Silvester ist ein Arschloch

Unsere Autorin hat ein gespaltenes Verhältnis zu Silvester. Ihre Lösung: Silvester-ist-ein-Arschloch-Partys. Wenn man sich einmal vorgenommen hat, in dieser Nacht auf gar keinen Fall Spaß zu haben, läuft der Jahreswechsel nämlich wie geschmiert.

von Marie Stadler

Man kann ja noch so gesellig sein. Partys super finden. Das Leben, die Liebe, die Menschen an und für sich. Aber Silvester - da hört der Spaß doch auf, oder? Ich für meinen Teil habe jedenfalls grundsätzlich das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, wenn die Sektkorken knallen und sich alle taumelnd in die Arme fallen. Mein Missverhältnis zu Silvester zieht sich durch mein Leben wie ein roter Faden. Schon als Kind habe ich regelmäßig den einen großen Moment verschlafen, obwohl man mir versprochen hatte, mich zu wecken. Als Teenie landete ich irgendwie auch immer genau auf den Partys, auf denen meine kleine Welt genau an Silvester immer wieder unterging. Naja, Teenie-Welten gehen ja insgesamt schnell mal unter.

Silvester, ich hab dir viele Chancen gegeben

Als ich älter wurde, habe ich es immer wieder versucht mit Silvester. Die Bilanz bisher: Festgesessen auf einem einsturzgefährdeten Rohbaudach. Explodierende Rakete in der Autoscheibe meines Taxis. Ich als ungewollter Gast auf der Silvester-Party meines Ex-Freundes. Mitternacht nur mit Fremden in einem liegengebliebenen Zug. Oberpeinliche SMS an Verflossene, die ich im Jahr darauf bitter bereuen sollte. Die Einsicht am 31. Dezember, dass ich für die one-and-only-Party jetzt auch keine Einladung mehr bekommen sollte. Die Liste ist so lang wie erbärmlich.

Meine Lösung: Silvester-ist-ein-Arschloch-Partys

Vor ein paar Jahren erzählte mir eine Freundin, dass es ihr ganz genauso ging. Jedes Jahr aufs Neue die Hoffnung, dass dieser Jahreswechsel vielleicht endlich mal Spaß machen könnte. Und jedes Jahr aufs Neue die Erkenntnis: Wer zu viel will, bekommt rein gar nichts - außer vielleicht das nächste Drama. Also beschlossen wir: Schluss damit. Wir rotteten uns zusammen und veranstalteten unsere erste Silvester-ist-ein-Arschloch-Party. Geladene Gäste: sie und ich. Dresscode: Pyjama. Abendprogramm: nix besonderes. Mit dem entspannenden Gefühl, dass heute einfach nichts aufregendes mehr passieren würde, legten wir uns in ihr Bett, fingen an zu trinken und schauten stumpf im Fernsehen dabei zu, wie all die Wahnsinnigen sich vor dem Brandenburger Tor auf die Füße trampelten. Um 22 Uhr klingelte es an der Haustür. Zwei Kumpels standen vor der Tür. Ob sie denn noch mitmachen könnten bei unserem Abgesang auf den verordneten Spaß zum Jahresende. Mit dieser Einstellung waren sie uns natürlich herzlich willkommen.

Mittlerweile sind wir legendär

Sie blieben nicht unsere einzigen Gäste. Alle Frustrierten, Einsamen, Schlechtgelaunten und Versetzten trudelten nach und nach auf unserer glanzlosen Nicht-Party ein. Wir verteilten Pyjamas und schmissen mitgebrachte Luftschlangen einfach aus dem Fester. Brauchten wir nicht, so ein Zeugs. Schadet dem Image einer SIEA-Party (Silvester-ist-ein-Arschloch-Party). Außerdem verboten: Bleigießen, Raclettegeräte, Sekt. Getrunken wird nur hartes Zeug. Denn Silvester-Verweigerung ist nur was für harte Leute. Solche, die schon so einiges erlebt haben an Abenden wie diesen.

Ich gebe es ungern zu - aber mittlerweile habe ich sogar ein bisschen Spaß an Silvester. Weil ich weiß, was auf mich zukommt. Weil ich keine Erwartungen mehr habe. Und weil mich niemand mehr fragt: Was machst du eigentlich an Silvester? Es weiß einfach jeder: Ich mach rein gar nichts. Und das ist auch gut so.

In diesem Sinne:

Happy New Year, all Ihr Verrückten da draußen!

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