdenker besser als gackernde Mitläufer." In seinen Seminaren geht es um Mut, Fokussierung und Zielfindung, um Effektivität, gesunden Egoismus und die Fähigkeit, wie der Adler auch mal über den Dingen zu sitzen ... äh ... stehen. Längst haben Arbeitgeber seine Adler-Seminare schätzen gelernt und lassen ihre Mitarbeiter in den Adler-Skills schulen. "Der Adler als Bild für lösungsorientierte Herangehensweise ist sehr griffig", sagt er. Das finde ich auch. Nur die Sache mit dem Huhn, da müssen wir nochmal drüber sprechen. Anti-Adler klingt irgendwie netter.


Alexander Munke ist Entertainer, Referent und Autor. In seinem Buch "Warum es gut ist, einen Vogel zu haben - Dein Adler spricht" erklärt er genau, warum es sich lohnt, ein Adler zu sein (und kein Huhn).


www.alexander-munke.de

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