Sind Menschen, die Horrorfilme mögen, Psychos?

Seit sie "Düstere Legenden" gesehen hat, steigt unsere Autorin nicht mehr in ihr Auto, ohne vorher auf den Rücksitz zu spähen. Könnte ja einer mit ner Axt auf sie warten. Ob es eine Charakterfrage ist, Horrorfilme zu mögen? Die Wissenschaft hat natürlich eine Antwort.

von Marie Stadler

Ich hatte einen neuen Freund. Ziemlich cooler Typ. Einziger sichtbarer Haken: Bekennender Horrorfilmfan. Um genau zu sein, liebte er all das, was ich links liegen gelassen hätte in der Videothek (jahaaaa, sowas gab es da noch). Psychothriller, Splatter, all dieser Mist – ihm konnte es nicht blutig, eklig und gruselig genug sein. Bisher war ich immer davon ausgegangen, solche Vorlieben hätten etwas mit zwielichtigen Charaktereigenschaften zu tun. Aber zwielichtig sei er nicht, sagte er. Er sei zwar so einiges, aber DAS nicht. Nun ja. Was hätte ein zwielichtiger Charakter an seiner Stelle gesagt?

Am Charakter liegt es nicht

Doch Wissenschaftler geben ihm recht. Ob ein Mensch Filme mag, die mit der Angst spielen, hat eher etwas mit der Lebenserfahrung und Medienreife zu tun. Der grundlegende Unterschied zwischen mir und ihm ist laut Experten, dass er Realität und Fiktion unterscheiden kann und den Film als ästhetisches Kunstwerk wahrnimmt, während ich mitten im Geschehen sitze und deshalb um mein Leben fürchte. Mh. Kann man das so auf sich sitzen lassen? Hatte man mir gerade wirklich mangelnde Medienreife nachgesagt? Mein neuer Freund befand jedenfalls, es sei einen Versuch wert, mich horrortauglich zu coachen. Ich klapperte vorsorglich schon mal mit den Zähnen, dann stimmte ich zu..

Schwedische Horrorfilme sind tatsächlich gut

Wir fingen harmlos an. Mit dem Enthusiasmus eines Missionars legte er die DVD ein. "Schwedisch", sagte er, als müsste mir das was sagen. Ich hatte mich in die hinterste Ecke des Sofas verkrochen und meine Finger umklammerten sofort seinen Arm, als er sich zu mir setzte. Dass ich mich nicht mehr an den Film erinnern kann, mag daran liegen, dass ich die meiste Zeit hinter seinem Rücken verbracht habe. Das, was ich sah, gefiel mir aber erschreckenderweise ganz gut. Ich verstand, was die Wissenschaftler mit "Ästhetischem Kunstwerk" gemeint haben könnten. Ja, auch Blutstropfen im Schnee wirken im schwachen Licht einer flackernden Straßenlaterne auf irgendeine perfide Art und Weise ästhetisch. Und er hatte für den Anfang gut gewählt. Allzu grausam sind die Schweden nicht. Bullerbü-Horror trifft es ganz gut.

Dann die Klassiker

Kurz dachte ich nach dem Schwedenfilm, ich hätte es geschafft. Hatte ich aber nicht. Wir schauten "Final Destination", "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" und "Halloween". Ich tat sehr mutig, musste aber auffällig oft auf die Toilette (um mich zu erholen), in die Küche (um Kinderlieder zur Beruhigung zu summen) und zum Kühlschrank (um Alkohol in mich reinzuschütten). Da ich mit drei Promille beim Abspann immer recht entspannt aussah, fand der Herr, ich sei reif für die Abschlussprüfung: Kino.

Die Wissenschaft kann mich mal

Wir sahen uns "Drag me to hell" an. Das ist so ziemlich der albernste Horrorfilm, den man sich vorstellen kann. Mit irgend so einer irren Alten, die halb verfault noch mal zum Leben erwacht. Buhuuu. Ich sehe ein, dass das Ding eher zum Lachen als zum Fürchten war, aber ohne Hochprozentiges, Toilettengänge und vertraute Umgebung war ich verloren. Ich vergrub meine Fingernägel so tief in den Oberarmen meines Begleiters, dass ich noch heute froh sein kann, keine Anzeige wegen Körperverletzung kassiert zu haben. Nach dem Film liefen wir durch den dunklen Park nach Hause. Die irre Alte immer dicht auf unseren Fersen. In der Nacht schreckte ich mehrmals hoch und bedeckte jeden Millimeter Haut mit der Decke, so wie ich es schon mit Fünf getan hatte, wenn ich Angst hatte. "Manche Leute bleiben eben unreif", seufzte mein Freund. "ich gebe auf", gab ich ihm widerwillig recht.

Bei "Twilight" hat es ihn erwischt

Wir schauten keine Horrorfilme mehr. Wahrscheinlich hatten wir jetzt gleich viel Angst: Ich um mein Leben, er wenigstens um seine Oberarme. Irgendwann saßen wir aber wieder im Kino: Vampirromantik klang für uns zumindest halbwegs kompatibel. Doch dieses Mal war nicht mein Puls auf 180, sondern seiner. "Wenn der die weiter so behandelt, ramm ich ihm einen Pflock in sein verdammtes Vampirherz", zischte mein Begleiter mit weit aufgerissenen Augen. "Den gibts doch gar nicht wirklich", sagte ich beruhigend, aber er hörte mir gar nicht zu. Er war mittendrin im Film, kochte vor Wut. Und ich? Ich dachte einfach nur: Wie unreif!