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Trend Nacktyoga: "Los, mach mir den Herkules!"

Yoga ist überall. Nach Bieryoga, Hundeyoga und Luftyoga, kommt etwas noch skurrileres: Nacktyoga. Wer keine Lust auf Bier hat, nicht mit einem Hund zusammenlebt oder fliegen kann, zieht sich für Yoga jetzt aus.
von Sascha Frankenberger

Ein Raum voller nackter Menschen. Alle richten ihren Blick auf einen Herrn mittleren Alters. Auch bei ihm sehe ich Dinge, die mir lieber verborgen geblieben wären. Oh Gott, bin ich im falschen Raum bei einem skurrilen Pornodreh gelandet? Ach ne, ist nur Nacktyoga. Jeder macht hier seine Übungen auf Anweisung des Lehrers. Egal wo ich hinschaue sehe ich Penisse, Brüste, Vaginas und Hintern. So viel Nacktheit sieht man doch sonst nur in den Sexy Clips bei DSF. Was mir jetzt erst wieder in den Sinn kommt: Auch ich bin nackt. Schnell gucke ich mal rechts und links und merke, es interessiert keinen der Teilnehmer wie ich nackt aussehe.

Nackt sein gehört zum Leben

So, oder so ähnlich stelle ich mir einen Kurs beim Nacktyoga vor. Alle sind so wie Gott sie schuf und fühlen sich wohl in ihrem Körper. Letztes Jahr im Kurzurlaub an der Nordsee ging ich ganz entspannt am Strand spazieren und merkte gar nicht, wie ich in den FKK-Bereich des Strandes gelaufen war. Wo guckt man da hin, dass es nicht peinlich wird. Die Körper der Urlauber anschauen kam mir falsch vor und beschämt auf den Boden gucken war auch irgendwie unpassend. Im Nachhinein irgendwie komisch. Nackt sein ist doch ganz normal und gehört zum Leben dazu. Schließlich haben schon die alten Griechen beim Sport nichts angehabt. Bei den Olympischen Spielen der Antike waren alle Teilnehmer nackt. Nur die Frauen trugen eine Tunika, mit freier rechter Brust. So ein gutaussehender, nackter Herkules hat den Frauen damals bestimmt sehr gut gefallen. Aber heute mit fremden Menschen in einem Raum nackt Sport machen ist eher befremdlich. Ein Grund dafür ist mit Sicherheit unsere Erziehung. In der Öffentlichkeit nackt sein gehört sich nicht und wird bekanntlich direkt bestraft. So sind nun mal unsere Normen. Ein anderer Grund sind sicherlich auch die unrealistischen Körperideale, die von der Werbung gezeigt werden.

Ohne Kleidung sind alle gleich

Am Anfang des Nacktyoga waren es eher schwule Männer, die zusammen ihre Übungen gemacht haben. Ist ja auch für Frauen am Anfang erst mal abschreckend, wenn nur Penisse um einen rum zu sehen sind. Die New Yorkerin Isis Phoenix hat den Weg zum Nacktyoga für Frauen geebnet, indem sie ein eigenes Studio aufgemacht, den „Phoenix Tempel“. Hier wird Yoga in gemischten Kursen angeboten. Männer und Frauen nackt nebeneinander und das ohne gierige Blicke oder eine übersexualisierte Grundstimmung. Schließlich geht es um einen selbst und das eigene Körpergefühl. Die New Yorker Journalistin Annemarie Conte hat das Nacktyoga ausprobiert und fand es sehr angenehm: „Man ist sich zwar der eigenen Nacktheit bewusst, aber fühlt sich deswegen nicht unwohl, sondern befreit.“

Nacktyoga für ein besseres Körpergefühl

Yogalehrer sind davon überzeugt, dass nackt sein besser für den Körper ist und die Asanas, die einzelnen Yogastellungen, so viel effektiver sind. Ohne Kleidung gibt es  kein unangenehmes kneifen bei Übungen wie „der Baum“ oder „der herabschauende Hund“. Außerdem fließt die Energie so viel leichter durch den Körper und das Lymphsystem wird besser durchblutet. Die Yogis in Tibet machen es vor und tragen beim Yoga nur ein leichtes Gewand, ohne Unterwäsche darunter. Wer also eh schon Yoga macht, der kann es auch mal nackt probieren. Muss ja nicht gleich in einem vollbelegten Kurs sein. Erst mal im heimischen Wohnzimmer ausprobieren und den eigenen Körper möglicherweise neu kennenzulernen.


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