Vergesst Qigong - für die innere Ruhe gibts jetzt einen neuen Trend

Waldbaden - ein neuer Trend aus Japan erobert die spirituelle To Do List der Deutschen. Unsere Autorin, in einem Walddorf aufgewachsen, liebt den Wald und freute sich wie Bolle auf den Selbstversuch. Bis sie begriff, was Waldbaden ist...

Waldbaden - nach Sushi und minimalistischer Deko also der neueste Schrei aus Japan. Nun denn. Ich gebe zu, ich bin echt empfänglich für neueste Schreie und erst recht solche, die aus Japan kommen. Also schnell mal schlau gemacht, was dieses Waldbaden überhaupt ist. Für mich, die ich in einer Waldrandsiedlung aufgewachsen bin, eine spannende Sache.

Waldbaden - was ist das überhaupt?

Ich sah mich schon mit Luftmatratze in einem kühlen Waldsee dümpeln, auf meiner Haut eine waldige Schlammpackung, um mich herum drei heiße Masseure, die darauf warten, mir den Waldschlamm mit ihren vom Holz hacken kräftigen Händen in die Waden zu massieren. Über mir die von den Wipfeln gebrochenenen Strahlen der Sonne, um mich herum der grünherbe Duft des Mooses. Doch dann die Ernüchterung: Waldbaden hat rein gar nix mit Baden zu tun. Mit Luftmatratzen schon gar nicht. Und erst recht nix mit heißen Masseuren. Das tolle Wort, das nach wohliger Wellness und für mich verdammt nochmal auch nach Schlamm und Masseuren klingt, meint nichts anderes, als besonders achtsam im Wald spazieren zu gehen. Ohne Masseure. Ohne Wasser. Ohne Schlammpackung. Ernsthaft... was soll man dazu sagen?

Waldbademeister – Vielleicht ein neues Standbein?

Ich will jetzt echt nicht zynisch sein, aber was uns da gerade als Megahype und neuester Trend verkauft wird, hat auch schon die Uroma meiner Uroma gewusst. Der Newswert der These "Wald ist gesund" liegt irgendwo unterhalb der Minusskala und dass sie zur japanischen Weisheit erhoben wird, ist schon fast eine Frechheit. Mit möglichst blumigen – Verzeihung, holzigen – Wörtern wird in Artikeln und ganzen Büchern beschrieben, wie man ganz japanisch in die Atmosphäre des Waldes eintauchen kann. Da es natürlich unglaublich schwer ist, selbst zu hören, zu riechen, zu fühlen und zu schmecken, braucht man selbstredend einen Gelehrten, der WIRKLICH versteht, was der Wald uns sagen will. Ja, einmal Waldbademeister sein, das wär doch mal was. "Oh, hör, der Baum raschelt!" Und schon sind alle glücklich. Vielleicht irgendwann mal mein zweites Standbein. Mann, könnte ich das gut. "Fühl dich mal richtig in die Eiche ein.... aaaaaahhhhhh!" Augen schließen. Einatmen. Ausatmen. Kuckuck. Raschel. Und die Kasse klingelt. 

Ich geh jetzt in den Wald 

Wenn man erstmal verstanden hat, wie bekloppt dieses Waldbaden ist, braucht man innere Ruhe noch viel nötiger als zuvor. Das Lustige ist ja nämlich, dass man fürs Waldbaden Geld bezahlt. Ich wiederhole das nochmal, einfach weil es so schön ist: Da gehen Menschen mit anderen Menschen in den Wald, um die Ruhe zu genießen. Und dafür zahlen sie. Herrlich!

Das mit der Ruhe könnte man alleine zwar viel besser genießen, aber dann hätte man ja kein Geld dafür ausgegeben. Bringt dann ja auch nix. Außerdem hätte man es Waldspaziergang genannt. Und man hätte bemerkt, dass man das schon immer gemacht hat. Und dann würde man sich viel weniger trendy fühlen. 

Mein Fazit: Das ist doch alles völlig irre. Auf den Schreck fahr ich jetzt erstmal mit meiner Luftmatratze zum Waldsee. Vielleicht nehm ich einen Masseur mit. Vielleicht auch zwei. Und dann erfinde ich einen Megatrend. Ich glaub, ich nenne ihn "Waldbaden".


von Marie Stadler

Wer hier schreibt:

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Vergesst Qigong - für die innere Ruhe gibts jetzt einen neuen Trend

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