Verzeih Dir, bitte! - Warum sich selbst vergeben am schwersten ist

Anderen zu vergeben ist schon schwierig. Wie soll man es da erst hinbekommen, sich selbst zu verzeihen? Autorin Wiebke Brauer hat versucht, es zu lernen – mit Büchern, Beichten und Spinnen

von Wiebke Brauer

VERSUCHSOBJEKT Wiebke Brauer aus Hamburg geht hart mit sich ins Gericht

MISSION Lernen, sich selbst vergeben zu können – kleine und große Sünden

TESTUMGEBUNG Buchhandlungen, ein Spinnennetz und eine Kirche

Streng genommen bin ich mein eigener Dieter Bohlen. Ein unbarmherziges Jury-Mitglied, das in schöner Regelmäßigkeit eine Kandidatin abkanzelt und eine immer länger werdende Mängelliste des Lebens erstellt. Und weil ich zugleich als Kandidatin agiere, könnte man sagen, dass ich eine komplette Castingshow auf zwei Beinen bin. Übrigens wird mein Bohlen ständig von mir gefeuert, aber aus irgendwelchen Gründen sitzt er in der nächsten Staffel wieder am Pult, als sei nichts geschehen.

Auf seiner Mängelliste steht zum Beispiel, dass ich mich als Teenager nicht traute, für ein Jahr ins Ausland zu gehen. Resultat: Alle meine Klassenkameraden kehrten von ihrem USA-Aufenthalt zwar leicht übergewichtig wieder, aber auch mit einem herrlichen amerikanischen Akzent. Das Fett schmolz mit der Zeit, die Aussprache blieb. Heute plaudern alle um mich herum in feinstem New Yorkish – nur mein Englisch klingt wie das von Edmund Stoiber. Liest man weiter, finden sich Kleinigkeiten wie „Schafft es nie, nur eine halbe Tafel Schokolade zu essen“ oder „Benimmt sich ihrer Mutter gegenüber wie eine wilde Zehnjährige“ und schwerwiegende Vorwürfe wie „Das mit der Trennung hätte so nicht laufen dürfen“. Und weil ich es leid bin, mich für solche Missstände selbst zu verurteilen, ist es mir sehr recht, dass ich stattdessen lernen soll, mir zu verzeihen.

Vergebung ist ein großes Wort. In allen Religionen spielt sie eine Schlüsselrolle, in der Psychologie wird sie als heilende Emotion gehandelt – und in Buchläden stehen unzählige Ratgeber, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Ich bestelle mir als Erstes ein Buch von einem gewissen Colin Tipping. Sein Thema ist die „Radikale Vergebung“, er ist offenbar erfolgreich, es gibt eine „Tipping-Methode“, nach der Coaches lernen und lehren. Das Buch heißt „Ich vergebe. Das Praxisbuch – 25 praktische Anwendungen für Radikale Vergebung“. Problem: Tippings Methode basiert darauf, dass Menschen sich als Opfer betrachten, zudem spricht er in seinem Buch über toxische Energien, Krebspersönlichkeiten und Kollektivschuldgefühle, die uns unsere Ahnen vererbten. Diesen Ideen stehe ich eher skeptisch gegenüber. Das führt dazu, dass ich keine Briefe an mich selbst und meine Eltern schreibe, wie Tipping empfiehlt, sondern mir stattdessen Internetvideos mit niedlichen Wombats angucke, Schuhe mit Leopardenmuster suche, eine Tafel Schokolade mit Fleur de Sel esse und beim Lesen der letzten Seiten des Buches sieben Zimtsterne verdrücke. Danach ist mir schlecht. Immerhin fand ich diesen Satz: „Das Schlagen eines Kopfkissens ist eine der bewährtesten Methoden auf dem Weg zur Radikalen Selbstvergebung.“ Das ist doch mal handfest.

Am nächsten Tag lese ich das Buch „Selbstmitgefühl“ von Kristin Neff und finde es super, obgleich es mit ähnlichen Methoden arbeitet. Vergebung, lerne ich, hat etwas damit zu tun, sich selbst mit Abstand zu betrachten, mit Achtsamkeit und mit Perspektivwechsel. Außerdem gibt Kristin Neff den praktischen Tipp, man solle sich selbst verzeihend in den Arm nehmen, weil der Körper dann das „Kuschel-Hormon“ Oxytocin ausschüttet. Sähe zwar bescheuert aus, würde jedoch helfen, sich freundlicher zu betrachten. Was soll ich sagen? Es sieht bescheuert aus – und es funktioniert. Als ich mich nach einem unerquicklichen Telefonat mit meiner Mutter ertappe, mich selbst zu geißeln, streiche ich mir über die Oberarme – und schließe für einen Moment Frieden. Ja, ich war pubertär. Ja, es ist verzeihlich.

