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Papa auf Probe – Vier Tage mit einem Babyroboter

Papa auf Probe – Vier Tage mit einem Babyroboter
© Getty Images
Unser Autor ist schwul, Single, bald 40 – und ihn beschäftigt die Kinder-Frage. Was wäre, wenn er wirklich Vater würde und seine Unabhängigkeit aufgeben müsste? Vier Tage Elternpraktikum
von Roland Rödermund

Schockmoment in einem Laden auf dem schicken Hamburger Neuen Wall, wo gerade eine Vernissage stattfindet: Ein Baby fliegt durch die Luft – mein Baby! Um „Trudi“ auf dem komplizierten Designersofa zu wickeln, hatte ich mich auf die Lehne gesetzt. Wie bei einer einseitig belasteten Bierbank schoss die andere Sofaseite nach oben und wurde zum Baby-Katapult.

Wir spielen Vater, keine Mutter, Kind

„Hab dich!“, rufe ich erleichtert und in Richtung der irritierten Gäste, als ich sie gerade noch greife, bevor sie auf den Steinboden fällt – um kurz darauf selbst auf dem Hintern zu landen. In meinem Leben als schwuler Single-Mann ist – rumms! – ein Baby gelandet. Für die nächsten vier Tage bin ich Papa auf Probe. Trudi ist eine Art Tamagotchi, 53 Zentimeter groß, dreieinhalb Kilo schwer und sirenenartig laut. Normalerweise werden die putzig aussehenden Babyroboter bei Teenagern eingesetzt, für dieses Experiment spiele ich mit Trudi Vater, keine Mutter, Kind. Wie viele schwule Männer schloss auch ich als Endzwanziger Pakte mit Single-Freundinnen, mit 35, spätestens 40 eine Familie zu gründen, „falls wir keinen abkriegen“. Sie wurden ungültig, wenn ich in Beziehung lebte oder die Damen meiner Wahl Mr. Right trafen. Ohne Uterus, Paarungsbereitschaft oder adoptionswilligen zweiten Vater ist ein Baby für mich gerade kein Thema. Na ja, irgendwie doch … Mein Kinderwunsch auf den Punkt gebracht: Muss nicht, wäre aber sehr schön.

Dass man als schwuler Mann aus Versehen ein Kind zeugt, passiert nur in Filmen

„DU WÄRST BESTIMMT EIN TOLLER Papa, aber genieß doch deine Freiheit“, sagen Freunde oft, wenn ich davon erzähle. Sie verweisen dann auf Reisen oder aufregende Jobs, die ich in ihren Augen nonstop mache, während manche von ihnen stillend oder spielend zu Hause beim Nachwuchs sind. Überhaupt glauben viele Menschen, nur weil man männlich und zufälligerweise schwul ist, hätte man keinen Kümmerwunsch. Aber ich habe einen. In meiner Vorstellung wächst mein Kind in einer wie auch immer gearteten Familie auf, nicht mit mir allein, aber ich tobe mit ihm durch die Natur, spiele mit ihm Fußball oder Barbie oder was es möchte, tröste es, liebe es über alles – und lasse im Ernstfall alles stehen und liegen. Kein Kind zu haben ist keine dramatische Lücke, aber schon eine kleine. Dass man als schwuler Mann mit einer Frau aus einer Laune oder einem Versehen tatsächlich ein Kind zeugt, passiert nur in Filmen, ich muss mir also was einfallen lassen, wenn ich die Lücke vorübergehend schließen will.

Mein Kind lässt sich nicht programmieren. Zumindest nicht von mir.

Der Name Trudi fällt mir auf der Fahrt zur Familienförderungsstelle der Stadt Buxtehude ein, wo ich das „RealCare Baby“ ausleihe. Meine wahren Babynamenfavoriten sollen dem Ernstfall vorbehalten bleiben, ich habe sie als Notiz in meinem Handy gelistet: Pina, Henry, Pablo … Als das Papa-Programm startet, bin ich erst überrascht, dann geflasht: Mein „Babygotchi“ gibt sogar Atemgeräusche von sich! Der gleichmäßige Takt hat eine beruhigende Wirkung. Die nur die Ruhe vor dem Sturm ist: Zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten schreit Trudi plötzlich und ohrenbetäubend, von Schreibaby bis Chillbaby lässt sich alles programmieren – nur bin ich leider nicht im Besitz der Control Center Software … Das Geschrei stoppt, wenn ich den Chip an meinem Handgelenk auf den Bauch des „So-als-ob-Babys“ halte, worauf ein lautes „Tüdeldüü“ erklingt – und das richtige Pflegeprogramm anwende. Klingt viel einfacher als bei einem echten Baby, ist aber vor allem anfangs totales Rumprobieren: im Arm halten oder zum Bäuerchen animieren? Füttern oder Windel wechseln? Letzteres passiert trocken immerhin, ein Hoch auf die Sensorik. 

Hab ich das gerade wirklich getan?

