Notfallsanitäter Jörg Nießen: „Es gibt Patienten, die sich nur das Taxi sparen wollen"

Autor Jörg Nießen fährt seit mehr als 20 Jahren Rettungsdienst: Wir haben mit ihm über sein aktuelles Buch, korrekte Rettungsgassen und die Mandarinen im Po eines Patienten gesprochen.

von Tina Epking (Interview)

Der Feuerwehrmann und Notfallsanitäter Jörg Nießen hat schon einiges erlebt: In seinem neuen Buch schildert er auf sehr amüsante Art die skurrilsten Fälle aus seinem Berufsleben. Wir haben ihn dazu interviewt.

Barbara.de: Ihr neues Buch heißt "Rettungsgasse ist kein Straßenname". Warum?

Jörg Nießen: Langsam beginnt sich die Situation zwar zu verbessern, aber es gibt trotzdem noch immer Probleme bei diesem Thema: Die eine Situation ist die, dass Menschen hinter uns herfahren und versuchen unseren Windschatten zu nutzen. Das ist besonders spannend, weil man ja nur mit uns gleichzeitig an der Unfallstelle ankommt, und diese Leute sicher nicht nur helfen wollen und können. Ansonsten fährt uns auch öfter jemand in der Rettungsgasse voraus oder bremst uns aus. “Rettungsgasse ist kein Straßenname“ ist ein O-Ton aus dem aktuellen Buch, der Erlebnisse wie diese sehr schön widerspiegelt.

Wird man nicht in so einer Situation nicht wahnsinnig wütend?

Ja, klar, aber ich kann nichts machen – außer im Auto zu sitzen und zu fluchen. Alles, was um mich herum passiert, ist Aufgabe der Polizei. Ich kann ja nicht aussteigen und mit demjenigen eine Prügelei anfangen. Damit gefährde ich nur den Einsatzerfolg. Warum sich jemand so rücksichtslos und im wörtlichen Sinne asozial verhält, weiß ich auch nicht. Es gibt dafür keine logische Erklärung. Ich möchte aber betonen, dass die Menschen langsam etwas mehr Bewusstsein dafür entwickeln, wie eine Rettungsgasse funktioniert. Auch dadurch, dass mittlerweile an fast jeder Brücke ein Schild dazu hängt. In der Fahrschulausbildung nimmt das Thema nur zehn Minuten ein, das allein genügt nicht. Eine Rettungsgasse kann man theoretisch schlecht üben, die muss im Ernstfall richtig gebildet werden. 

Wenn wir von Rettungsgassen sprechen, geht es ja tatsächlich um Notfälle. Allerdings erzählen Sie in Ihrem Buch auch von Notrufen, die nicht unbedingt nötig wären...

Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, 20 Prozent unserer Einsätze sind tatsächlich lebensrettend, gute 50 Prozent sind nötig, und weitere 30 Prozent würde ich aus meinem persönlichem Empfinden sagen, sind unnötig. Zum Beispiel die junge Frau, die in der Tür steht und sagt, sie habe uns gerufen, weil sie mehr Haare in der Bürste hat als sonst. Oder der Mann, der sich vor drei Tagen mit dem Messer geschnitten hat, an dem auch Fisch war und der sich auf einmal Sorgen wegen einer Blutvergiftung macht. Man versucht natürlich noch, ernsthaft an solche Situation heranzugehen, aber da stellt man fest, dass Teile der Gesellschaft Selbstständigkeit eingebüßt haben. Die Resilienz hat nachgelassen, die Leute sind gewohnt, dass man  einfach jemanden anruft, der hilft. 

"Menschen sind manchmal komische Tiere"

Was war das Skurrilste, das Sie in letzter Zeit erlebt haben?

Das war ziemlich sicher der ältere Herr mit Doktortitel im Villenviertel, der morgens um 6 auf seiner Terrasse stand, nur mit offenem Bademantel bekleidet, auf seinem Keyboard "Liebe ohne Leiden" von Udo Jürgens spielte und dazu laut sang. Seine Frau erzählte uns, dass er sich immer so benimmt, wenn er kokst und dass er sich außerdem zwei Mandarinen rektal eingeführt habe. Im Krankenhaus stellten sie dann noch fest, dass sich in der Harnröhre dicke Bohnen befanden. Da war ich schon fassungslos! Menschen sind manchmal komische Tiere, es ist nicht immer logisch erklärbar, was da so passiert.

Verzweifelt man bei Ihrem Job an der Menschheit?

Natürlich frage ich mich ab und zu, ob die Evolution hier und da falsch abgebogen ist. 

Sie erzählen auch von Stammkunden...

Ja, es gibt Patienten, die uns immer wieder rufen, weil sie die Situation nicht beurteilen können. Zum Beispiel Herr Herbst aus meinem Buch, er denkt wirklich, jedes Mal aufs Neue, er sei in Lebensgefahr, auch wenn er nur ganz normale Bauchschmerzen hat. Auch der Hypochonder mit Schüttelfrost, der Angst um sein Leben hat, ruft ja aus bestem Wissen und Gewissen an. Dafür habe ich ein gewisses professionelles Verständnis. 

Gibt es etwas, für das Sie kein Verständnis haben?

