Von Familienheld zu Pflegefall – Wenn Papa plötzlich nicht mehr funktioniert

Wird schon wieder, denkt Barbara Wentzel, als ihr Mann eines Morgens umkippt. Aber Henrik bleibt ein Pflegefall, und alles wird anders.

von Miriam Collée

Es ist bescheuert mit dem Glück. Eine Erinnerung, ein Foto, Musik, ein Geruch, und plötzlich weiß man, dass man in dem Moment glücklich war. Nur hat man es da gar nicht gemerkt. Ich puste den Staub von dem Zelt, das beim Ausmisten vom Schrank gefallen ist. „Skandika Montana“ für acht Personen. Henrik hatte es für unser Zelturlaub-Experiment gekauft. „Wenn schon, dann richtig“, hatte er gesagt – und anschließend auf dem Camping platz von Barcelonnette drei Stunden mit den Zeltstangen und einer chinesischen Aufbauanleitung gekämpft. Klara, Luki und ich hielten uns die Bäuche vor Lachen, als Maxi ihn fragte: „Papi, wie kann es eigentlich sein, dass alle, die zwei Stunden nach uns ankamen, längst ihre Koteletts auf den Grill werfen und wir hier immer noch an deinem Luxuszelt rumdoktern?“

Pflegefall nach Hirninfarkt

Man kann in Erinnerungen blättern wie in einem Bilderbuch, und vermutlich waren wir von außen betrachtet genau das: eine Bilderbuchfamilie. Drei wunderbare Kinder (heute 17, 21 und 24 Jahre), zwei erfolgreiche Karrieren, eine intakte Ehe, ein großer Freundeskreis, eine schicke Altbauwohnung und ein Ferienhaus an der Ostsee. Was könnte man mehr vom Leben verlangen? Es war unser erster und letzter Campingversuch, und vielleicht war das, was unsere Familie aus den Angeln heben sollte, damals auch schon mit uns im Zelt: ein kleiner, hinterhältiger Blutpfropf. Irgendwann muss er sich an Henriks Herzen gebildet haben und von dort Richtung Kopf gewandert sein. Um schließlich an einem Mittwochmorgen um 7.10 Uhr unter der Dusche ein Gefäß zu verstopfen und die Durchblutung von Henriks Hirn zu stören. Ischämischer Hirninfarkt nennt man das, und es hörte sich ungefähr so an, als würde ein Sack Kartoffeln vom Laster fallen: dumpf und plump. „Papi hat sich jetzt nicht echt in der Dusche hingelegt, oder?“, sagte Maxi. Und ich rief ins Bad: „Sollen wir dir eine Senioren-Sitzdusche einbauen, Schatzi?“ Und dann prusteten wir los. Henrik ist ziemlich schlagfertig, also erwarteten wir sein Gegenfeuer. Aber es kam nichts. Dann fand ich ihn in der Dusche liegend, das Gesicht schief, als wäre es von den Knochen gerutscht.

Was passiert nach dem Schlaganfall?

Die schwarzen Flächen, die mir der Neurologe auf der Computertomografie später zeigte, sehen aus wie die Mecklenburgische Seenplatte. Sie liegt mitten in Henriks Stirnhirn und seiner rechten Gehirnhälfte. Jeder schwarze See ist zerstörtes Hirngewebe. Irreparabel. Die Folgen: linksseitige Lähmung, Wahrnehmungsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen. „Sie müssen sich darauf einstellen, dass Ihr Mann nicht mehr der Alte wird“, sagte der Arzt, und ich dachte: Ja, aber bis zu Lukis Abi-Ball kriegen wir das schon wieder hin. Nichts von dem, was der Arzt zu erklären versuchte, kam bei mir an. Vielleicht ist es ein Schutzinstinkt, der einen vor der Realität bewahren will, weil man die nur scheibchenweise erträgt.

