Selbstfindung: Diese Frau weiß, wie man gelassener wird

Die Journalistin Christine Dohler ist um die Welt gereist, um sich selbst zu finden. Dabei hat sie festgestellt, dass man überall entspannter werden kann, auch Zuhause. Sie hat uns im Interview verraten, wie.  

von Tina Epking (Interview)

Die Autorin und Meditationslehrerin Christine Dohler kommt in einem leuchtend roten Kleid und mit knallrotem Lippenstift ins Café. Dann bestellt sie sich einen Cappuccino, einen Nutellatoast und strahlt – und man glaubt ihr sofort, dass sie so bei sich selbst ist, wie sie es in ihrem Buch beschreibt. Die 37-Jährige war allerdings nicht immer so entspannt, sie musste es lernen. Wie sie das getan hat, kann man in ihrem sehr klugen und unterhaltsamen Buch "Am Ende der Sehnsucht wartet die Freiheit" nach lesen. Wir wollten von ihr wissen, wie wir auch ohne Weltreise glücklich und ausgeglichen werden. Außerdem haben wir mit ihr über ihre schweigsame Zeit im Kloster, ihre vier Tage allein im Wald und über Orgasmische Meditation gesprochen.  

Barbara.de: Dein Stichwort war Selbstfindung. Du hast für dein Buch extreme Sachen gemacht. Wie hat alles angefangen?

Zuerst bin ich in ein Kloster in Nepal gegangen. Ich hatte dort vier Wochen kein Internet und kein Handy, ich habe dort nur meditiert und Yoga geübt. Meistens schweigend. Ich hatte mich vier Wochen komplett weggeschaltet. Als ich dann aber wieder Zuhause war und mein Handy piepte, merkte ich, dass ich genau wieder dort angekommen bin, wo ich vorher war. Die Zeiten, in denen man sich komplett rausnimmt, sind wichtig, aber das Lernen und Verändern fängt im Alltag an. Wenn man mir im Kloster erzählt, dass ich nicht schlecht über andere reden soll, weil es mir Energien raubt, muss ich das auch Zuhause machen. Es darf keine gute Idee bleiben, man sollte das regelmäßig machen. Das ist auch bei der Meditation so, es ist für mich keine Selbstoptimierung, es gibt mir Ruhe und Kraft. Allerdings breche ich meine Regeln selbst ständig (sie lacht). Ich bin eigentlich nicht sehr diszipliniert, ich meditiere nur jeden Tag, weil es mich glücklich macht und weil ich es liebe. 

"Man kann mit kleinen Stellschrauben sein Leben verändern, dafür muss man nicht weit reisen"

Gehen wir mal davon aus, dass nicht jeder es schafft täglich zu meditieren. Hast du noch andere Ideen zur Selbstfindung und wie man im Alltag gelassener werden kann?

Bewegung, bei der man die Körperwahrnehmung schult, ist gut: Das kann Yoga sein oder einfach gehen. Es geht nur darum, dass man seinen Körper gut kennenlernt und seine Signale hört. Wenn wir stundenlang am  Schreibtisch sitzen, werden wir oft körperlos und dann merken wir gar nicht mehr, dass wir müde sind oder Rückenschmerzen haben. Dann neigen wir dazu, über unsere Grenzen zu gehen. Es ist wichtig, sich Auszeiten zu schaffen, mal Pausen zu machen. Ich versuche, im Moment zu leben, beim Weg zur Toilette oder um einen Kaffee zu holen, telefoniere ich nicht nebenbei oder denke ich nicht schon wieder dran, was ich alles noch erledigen muss. Ich mache eins nach dem anderen, ganz bewusst, dadurch fühlt sich alles weniger eilig an. Wenn ich an der Ampel warten muss, rege ich mich darüber nicht mehr auf, ich nutze diese Zeit für mich als Pause. 

Du redest auch nicht mehr schlecht über andere...

Ich versuche zumindest, nicht mehr alles zu bewerten. Ich kriege ja nur selbst schlechte Laune, wenn ich negativ über andere rede. Früher bin ich oft vom schlimmsten ausgegangen, habe auch Ängste gehabt, nicht gemocht zu werden, das hat mich gestresst. Ich  habe heute keine konkreten Erwartungen mehr, nur Hoffnungen und Wünsche. Wenn man zum Beispiel mit Menschen spricht und Konflikte angeht, dann lassen sie sich oft viel leichter lösen, als man vorher angenommen hat.

Du empfiehlst, dich von Menschen fernzuhalten, die negativ sind. Wie mache ich das?

Ja, ich finde das wichtig, das man sich nur mit Menschen im Privatleben trifft, die man wirklich mag. Ich mache das auch selbst und umgebe mich nur mit Menschen, die mir einen positiven Vibe mitgeben. Das heißt nicht, dass sie nur alles gut finden, aber wenn sie mich kritisieren, dann immer konstruktiv. Neider oder Menschen, die immer nur alles schlecht machen, rauben so viel Energie. Ich glaube, man kann mit ganz vielen kleinen Stellschrauben sein Leben verändern, dafür muss man nicht weit reisen. Man kann sich selbst entscheiden, ob man morgens schlecht gelaunt aufsteht oder nicht.

"Wenn man sich selbst mehr zeigt, dann sind die anderen auch viel offener"

Du allerdings bist für dein Buch sehr viel gereist und hast einiges ausprobiert. Was war besonders extrem für dich?

