Später Baby? - Auch bei Männern tickt die biologische Uhr

Männer können immer. Sogar Kinder zeugen mit 70. Naja, jedenfalls theoretisch. In Wahrheit gilt nämlich auch für Männer jenseits der 43: Wer jetzt kein Kind hat, kriegt auch keins mehr.

von Verena Carl

Es ist noch nicht lange her, da wäre das Kind volljährig geworden. Vielleicht ein Junge mit Weltreiseplänen, vielleicht ein Mädchen, das sich in Berliner Clubs die Nacht um die Ohren tanzen würde. Aber es gibt kein Kind. Die Frau, die vor 18 Jahren von Don Dahlmann, 49, schwanger war, entschied sich dagegen. „Ich hätte damals hinter ihr gestanden, habe mich auch gefreut. Ich dachte: Los, das machen wir jetzt, den perfekten Zeitpunkt gibt es ja sowieso nicht, aber bei dieser Entscheidung war ich als Mann nur Beifahrer.“ Seine damalige Freundin brach die Schwangerschaft ab, und Dahlmann kann sie verstehen: „Unsere Beziehung war wie ein Autounfall. Sehr emotional, sehr kompliziert. Außerdem hatte sie schon ein Kind von ihrem Ex und Angst, erneut zu scheitern.“ Um das Baby getrauert hat er nie, als sich das Paar kurze Zeit später trennte, war sein Liebeskummer so groß, dass für solche Gedanken nicht viel Raum blieb. Manchmal fragt sich der graubärtige Startup-Berater und Journalist, wie wohl sein Leben verlaufen wäre, wenn er damals Vater geworden wäre. Denn eines konnte er damals nicht ahnen: dass er nie wieder so nah dran sein würde.

Kinder? Eher nicht

Don Dahlmann stammt aus einer gutbürgerlichen Familie im Rheinland. Intaktes Elternhaus, eine Schwester. „Natürlich dachte ich, später würde ich auch so leben – im Grünen, zwei Kinder, Ehefrau“, sagt Dahlmann, „vielleicht mit Mitte 30 – das kam mir damals uralt und weit weg vor.“ Mit Anfang 20 studiert er in Bonn Geschichte. Nach acht Semestern bricht er ab. Jobs in Köln, Hamburg und Berlin, Musikbranche, Medien, Startup-Beratung. Mal gute Zeiten, mal schlechte Zeiten. Wirtschaftlich und auch in der Liebe: kurze Affären und große Lieben. Kinder? Ernährerrolle? Eher nicht. Es treibt ihn immer etwas weiter. Weil die Kuschelecken des Lebens ihm auch Angst machen, weil sie Stillstand und Langeweile bedeuten könnten.

Im Nachtleben trifft man keine Eltern

Es gibt immer wieder Kinder in seinem Leben. Sie kommen und gehen mit ihren Müttern. „Mit der großen Tochter einer Exfreundin hatte ich ein besonderes Verhältnis. Wenn wir auf dem Sofa saßen, warf sie schon mal ihre Beine über mich drüber und plauderte auf mich ein. Diese Vertrautheit hat mich schon gerührt.“ Sehnsucht nach einem eigenen Kind hat Dahlmann während dieser Jahre kaum. „Ich habe immer gedacht, irgendwann macht es klick bei mir, dann weiß ich, genau jetzt bin ich bereit für eine Familie. Aber der Moment kam nicht.“ Und der typische Ansteckungseffekt, wenn im Freundeskreis die Babys purzeln? „Ging gegen null“, sagt Dahlmann. „Meine Bekannten sind fast alle kinderlos. Und im Nachtleben trifft man kaum Mütter und Väter.“ Der Familienplanet und der Single-Planet: zwei Sphären, zwei Welten, kaum Überschneidungen in der Umlaufbahn. Vor allem in großen Städten mit ihren vielen Optionen.