Weniger erfolgreich ist die Suche nach Vergebungskursen. Angepriesen werden Workshops mit Titeln wie „Kommunikation mit Gegenständen“, (weil das Sprechen mit der Materie ein Weg zur Heilung von sich selbst ist) oder „Wer loslässt, hat zwei Hände frei“. Alle Kurse kosten ab 120 Euro aufwärts und wirken auf mich nicht sehr seriös. Einzige Ausnahme: ein freundlicher junger Mann, der einen schamanischen Heilabend anbietet. Thema: Reinigung, Pflege und Neuordnung des Lebensnetzes. „Mit Großmutter Spinne und Kollege Rolf.“ Oha. In einem Youtube-Video weist der Kursleiter als Erstes grinsend darauf hin, dass er kein alter Mann mit Fusselbart wäre. Stimmt. Er sieht aus, als könnte er auch Handyverträge verkaufen, was ich als halbwegs beruhigend empfinde. Also hin.

Der Workshop wird in einer Naturheilpraxis abgehalten, außer mir haben sich noch 13 Frauen und ein asketischer Mann eingefunden. Viele kennen sich schon vom „Rainbow Reiki“, manche haben schon den zweiten Grad. „Renate, machst du ein paar Brunnen an die Decke?“ Ich verstehe nur Bahnhof. Ist nicht schlimm, wird mir versichert. Auch das Spinnentanzritual sei kinderleicht und würde voll Spaß machen. Die Spinne ist ein Krafttier, wie erklärt wird. Na dann. In den nächsten zwei Stunden geben die zwei Kursleiter alles auf ihren Trommeln, während Erwachsene durch einen Raum gehen, ein imaginäres Netz ausbessern, sich in der Mitte des Zimmers bei Großmutter Spinne neue Fäden holen, danach Wünsche in das Netz legen und Probleme daraus entfernen. Ich spinne eifrig mit und versuche, meine Altlasten aus dem Netz zu popeln. Nach dem Ritual setzen sich alle hin und reden darüber, wie emotional es war. Renate, die sich die meisten Fäden bei der Spinne geholt hat, klagt über Schmerzen im Eierstock. „Das ist gut. Was du spürst, kannst du auch ändern“, sagt einer der Kursleiter. Ich spüre auch etwas. Mir ist brüllheiß. Und während alle Tee mit Vanille-Öl trinken, verabschiede ich mich eilig und bleibe vor der Tür einen Moment in der Kälte stehen. Ich bin ein bisschen traurig. Ob das daran liegt, dass ich an diesem Abend so viele Frauen gesehen habe, denen offenbar etwas fehlt, oder weil ich das Gefühl habe, nicht dazugehört zu haben, wer weiß.

Bei einer letzten Suche im Internet lande ich auf der Seite einer katholischen Kirche in Hamburg. Keine Spinnen, keine Trommeln, stattdessen die schlichte Offerte: Beichten gehen. Kostet keinen Cent, auf der übersichtlichen Internetseite wird erklärt, wie es geht und wann man kommen kann. „Wundert mich nicht“, sagt mein Freund, als ich ihm erzähle, was für einen Topservice die Katholiken im Internet offerieren. „Das ist die erfolgreichste Organisation der Welt. Jetzt weißt du, warum.“ Ich beschließe, mich nicht undercover in den Beichtstuhl zu schleichen, sondern schreibe offiziell eine Mail. So gottesfürchtig bin ich dann doch.

Kurz nach meiner Anfrage kommt die Antwort eines Pfarrers, der kein Problem damit hat, dass ich protestantisch bin. „Nobody is perfect ;)“ steht in seiner Mail. Der ist aber weltlich, denke ich und fahre zu ihm. Martin Löwenstein ist Jesuitenpater im Kleinen Michel in Hamburg, hat einen hellwachen Geist und einen unaufgeräumten Schreibtisch. In den Kieferregalen in seinem Büro stapeln sich Bücher und Schriften, es gibt keinen Messwein oder Oblaten, dafür einen Karton mit teurem Champagner und ziemlich viele Schokoladenpackungen. Auf dem Tisch stehen eine Kerze und eine Jesus-Figur, an einer Schranktür hängt seine violette Stola. „Violett ist die Beichtfarbe“, erklärt er. Ich gestehe, dass ich das meiste über die katholische Kirche aus Mafia- und Horrorfilmen weiß, was er mir nicht übel nimmt.

Der Geistliche denkt doppelt so schnell wie ich, spricht über Selbstreflexion und Wesensbildung, über das Eingeständnis von Schuld, ohne das keine Buße möglich ist, über Exerzitien und Barmherzigkeit. „Die Härte gegen sich selbst hängt auch mit der Unfähigkeit zusammen, anderen zu vergeben“, sagt er. Ich nicke. „Und oft mangelt es den Menschen an Vertrauen, dass alles gut wird, obwohl alles krumm und schief läuft.“ Ich nicke wieder. Im Laufe des Gesprächs gibt er mir dezent zu verstehen, dass ich mit Luxusproblemen kämpfe – was ich ihm zunächst schwer übel nehme. Als ob meine Sorgen weniger wert wären als die von anderen! Doch als ich auf meinem Rad wieder nach Hause sause, vergebe ich ihm großmütig – und damit auch mir ein bisschen. Das ist doch ein Anfang. Ich grinse in den eisigen Fahrwind. Sehr schnelles Radfahren hilft beim Verzeihen. Man muss nach vorn blicken, sonst geht’s nicht voran. Und ein klein bisschen recht hatte der Pfarrer ja auch.