Überstunden? Warum du stolz sein solltest, wenn du KEINE machst

Die besten Mitarbeiter kommen früh und gehen spät? Von wegen! In Wahrheit ist es andersrum und den werten Herrschaften, die jeden Tag bis in die Puppen malochen, möchten wir es jetzt und heute endlich mal sagen: Schämt euch!!!

von Marie Stadler

Jeder kennt ihn oder sie. Diesen einen Menschen im Büro / im Laden / im Lehrerzimmer oder wo auch immer man seinen Lebensunterhalt verdient, der kein Zuhause zu haben scheint. Immer ist Herr oder Frau X vor den anderen da und auch abends ist betreffender Überperformer immer noch da, wenn alle anderen sich längst verabschiedet haben. Was erstmal nach "Mitarbeiter des Monats"-Anwartschaft aussieht, ist in Wahrheit ein kaum verzeihlicher Fauxpas, ganz egal, ob es sich um den Praktikanten oder die Geschäftsführung handelt.

Überstunden machen ist unlauterer Wettbewerb

Dass man MAL eines wichtigen Projektes wegen – oder weil halt ausnahmsweise mal die Hölle los ist – ein zwei Stündchen länger bleibt, darüber wollen wir gar nichts sagen. Ehrensache. Aber wenn aus einer 40-Stunden-Woche mal eben regelmäßig eine 50-Stunden-Woche gemacht wird, ist das vor allem eines: unkollegial. Denn auch wenn Kollege X niemandem etwas Böses will, macht er seinen Kollegen und Kolleginnen das Leben schwer. Wie soll man dem Chef erklären, dass man keine 62 Blumensträuße am Tag binden kann, dass vier Projekte gleichzeitig zu viel sind oder dass die Deutsch-Klausuren der 10 b eben erst in zwei Wochen korrigiert werden können, wenn unser Kollege oder unsere Kollegin das alles (wohlgemerkt in 50 Stunden) mit links wuppt? Nun könnte man natürlich sagen, dass es ja jedem frei stünde, auch Überstunden zu machen, um wieder gleiche Bedingungen zu schaffen, aber erstens kann das ja nun wirklich nicht die Lösung sein und zweitens gibt es auch Eltern, pflegende Angehörige und Menschen mit anderen Verpflichtungen. Die haben keine Wahl. Und zweitens mag die Produktivität für kurze Zeit steigen. Aber über kurz oder lang wird der Spaß zur Milchmädchenrechnung.

Habt ihr kein Leben?

Die Lieblingsaussage der Überstunden-Liebhaber: Aber ich mache das doch gerne. Ist schön für betreffende Menschen. Auch wir lieben unseren Job. Aber wir wissen auch, dass man zwischendurch Abstand braucht. Wenn Kollegen Freunde sind, warum trifft man sie dann nicht abends noch auf ein Bier? Wenn Excel so witzig ist, warum macht man dann keinen Nerd-Kurs an der VHS? Sein Leben ganz und gar der eigenen Arbeit zu widmen, kann auf Dauer jedenfalls nicht gesund sein. Das sagt auch die Wissenschaft. Sogar Acht-Stunden-Tage sind schon grenzwertig gut für Körper und Geist. Viel besser wären eigentlich sechs Stunden. Experten gehen sogar davon aus, dass der Output einer 30-Stunden-Woche dem Output einer 40-Stunden-Woche gleicht. Genau wie jeder Aufzug, jeder Gewichtheber und jede ausländische Autobahn haben auch Menschen ein Limit. Wer das regelmäßig ignoriert, fällt seinem eigenen Enthusiasmus irgendwann zum Opfer. Denn wer lichterloh brennt für seinen Job, der brennt im Zweifel irgendwann aus. Und dann wars das mit der guten Performance.

Ergo: Macht mal langsam

Ja, die Welt ist schnell geworden und irgendwie muss man mithalten. Früher hat ein Brief von Hamburg nach München drei Tage gebraucht, heute schreiben wir uns 10 Mails pro Stunde hin und her. Und das ist durchaus etwas Gutes – keine Frage – aber eben auch ein bisschen gefährlich. Nur weil alles so viel schneller wird, müssen wir nicht alle hohl drehen. Die Post mag schneller sein, unser Herz aber schlägt immer noch im gleichen Rhythmus, unsere Freunde sehen noch immer lieber unser Gesicht als eine gehetzte Whatsapp-Nachricht und unsere Kinder brauchen noch immer ganz viel Zeit von uns. Deshalb, echt mal, Leute, lasst uns alle mal wieder die Arme hinterm Kopf verschränken und pünktlich den Stift fallen lassen, anstatt Herr und Frau X nachzueifern. Am Ende sind wir die, die besonders gesund, gut gelaunt und ausgeglichen sind. Unser Chef wird es uns eines Tages danken. Die Mitarbeiter, die spät kommen und früh gehen, werden vielleicht nie Mitarbeiter der Monats werden. Aber auf die Titel "Mitarbeiter des Jahrzehnts", "Lieblingseltern", "bester Freund des Tages" und "beliebtester Kollege aller Zeiten" haben wir echte Chancen.