Alle Optionen offen halten

Dann hat Dahlmann eine siebenjährige Fernbeziehung, die Frau ist acht Jahre jünger als er. „Vor allem die ersten Jahre waren wunderschön, ich dachte: wenn ein Kind, dann mit ihr. Allein schon, um etwas Neues auszuprobieren, das man bisher im Leben nicht gemacht hat.“ Typisch Mann: Während Frauen meist erst von einem Baby träumen und sich dann den richtigen Partner suchen, läuft es bei Männern oft umgekehrt. Aber für echte Konsequenzen reicht der Wunsch nicht aus. „Es klingt seltsam, aber wir haben das Thema immer nur gestreift. In einer Fernbeziehung hat jeder eine große Pufferzone, da ist wenig gemeinsamer Alltag, der Entscheidungen herausfordert.“ Und so vergehen die Jahre. Als die Fernbeziehung endet, ist Dahlmann 44. Und er realisiert, dass sein ewiges Jein von allein zum Nein wird: „Rauszögern zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich habe mich durchaus gefragt: Bin ich zu egoistisch, mache ich einen Fehler? Wenn ich in dieser Zeit kleine Kinder um mich herum gesehen habe, dann wurde ich manchmal doch sehnsüchtig – man ist ja nicht immun gegen diese Niedlichkeitsattacken.“

Verliebt in die Vorstellung Vater zu sein

Aber Dahlmann ist nicht unzufrieden mit seinem Singlestatus, will keine neue Frau an seiner Seite. Will weder Ernährer sein noch Familienvater. „Da hatte ich mal kurz die Idee: Kann ich nicht eine Frau treffen, der ich eins andrehen kann? Ich könnte mich mit anderen alleinerziehenden Vätern zusammentun, und das Kind könnte bei mir leben!“ Ein Wunsch, von dem Dahlmann weiß, dass er mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. „Ich glaube, ich war vor allem verliebt in die Vorstellung, Vater zu sein. Ein innerer Flirt mit einem anderen Selbstbild. Als ich mir das eingestand, war diese Zerrissenheit auch vorbei.“ Die Einzigen, die es schmerzt, sind seine Eltern: „Meine Mutter sagt heute noch manchmal Dinge wie: Es ist nicht zu spät! Ich glaube, die beiden hat es doch sehr getroffen, dass ich diesen Punkt im Leben einfach ausgelassen habe, noch dazu als Sohn, als Erstgeborener. Aber sie waren fair genug, es mir nie vorzuwerfen. Für Enkel hat immerhin meine jüngere Schwester gesorgt.“

Haustiere bei über 40-Jährigen ohne Familie sind auch Kindersatz

Bald wird Don Dahlmann 50. Das Kinderthema hat er abgehakt. Eigentlich. Neulich, als sich mal wieder die Verhütungsfrage stellte, waren da plötzlich doch leise Zweifel. Eine Vasektomie würde sie ein für alle Mal beenden. Samenleiter kappen lassen, nicht sehr schmerzhaft, ambulant, das medizinische Risiko geht gegen null. Was lässt ihn zögern? „Da sind eben doch immer noch diese beiden Stimmen in meinem Kopf. Die Stimme der Vernunft: Ein Baby in deinem Alter ergibt überhaupt keinen Sinn, du bist alt, du weißt nicht, ob du in ein paar Jahren tot umfällst, und willst auch nicht als 70-Jähriger die Party deines Kindes ausrichten. Und die Stimme der Restromantik, die mir einflüstert: Versau’s dir nicht. Du hast in deinem Leben so oft deine Meinung geändert, wer sagt dir, dass du nicht in fünf Jahren die Frau deines Lebens triffst, und die überzeugt dich vom Gegenteil?“ Derzeit ist Dahlmann single, seit einiger Zeit mit zwei Mitbewohnern, Jenna und Momo. Seinen Katzen. Deren Fotos stellt er manchmal auf Instagram und Facebook. „Haustiere bei über 40-Jährigen ohne Familie sind auch Kindersatz“, gibt er offenherzig zu. Liebebedürftige Lebewesen, die ohne Tagesbetreuung auskommen und nicht zur U-Untersuchung beim Kinderarzt müssen. Und trotzdem ist da jemand, der sich freut, wenn man nach Hause kommt. Es gab noch eine dritte, sie hieß Karla. Wenn er von ihr erzählt, gerät er ins Schwärmen: ihr graues Fell, ihre großen Augen und wie sie immer in seinen Armen einschlief. Vor einer Weile sprang sie vom Balkon und verschwand in die Berliner Nacht. Das hat ihn schwer getroffen. Vier Monate und 250 Aushänge später hat er sich tätowieren lassen, „um mit diesem Verlust abzuschließen“. Auf der Innenseite des Handgelenks, meistens verborgen von Uhr oder Hemdmanschette und trotzdem immer präsent, steht jetzt ein Strichdiagramm aus dem Morsealphabet. Es ist ein K. Der erste Buchstabe des Namens Karla, der erste Buchstabe des Wortes Kind.

Absicht? Nein, beteuert Don Dahlmann. Es ging nur um die Katze. Wirklich.

 

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