Es gibt Patienten, die auf frappierende Art ehrlich sind. Die sagen uns auf der Fahrt ins Krankenhaus ins Gesicht, dass sie quasi nur das Taxi sparen wollen oder hoffen, mit uns in der Ambulanz schneller behandelt zu werden. 

Was würden Sie sich wünschen, wie sich Menschen in Notfällen verhalten?

Das ist ganz einfach: Ruhe bewahren! Einfach noch mal kurz den Kopf einschalten bevor ich in Panik verfalle. Das hilft dann auch in der Rettungsgasse. 

"Angst ist kein guter Ratgeber

Sind Sie wirklich immer ruhig? Haben Sie nie Angst?

Angst ist kein guter Ratgeber, aber es gibt natürlich Situationen, in denen ich Respekt habe. Dann bin ich vorsichtig. Angst sollte in meinem Job kein ständiger Begleiter sein. Der Patient darf auf jeden Fall nicht merken, wenn wir nervös sind. Außerdem haben wir viele Möglichkeiten uns abzusichern. Ich kann einen Notarzt rufen, der mir helfen kann, der wiederum kann einen leitenden Notarzt rufen, der noch besser ausgestattet ist. Man muss aber auch akzeptieren, dass man nicht jeden retten kann. Das ist Teil des Berufes. 

Kann man das lernen?

Es ist sicher eine Persönlichkeitsfrage. Es gibt durchaus Leute, die mit dem Rettungsdienst anfangen und schnell wieder aufhören, weil sie merken, dass ihre psychische Hygiene leidet. Bei mir ist das glücklicherweise nicht der Fall.

Wie gehen Sie denn damit um, wenn Ihnen bei einem Einsatz jemand stirbt?

Das hängt sehr vom Einzelfall ab. Wenn ein 80-Jähriger einem Herzinfarkt erliegt, bin ich das nach 20 Jahren im Beruf gewöhnt. Es gibt aber auch Fälle, bei denen ich einen 35 Jahre alten Familienvater reanimieren muss und nach zwei Stunden feststelle, dass wir keinen Erfolg haben und er tot ist. Das trifft mich dann schon. 

In Ihrem Buch deuten Sie an, dass oft niemand hilft im Notfall? 

Ich erlebe beides. Natürlich leisten Menschen auch Erste Hilfe. Aber manchmal ist man schon dankbar, dass überhaupt der Notruf getätigt wurde. Es gab einen Fall in einem Nobelrestaurant, wo alle einfach in Seelenruhe weiter aßen während wir versuchten jemanden zu reanimieren. Der Kellner erkundigte sich sogar mittendrin nach der Verfügbarkeit des Tisches. 

Wie verhalte ich mich im Notfall eigentlich richtig?

Ansprechen, anfassen, gucken, ob derjenige bei Bewusstsein ist. Wenn man keine adäquate Atmung feststellt mit der Reanimation beginnen, einen Notruf veranlassen Wenn man den Patienten nicht Mund zu Nase beatmen möchte, dann auf jeden Fall eine Herzdruckmassage machen. Dabei kann man nicht viel falsch machen. Notfalls einfach den Brustkorb rhythmisch mit Kraft eindrücken, etwa 100 mal pro Minute – und zwar das Brustbein, das ist die harte Platte, die sie deutlich tasten können. Allerdings erst, wenn derjenige nicht mehr ansprechbar ist. 

Ekeln Sie sich manchmal?

Eindeutig ja. Mich belasten Situationen, in denen ich feststellen muss, dass in diesem wohlhabenden Land Menschen unter wirklich ekelhaften Bedingungen leben müssen, vereinsamt, alleine und schwer krank. Wir treffen Menschen unter Bedingungen an, unter denen man nicht mal ein Hausschwein halten würde.

Warum sind Sie eigentlich ursprünglich Rettungssanitäter geworden?

Im Rettungsdienst hat man eine sehr unmittelbare Rückmeldung, ob das, was man tut, von Erfolg gekrönt ist oder nicht. Ich weiß sofort, ob ich denjenigen unter optimalen Bedingungen in der Klinik abgeliefert habe. Im Zivildienst war das für mich eine ganz neue Erfahrung, mit  jugendlichen 20 kam damals natürlich auch Abenteuerlust hinzu. Die hat mittlerweile allerdings etwas abgenommen...

Wie lange möchten Sie den Job noch machen?

Ich bin nicht nur Notfallsanitäter sondern auch Feuerwehrmann. Die wenigsten Kollegen fahren tatsächlich ausschließlich Rettungsdienst bis sie Mitte 60 sind. Ich bin jetzt 43, ein paar gute Jahre traue ich mir also durchaus noch zu.


Jörg Nießen wurde 1975 im Rheinland geboren und ist in einer nordrhein-westfälischen Stadt als Feuerwehrmann und Notfallsanitäter tätig. Sein Debüt "Schauen Sie sich mal diese Sauerei an" und sein Nachfolger "Die Sauerei geht weiter..." waren Bestseller. "Rettungsgasse ist kein Straßenname. Die Abenteuer eines Notfallsanitäters und Feuerwehrmanns" ist bei Eden Books erschienen und kostet 12,95 Euro. 







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