Pferdemädchen: Warum ich mit fast 40 auf einmal reiten möchte

Unsere Autorin fand Pferdemädchen früher äußerst suspekt. Doch seit der Midlife Crisis möchte sie auf einmal selbst eines sein. 

von Tina Epking

Es gab diese Zeit in meinem Leben, in der ich unbedingt cool sein wollte. Ich muss etwa 14 oder 15 gewesen sein. Damals spalteten sich die Mädchen in unserer Klasse, in die, die so waren wie ich und noch eine andere Gruppe: Die Pferdemädchen. Die anderen verbrachten den Großteil ihrer Zeit am Stall – und ich fand sie öde. Für mich waren sie die Langweilerinnen, weil sie diese Tiere mehr liebten als Jungs, Partys oder mit Mädchen wie mir abzuhängen, die sich cool vorkamen. 

Pferdemädchen rochen immer leicht nach Stall

Die Pferdemädchen hatten passend zu ihrem Namen Pferdeschwänze, die beim Gehen wippten, sie redeten vor allem über ihre vierbeinigen Freunde und ihre Oberschenkel zeigten, dass sie mehr Zeit auf dem Rücken eines Schimmels, Braunen oder Rappen verbrachten als mit den Füßen auf dem Boden. Sie rochen immer leicht nach Stall und Feten feierten sie höchsten mit ihren anderen Pferdemädchenfreundinnen. Mir kam das blöd vor. Was sollte das bloß?

Mit vier wollte einfach nur sofort wieder runter

Dazu kam, dass ich großen Respekt vor Pferden habe. Ich mag sie, ich finde sie majestätisch, aber ich hab nie eines aus der Nähe kennengelernt. Mit vier habe ich auf einem gesessen und wollte sofort wieder runter. Das war mir alles zu hoch (nicht inllektuell, sondern wörtlich), zu gefährlich und fühlte sich falsch an. Danach hatte ich nie wieder das Verlangen zu reiten. Als ich etwa neun oder zehn war, fuhr ich manchmal mit dem Rad von meinem Elternhaus zur nahegelegenen Rennbahn und streichelte die stolzen Pferde dort, aber nur wenn sie sicher im Stall standen und maximal ihre Köpfe aus der Box lugten. Ich fühlte mich zu ihnen hingezogen, auf ihrem Rücken sitzen wollte ich nicht.

Auf einmal wollte ich auch Pferde streicheln

Dann kam die Teenagerzeit, die Studienzeit, irgendwann wurde ich 30 und bekam Kinder. Zwei Töchter, die irgendwann auf den Bauernhof wollten. Wir erfüllten ihnen diesen Wunsch – und weckten einen neuen in mir. Auf einmal wollte ich wieder gern Pferde streicheln, ich war bereit sie zu striegeln, ich schaute mit Entzücken zu, wie meine Tochter glückselig auf einem Pony saß. Ich sah auf einmal die Romantik in diesem Bild, die die Pferdemädchen aus meiner Schulzeit schon vor 25 Jahren sehen konnten.

Das Fohlen konnte meine Gedanken lesen

In diesen Sommerferien waren wir in Italien und übernachteten auf dem Rückweg am Tegernsee, im nicht ganz günstigen aber sehr schönen Hotel Bachmair Weissach, das direkt neben einer Reitanlage liegt. Man kann dort Urlaub machen und dabei Reitstunden nehmen. Meine Töchter ritten auf einem Pony, während sie das taten, lief ein Fohlen umher, das immer wieder zu mir kam und gestreichelt werden wollte. Es fühlte sich warm und weich an und löste auch genauso ein Gefühl in meinem Bauch aus. Da erinnerte ich mich an eine Studie, die mir neulich eine Kollegin geschickt hatte, als ich erzählte, dass meine Töchter Pferde lieben. Ich hatte in einem Nebensatz fallen lassen, dass mir diese Tiere mittlerweile irgendwie sehr klug erscheinen. Tatsächlich zeigen aktuelle Studien von Tierverhaltensexperten in Großbritannien, dass Pferde in der Lage sind, die Gefühlsausdrücke von Menschen zu lesen und sich sogar an diese zu erinnern. Dieses sehr niedliche Fohlen auf jeden Fall konnte zumindest meine Gedanken lesen. Ich freute mich über so viel Zuwendung und Intelligenz. 

Einmal im Leben möchte ich auch ein Pferdemädchen sein

Nebenan sattelte ein Mädchen einen wunderschönen braun glänzenden Hengst. Und dann hörte ich mich zu der Reitlehrerin sagen: "Könnte ich hier auch eine Reitstunde buchen?". Aus dem ein oder anderen Grund, war das terminlich leider nicht möglich, aber ich weiß nun, was ich in meinem nächsten Urlaub unbedingt machen will. Ich möchte ein Pferdemädchen sein. Zumindest einmal in meinem Leben. Denn das erscheint mir absolut erstrebenswert, auch wenn ich das als Teenager nicht wahrhaben wollte. 


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