Schluss mit Leistungsdruck! – Die Antwort auf alles lautet "Slow Sex"

Oha! Nach Slow Food und Slow Travelling soll die Langsamkeit nun auch bei uns im Schlafzimmer einziehen. Ganz im Sinne der Liebe. Wenn man den Experten glaubt, ist Slow Sex die Antwort auf alles.

von Miriam Kühnel

Slow Sex. Wieder so ein Modewort. Nachdem wir jetzt schon achtsam atmen, sporteln, denken und kochen, macht der Trend also auch nicht Halt vor unserer Schlafzimmertür. Dabei klingt "Slow Sex" jetzt nicht gerade nach einem erotischen Höhenflug. Ist guter Sex nicht vor allem leidenschaftlich, fordernd, einfach wie ein Feuer, das lodernd die Zeit verschlingt? Jein, meinen die Experten. Leidenschaftlich: ja. Fordernd: nein. Denn Forderungen gehen ja auch immer mit Leistungsdruck einher. Und der, soweit die Slow Sex Experten, hat im Bett nichts zu suchen. Wenn man es geschafft hat, auch im Bett ganz langsam und achtsam zu werden, dann hilft das angeblich gegen so ziemlich alles: Von der Ehekrise bis zum Stresspegel bei der Arbeit. Weil man so entspannt ist. Mh.

Paaren geht nach ein paar Jahren die Luft aus

Dass die meisten Langzeitpaare jetzt nicht jeden Tag den absoluten Überfliegersex haben, ist ja bekannt und irgendwie auch logisch. Während man frischverliebt all die kleinen attraktiven Eigenschaften am anderen wahrnimmt und durch die Hormone allein schon ganz wuschig ist, wird aus ebenselbem Menschen ja irgendwann der Typ, mit dem man die Steuer zusammen veranlagt, obwohl er mit seinen Dokumenten nicht gerade ordentlich ist. Es ist der Kerl, der seine Socken überall rumfliegen lässt, der seine Bartstoppeln nicht gründlich genug aus dem Waschbecken wischt und der nach einem langen Arbeitstag miesepetrig rumstänkert. Und man selbst ist halt auch keine Prinzessin, sondern am Ende nur ... äh ... man selbst halt. Und auch wenn die Liebe all diese "perfect imperfections" aushält, in Sachen Erotik ändert sich eben doch etwas, wenn der Alltag einkehrt.

In der Ruhe liegt die Kraft

Die gute Nachricht ist ja, dass es allen anderen nicht besser geht. Und trotzdem muss man sich nicht damit abfinden. Die eine Lösung, auf die alle kommen: Mehr Abenteuer. Früher oder später werden in vielen Betten also verrückteste Stellungen, Sextoys und ausgefallene Ideen ausprobiert, um der Lust wieder wildes Leben einzuhauchen. Laut Diana Richardson, Sexualtherapeutin aus Südafrika, ein Trugschluss. In der preisgekrönten Dokumentation "Slow Sex" erklärt sie, warum das so nicht funktioniert. Ambitionierten Sex noch ambitionierter zu machen, hält sie für keinen sinnvollen Ansatz, das "echte" Problem zu lösen. Und das findet sich oft eher auf der Beziehungsebene und weniger im Mangel verruchter Sexpraktiken. Schuld am Sex-Frust ist ihrer Meinung nach vor allem der Druck, der auf beiden Partnern lastet, gut zu performen. Beim Mann muss für traditionellen Sex der Penis erigiert sein (möglichst schnell und möglichst lange) und die Frau fühlt sich schlecht, wenn sie nicht sofort feucht wird oder nicht so schnell bereit ist, ihn eindringen zu lassen. Am Ende sind dann beide enttäuscht, weil man sich zwar alle Mühe gegeben hat, es aber doch irgendwie wieder nur eine weitere verzweifelte Hetzjagd auf einen Orgasmus war. Slow Sex, verspricht Diana Richardson, ist genau das Gegenteil.

Wie genau geht Slow Sex?

Slow Sex kennt nur eine Regel, und zwar: Nimm dir Zeit. In den von Diana Richardson organisierten Sex-Seminaren rät sie ihren Teilnehmern zunächst, alles wie immer zu machen, nur mit ganz viel Zeit. Zwei bis drei Stunden sollte der Slow Sex schon dauern. Zum Vergleich: Normaler Sex geht meist in 20 bis 30 Minuten über die Bühne. Wer gerade für den Mann nun noch mehr Druck beim Thema Standhaftigkeit vermutet, liegt falsch. Denn Slow Sex funktioniert ganz ohne Erektion. Auch die Frau muss nicht erregt sein. Diana Richardson wichtigster Tipp: Immer Gleitgel benutzen. So kann der Mann sogar in die Frau eindringen, wenn beide nicht erregt sind. Das geht, fragt ihr euch? Fragen wir uns auch. Aber offensichtlich ist es möglich. Sagt schließlich Diana Richardson.

Und was bringt das Ganze?

Was dann passiert, ist ganz individuell. Sex halt – nur eben viel langsamer und entspannter als sonst. Mit Pausen. Mit Pannen. Ganz ohne Druck oder Erwartung. In dem Dokufilm von Diana Richardson erzählen Paare, wie es ihnen mit Slow Sex geht. "Mein Leben ist jetzt ganz anders. Und unsere Beziehung viel intensiver." So ungefähr lautet die Quintessenz. Wir finden: Daumen hoch! Dieser Trend ist endlich mal wirklich sinnvoll. Höher, weiter, besser, schneller, schlanker und cooler gibt es schon genug auf dieser Welt. Das muss ja nicht auch noch in unseren Betten stattfinden. 

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