Träum weiter! Warum es meist nicht glücklicher macht, auszuwandern

Unsere Autorin hat immer vom italienischen Dolce Vita geträumt. Zumindest bis sie in Rom, Venedig und Sizilien wohnte und merkte: Alltag ist Alltag, und Träume sind manchmal schöner, wenn man sie träumt.

von Marie Stadler

Du träumst von deinem eigenen Hostel in Neuseeland, einem Strandcafé in Mexiko oder einer kleinen Finka an der Costa Brava? Dann lass mich dir einen Rat geben, auch wenn er beknackt ist: Träum einfach weiter und mach es bloß nicht wahr! Ich rate dir das, obwohl ich vor ein paar Jahren jeden aus meinem Leben geschmissen hätte, der so einen Müll rät. Warum ich es trotzdem tue? Weil ich drei Mal ausprobiert habe und nun mit Fug und Recht behaupten kann: Egal, was du suchst... in der Ferne wirst du es nicht finden.

La dolce vita - das süße Leben in Bella Italia

Ich lernte ihn bei der Arbeit kennen. Er gestikulierte, sprach und lebte mit so einer Inbrunst, dass es eine Freude war, ihm einfach nur dabei zuzusehen. Wenn er wütend wurde, bebte das Büro, wenn er glücklich war, fühlte sich ein ganz normaler Tag wie ein Fest an. Ich lernte emotionale Dimensionen kennen, die ich maximal aus besonders übertriebenen Filmen kannte. So viel Leben hatte ich in einer einzigen Person noch nie zuvor gesehen. Nun mag man denken, das sei der Anfang einer wunderbaren Liebesgeschichte. War es auch irgendwie. Doch anstatt mich in ihn zu verlieben, verliebte ich mich direkt in ein ganzes Land. Ich beschloss: Eines Tages würde ich dort leben, wo man gutes Essen noch mit geschlossenen Augen würdigt, wo Menschen auf der Straße singen, wenn sie gute Laune haben und wo Menschen mit jeder Faser ihres Körpers lieben... egal ob es sich um Pasta, den heißen Typen von nebenan oder die eigene Mama handelt.

Was passierte, als der Traum wahr wurde

Nun bin ich nicht der Typ Mensch, der sich entspannt zurücklehnt und faul auf das Glück wartet. Ich bin eher ein Macher. Also lernte ich nach der Arbeit Vokabeln, durchwälzte das Internet nach Möglichkeiten und sparte jeden Cent, um einen ersten Schritt in mein süßes neues Leben zu machen. Ich kündigte meinen Job, zog nach Rom und ließ mein Erspartes in Sprachschulen. Als ich kein Geld mehr hatte, ging ich nach Palermo und nahm eine Stelle als Kindermädchen in einer sizilianischen Familie an.

Sizilien – Wie ein Traum

Ich wohnte in der schönsten Gegend der Stadt, hatte ein eigenes Zimmer mit Bad in einem Penthouse, vor dem Orangenbäume und mächtige Magnolien den Weg säumten. Mit dem Bus fuhr ich jeden Tag nach Mondello, an einen Strand, der so eigentlich nur in Bildbänden existiert. 

Dort lernte ich weiter Vokabeln wie eine Irre und dort lernte ich auch Stefano kennen, einen bildhübschen Sizilianer, der all das verkörperte, was ich im Leben suchte. Und trotzdem: Ich blieb eine Zuschauerin. Ich sah und staunte, saugte auf und liebte. Aber ich blieb die, die ich war. Als ich nicht mehr glücklich war auf dem Zuschauerposten ließ ich Stefano und Palermo schweren Herzens hinter mir. Doch aufgeben wollte ich nicht. Zurück in Deutschland schrieb ich mich an der Uni ein und studierte drei Jahre lang Italianistik (ja, das gibt es wirklich).

Venedig - La Serenissima

Im fünften Semester dann mein nächster Versuch: Ich suchte mir ein Zimmer in Venedig. Vielleicht, dachte ich, vielleicht klappt es diesmal mit mir und Italien. Vielleicht fühlt es sich diesmal mehr nach mir selbst an. 

Von meinem Zimmer aus sah ich das Meer, die Uni lag am Canal Grande. Und als ich das erste Mal mit dem Vaporetto zur Piazza San Marco fuhr, zersprang mein Herz beinahe vor Glück. Ich wohnte auf einer kleinen Insel, fand schnell Freunde und machte mit Jelena, Marco, Michele und Andrea die Lagune unsicher. Dann kam langsam der Alltag. Die Prüfungen waren hart, das Hochwasser traf uns oft unerwartet und um von A nach B zu kommen, musste man mindestens zweihundert Touristen zur Seite boxen. Ja, Venedig war eine verdammte Diva, wenn man die Stadt mal genauer betrachtete. Wenn mich jemand besuchte, sah ich immer wieder dabei zu, wie die Stadt alle umhaute. Aber ich kannte sie auch in den hässlichen Momenten. Ich wusste, wie zickig sie sein konnte und wieviel sie einem im Alltag abverlangte. Und dann passierte es: Venedig begann, mich zu nerven. Ich fühlte mich wie jemand, der einen Aufzug braucht und nur ein Riesenrad nutzen darf. All das Theater um diese Stadt ging mir plötzlich total auf den Keks.  

Warum es nicht klappte mit dem Glück in der Ferne

Seit zehn Jahren lebe ich nun wieder in Deutschland. Ich habe keinen Sizilianer geheiratet und das Meer sehe ich auch nicht mehr aus dem Fenster. Ob ich trotzdem glücklich bin? Jawohl! Mittlerweile weiß ich auch, warum mich meine Auswanderungsversuche nicht glücklich gemacht haben: Ich habe etwas gesucht, was man nirgends je findet, nämlich eine andere Version von mir selbst. Eine weniger rationale, eine noch viel lebendigere, eine, die auf der Straße tanzt, wenn es ihr gut geht. Der Punkt ist: So bin ich nicht. Ich bin eine ziemlich deutsch-verklemmte nur-mit-Alkohol-Tänzerin, ob es mir passt oder nicht. Ich schreie nur selten wild gestikulierend Leute an und Pasta esse ich ganz unglamourös mit offenen Augen. Ich glaube nicht mehr an Sehnsuchtsorte, zumindest nicht als Lebensziel. Ich glaube aber fest daran, dass unsere Traumorte uns viel über unsere Sehnsüchte erzählen. Meist erfüllen sie sich aber nicht durch einen Flug in die Ferne, sondern durch innere Reife. Ob ich denke, dass es glückliche Auswanderer gibt? Hundertprozentig. Aber ich glaube auch, dass diese Auswanderer überall sonst genauso glücklich wären. Glück findet man nicht auf der Landkarte, sondern in sich selbst. Was sich wie ein dämlicher Kalenderspruch anhört, ist die große Weisheit meines Lebens. Und Italien mag ich übrigens immer noch. Ich bin eine von den zweihundert Touristen, die die Einheimischen zur Seite boxen müssen.

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