Ich war in Italien vier Tage und Nächte allein im Wald, habe mich meiner Einsamkeit gestellt und habe da dann gemerkt, dass das nur ein Konstrukt ist. Ich war zwar real einsam, aber ich habe mich gar nicht so gefühlt. In der Natur zu sein, hat mir ganz viel Kraft gegeben. Ich war danach auch so stolz auf mich, weil ich mich meinen Ängsten gestellt habe. Ich bin nämlich grundsätzlich eher ein ängstlicher Mensch, ich bin nur im Laufe der Zeit mutiger geworden. 

Insgesamt hat man das Gefühl, dass du dich mit jeder Erfahrung weiterentwickelst und dich auch selbst mehr liebst...

Ja, Selbstliebe ist definitiv ein Thema. Es ist aber nicht so einfach, dahin zu kommen und sich selbst zu lieben. Es hilft nicht, sich das vorzunehmen, man muss das wirklich fühlen.
Wie hast du das geschafft?

Dieses Gefühl kann man durch regelmäßige Meditation erreichen. Ich habe auch viel Zeit mit mir alleine verbracht, mich besser kennengelernt und gelernt, mir selbst mehr zu vertrauen. Ich habe auf meinen Reisen viele Menschen getroffen, die Dinge an mir mochten und es mir gesagt haben, weil ich mich auch immer mehr geöffnet habe. Wenn man mutig ist und sich selbst mehr zeigt, ganz authentisch ist, dann sind die anderen Menschen auch viel offener. Ich sah an anderen schneller positive Eigenschaften als an mir, habe aber im Laufe der Zeit festgestellt, dass ich die auch selbst habe. 

Du bist über einige Grenzen gegangen. Welche hat dich am meisten Überwindung gekostet?

Ich habe an einer Orgasmischen Meditation teilgenommen (sie lacht). Es ist eine Praxis wie Yoga und Meditation, aber es wird ziemlich intim. Das kann man mit seinem Partner machen, aber ich habe das in einer Gruppe gemacht mit Fremden. In einem festgelegten Ritual hat dabei ein fremder Mann, der komplett bekleidet ist und Handschuhe trägt, 15 Minuten lange meine Klitoris berührt. Es geht darum, seinen Körper kennenzulernen und die sexuelle Energie zu öffnen. Viele Frauen haben ja beim Sex keine Lust oder Freude. Mir ging es zwar nie so, doch ich habe die Übung genutzt, um meinen Körper noch mehr zu erforschen und Scham zu überwinden. Für mich war das zwar eine Überwindung, aber es war einfacher als mit einem Mann, denn ich kenne, weil ich ja für einen fremden Mann keine Gefühle hatte. Ich konnte so mehr auf mich und meine Bedürfnisse achten. Beim Partner habe ich mich oft darum gesorgt, wie es dem anderen geht. 

Aber ist das nicht Sex unter dem Tarnmantel der Meditation?

Da gibt es sicher Fälle, aber ich habe das für mich nicht so empfunden, sondern die Orgasmische Meditation als Körper- und Bewusstseinserfahrung für mich gesehen, die mir Energie gibt. Männer, die Pornofantasien haben, kommen auch nicht zu den Kursen, für die wäre das zu anstrengend, sie müssen sich ja Mühe geben. Es war auch eine Superübung für mich, um "ja"und "nein" zu sagen. Man kann ja sagen, man möchte mit bestimmten Männern nicht üben. Heute würde ich das aber auch eher mit meinem Partner machen, das wurde mir dann auch alles ein bisschen zu viel. 

Selbstfindung: "Ich bin eine ganz normale Frau – was ich schaffe, schaffen auch andere"

Dein Buch ist sehr persönlich. War es schwierig, das alles so aufzuschreiben?

Klar, aber ich dachte, ich mache das ganz oder gar nicht. Wenn ich den Lesern sage, sie sollen authentisch sein, muss ich das auch hundertprozentig vormachen. Natürlich habe ich ein paar Sachen privat gelassen, ich schreibe zum Beispiel nicht sehr viel über meine Familie. Ich habe allerdings nichts erfunden. Ich möchte, dass ein Gefühl rüberkommt, dass Menschen berührt und inspiriert werden durch das Buch, daher soll es auch  meine Emotionen transportieren. Ich möchte ja eine Identifikationsfläche bieten, ich will den Lesern Mut machen, dass sie auch Dinge in ihrem Leben verändern, um glücklicher zu werden. Man muss dafür nicht alle extremen Erfahrungen machen, die ich gemacht habe. Meditieren und seine Träume leben kann man überall. Ich bin eine ganz normale Frau – was ich schaffe, schaffen auch andere.

Christine Dohler hat Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Hamburg studiert und die Henri-Nannen-Journalistenschule besucht. Als freie Autorin schreibt sie für Medien wie die ZEIT, FLOW, Süddeutsche Zeitung und FAS. Auf ihrem Podcast „Am Ende der Sehnsucht wartet die Freiheit" berichtet Christine von ihren Erfahrungen, außerdem bietet sie online und offline Meditationskurse an, um ihr Wissen aus jahrelangem Training bei Lehrern weltweit weiterzugeben. Dazu hat sie eine Ausbildung als systemischer Coach absolviert.


"Am Ende der Sehnsucht wartet die Freiheit" ist im September 2018 im Leo Verlag erschienen und kostet 18 Euro. 







Wer hier schreibt:

Tina Epking Tina Epking
Themen in diesem Artikel

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Selbstfindung: Diese Frau weiß, wie man gelassener wird
Selbstfindung: Diese Frau weiß, wie man gelassener wird

Die Journalistin Christine Dohler ist um die Welt gereist, um sich selbst zu finden. Dabei hat sie festgestellt, dass man überall entspannter werden kann, auch Zuhause. Sie hat uns im Interview verraten, wie.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden