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Romeo und Julia der Neuzeit: Hilfe, mein Mann liebt sein Navi!

Romeo und Julia der Neuzeit: Hilfe, mein Mann liebt sein Navi!
© Getty Images
Unsere Autorin beobachtet belustigt die Liebesgeschichte zwischen ihrem Mann und einer anderen Frau. Eifersüchtig ist sie trotzdem. Und das, obwohl "die Andere" nur die Stimme des Navigationsgeräts ist.
Miriam Kühnel

Sie hat es wieder gemacht. Sie hat mal wieder so getan, als wüsste sie genau, wohin der Weg meines Mannes führen soll. Er hat ihr wieder mehr Glauben geschenkt als allen Hinweisschildern und meiner Widerrede. Und jetzt steht er haareraufend vor dem dunklen, reißenden Rhein. "Bitte weiter geradeaus fahren" sagt sie stoisch und mein Mann schlägt wütend die Hände aufs Lenkrad. "Willst du mich umbringen, du dumme Kuh?", schreit er und ich lege beruhigend meine Hand auf seinen Arm. Ob ich eifersüchtig sein sollte, weil er sie dumme Kuh nennt? So hat er mich schließlich  noch nie genannt. Also sein Glück! Aber wieder ein Indiz, dass er mit dem Navi ein bisschen enger ist als mit mir. Also, dumme Kuh sagt man echt erst, wenn große Gefühle im Spiel sind, oder nicht?

Sie hat recht. Immer.

Im Zweifel würde er immer auf sie hören .Obwohl, das war falsch formuliert. Im Zweifel hört er immer auf sie - nix da Konditional. Schon oft vorgekommen. Wenn ihre Festplatte gegen meine Intuition antritt, würde er immer ihre Festplatte ins Ziel winken. Leider winkt sie ihn danach wie so oft sonstwohin. Nur nicht ins Ziel. Dann kommt mein Moment und ich koste ihn aus. Zeige ihr innerlich den Mittelfinger und triumphiere, wenn er mir lächelnd dankt. Einmal hab ich ihr heimlich die Zunge rausgestreckt. Nicht innerlich, sondern echt. So weit ist es schon mit mir. Es ist die Rache für die Zärtlichkeit, mit der er sie ansieht, wenn sie ausnahmsweise tatsächlich mal irgendwas richtig wusste.

Wisst ihr noch, früher, als Männer noch wussten, wo wir abbiegen müssen?

Als ich meinen Mann kennengelernt hab, da gab es sie noch nicht mal. Es sind ja immer die jungen Dinger, die einem den Mann ausspannen. Immerhin schläft er noch nicht im Auto. Aber Liebe ist es ganz sicher. Sobald er sich ins Auto setzt, macht er sie an. Völlig ungeniert, obwohl ich daneben sitze. Und dieses selige Lächeln, wenn ihre Stimme erklingt. "Bitte rechts fahren". Mit diesem leicht erotischen Säuseln. Grrrr. Oh, und wehe ich rede dazwischen. Dann guckt er so gestresst, weil jedes ihrer Worte so viel Gewicht hat. Jedenfalls mehr als meines. Und ich denke dann daran, wie sexy es war, dass er früher immer so genau wusste, in welcher Spur man sich einfädeln musste. Auch ohne sie.

Alles eine Frage der Einstellung

Jetzt stehen wir also vor einem Fluss und mein Mann hat Bluthochdruck. "Ich fahre!", bestimme ich und er nickt willenlos. Diesen erneuten Betrug von "Helga" (so nennen wir sie) hat er nicht verkraftet. Ich lasse mich auf den Fahrersitz fallen und lege den Rückwärtsgang ein. Mein Mann will das Navi ausschalten. Ich bremse und lege die Hand schützend  auf das Gerät. Dann ändere ich die Einstellung auf "Männerstimme". Sie klingt rauchig und sexy und tief.Ich nenne sie Tom. "Wenn möglich, bitte wenden", sagt er und ich nicke zufrieden. Seitdem hört auch mein Mann auf Tom, nicht mehr auf Helga. Manchmal träume ich ehrlich gesagt von seiner Stimme. Weil Tom wirklich immer weiß, in welcher Spur wir uns einfädeln müssen. Sexy! Wirklich! ROOAAAAR!


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