Mache ich alles richtig, mündet das Gebrüll irgendwann in zufriedenes Glucksen oder ein entzückendes Bäuerchen. Brauche ich mehr als zwei Minuten, um richtig zu reagieren, oder vergesse ich, den Kopf zu stützen, registriert die Mechanik Vernachlässigung oder grobe Behandlung. Als mich nächtliches Gebrüll erstmals aus dem Tiefschlaf reißt, vergesse ich komplett, erst das Sensor-Armband anzuwenden, was zu minutenlangem Schreien Trudis und Hektik meinerseits führt. Jetzt gerade ist sie für mich nichts als ein schriller, überdimensionaler Wecker, an dem ich den Ausknopf nicht finde. Ich fühle schon Stressflecken glühend im Nacken, lege zur Dämpfung mein Kissen über den Lautsprecher auf der Puppenbrust, damit mein Mitbewohner Josef drei Zimmer weiter nicht wach wird. Krass! Habe ich echt gerade ein Kissen auf mein Kind gelegt?!

Früher hab ich mit Playmobil gespielt

Trudi, die ich auch, haha, Püppi oder „der Gerät“ nenne, bleibt für mich zwar ein seelenloses Ding, doch immer wieder kitzelt es Vatergefühle heraus. Mal spreche ich mit ihr oder mache das gleiche instinktive Tröst-„Oooch“ wie bei meiner kleinen Patentochter, wenn sie weinen muss. „Hattest du denn früher keine Barbie?“, fragt mich ein Kumpel, der ernsthaft glaubt, ich hätte mein, wie er sagt, „Puppenthema“ nicht ausgelebt, als ich von meinem Kunststoffkind erzähle. Sehr witzig, ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich auch viel mit meinem Playmobil-Fort spielte. 

Ein Abend ohne Kind

Am zweiten Abend besuche ich einen Vortrag über die Zukunft des Journalismus. Ohne Trudi, die mit einem Zweitarmband von einem Puppensitter umsorgt werden kann. Bevor ich einen Facebook-Aufruf starte, fällt mir meine Freundin Nina ein, selbst zweifache Mutter. Sie gerät völlig aus dem Häuschen, als sie uns sieht („Roooli, mir schießt gleich die Milch ein!“). Sie hat nach einer Sekunde mehr elterliche Gefühle als ich nach einem Tag! Schön, so ein Abend ohne Kind, denke ich. Um mich gleich zu Beginn der Veranstaltung zu fragen, was es wohl „macht“, den Reden kann ich nicht folgen. Bin wohl jetzt schon von der Rolle als junger Vater. Später am Abend bette ich Trudi neben mich und halte mein Ohr dicht an sie, plötzlich ist das Atemgeräusch weg! Dass kurz darauf ein Seufzer erklingt, erleichtert mich unverhältnismäßig. Aha, Programmwechsel – in eine weitere laute Nacht …

"Müsst ihr machen echtes Baby!"

Wenn ich mit ihr im Tragegurt durch die Stadt spaziere, meine Arme um sie, ist Trudi nicht von einem Baby zu unterscheiden. Die tendenziell eher kühlen Blicke der Hamburger Passanten werden weich wie Vanilleeis in der Sonne, vielleicht ist es auch 2017 noch etwas Besonderes, einen Mann allein mit Säugling zu sehen. Hatte ich schon erwähnt, dass Trudi nach Vanille riecht, gegen den Plastikgeruch? Wenn sie nicht gerade weint und so an meinen Oberkörper geschnallt ist wie jetzt, wird mir warm ums Herz. Auch ganz physikalisch, durch ihr Gewicht und meine Körpertemperatur fühle ich mich nun am ehesten so, als trüge ich ein Menschenkind. Als wir am nächsten Tag mit einer Freundin zum Pilzesuchen ins Umland fahren, schreit Trudi, nun wieder „der Gerät“, ohne Pause, ohne dass wir rausfinden, weshalb. An der Raststätte schüttelt der türkische Tankwart lachend den Kopf: „Leute, müsst ihr machen echtes Baby!“ Wir lächeln etwas bemüht. Als Trudi in ein besorgniserregendes, mir bis dahin unbekanntes Megaschreien verfällt, nehme ich sie an der nächsten Ampel von Sarahs Schoß – ohne nachzudenken packe ich sie wie ein Greifarm auf dem Jahrmarkt oben am Kopf. Mein Tiefpunkt als Papa-Praktikant.

Die Wohnung kommt mir später sehr still vor

Am Morgen nach dem letzten Tag ist Trudi „off“, das Programm ist zu Ende. Ich packe sie mitsamt Zubehör in eine Sporttasche. Dabei fällt mir ein: Per Sensorclip für meinen Pulli hätte ich sogar „stillen“ können. Diese einzigartige Erfahrung habe ich nicht gemacht, ja sogar: vergessen! Das Auslesen der Daten bringt zutage: In 59 Prozent der Fälle habe ich alles richtig gemacht. Es kam zu „leichten Vernachlässigungen“ (schreien lassen), ich habe kein Schütteltrauma verursacht, dafür sechs – so steht es schwarz auf weiß auf dem Papier – „Misshandlungen“: in Form von fehlender Unterstützung des Köpfchens. Die Wohnung kommt mir später sehr still vor. Die vier Tage mit Trudi voller Geschrei und Schlaflosigkeit haben meinen Kinderwunsch nicht gedämpft. Doch ist er durch das Experiment stärker geworden? Schwer zu sagen. Ich nehme Trudi mal in meine Babynamensliste auf. Aber wenn, dann: Muss ich machen echtes Baby.


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