Was bei Henrik ankam, weiß ich bis heute nicht. Seit dem Schlaganfall lebt er in seiner eigenen Welt. Es ist eine Welt voller Porsches, Blondinen, sportlicher und beruflicher Höchstleistungen. Manchmal ist er ganz klar und realisiert seinen Zustand, der ihn bis heute an den Rollstuhl fesselt, dann wieder meldet er sich für einen Triathlon an oder beantragt Kredite für eine Firmengründung. Mal möchte er sich an einem Elektroscooter-Start-up beteiligen (als Geschäftsführer, was sonst?), mal eine Schifffahrtsgesellschaft gründen (Investitionssumme: schlappe 25 Millionen). Henrik war gefühlt sein ganzes Leben der Boss, zuletzt Finanzvorstand einer Reederei – warum sollte es plötzlich anders sein? Nur weil ein kleiner Blutpfropf in sein Leben trat?

Laut Aussage der Ärzte war es ein Vorhofflimmern, das das Gerinnsel ausgelöst und uns allen einen Strich durchs Leben gemacht hat. Hätte ich es wahrnehmen müssen? Man hört doch, wenn das Herz unregelmäßig schlägt. Wann lag ich das letzte Mal mit meinem Kopf auf seiner Brust? 23 Jahre war diese Brust ein Fels in meinem Leben. Ein kluger, witziger Fels. Nichts konnte ihn umwerfen. Henrik ist ein Alphatier. So einen Ehemann wünschen sich Mütter für ihre Töchter: verantwortungsvoll, erfolgreich, immer mit einer Portion Unangepasstheit. Vermutlich ist es genau diese Portion, die jetzt regelmäßig auf 1-2-3.tv mit ihm durchgeht, denn Teleshopping klappt prima auch mit nur einer Hand. Bei uns landen täglich neue Lieferungen: Keramikpfannensets, Brillantringe, Damenstretchjeans (er fand, ich hätte zugenommen) und Paletten von Gastro-WC-Steinen, die er vertreiben wollte. „Henrik, so geht das nicht weiter“, sagte ich irgendwann. Mir war elend zumute. Ich wusste ja, dass er es gut meint. Dass er mir eine Freude machen, einen Beitrag zum Familienbetrieb liefern wollte. Aber der würde uns früher oder später in den Ruin treiben. „Seit wann begeisterst du dich eigentlich für Teleshopping?“, fragte ich. Und er sagte: „Barbara“, und sah mich mit seinem Vorstandsgesicht an. „Das ist Unterschichtenfernsehen, das würde ich niemals tun.“

Folter durch die Pfleger

Manchmal können wir beide schallend über solche Dinge lachen, aber ich weiß nie, wann er mich auf den Arm nimmt und wann er in seiner Welt ist. Natürlich hätte der alte Henrik nie WC-Steine bestellt, aber der hatte sich an einem Mittwochmorgen von uns verabschiedet. Es tut weh, ihn gehen zu lassen, zu begreifen, dass jetzt ein neuer Henrik bei uns ist. Zwar ist er in vielen Dingen der Alte: Sein Humor, seine Schlagfertigkeit und die schelmische Art, in die ich mich verliebt habe, sind noch voll da. Henriks Sprachzentrum ist von dem Anschlag auf sein Gehirn komplett verschont geblieben. Dafür wurden Areale getroffen, die für Wahrnehmungen, Emotionen, das Einschätzen von Zeit, Raum und Wirklichkeit zuständig sind. „Die zentrale Kontrolle im Gehirn ist aus dem Takt “, erklärten die Ärzte. Charakterliche Veränderungen seien also rein organisch bedingt und daher zu entschuldigen. Das sagt sich leichter, als es ist, denn der neue Henrik zeichnet sich vor allem durch eins aus: Wut. Sie richtet sich gegen Pfleger, Ärzte, Therapeuten, die Ungerechtigkeit des Lebens, die Kinder und natürlich gegen mich, den Ursprung allen Übels. Irgendwann hat er „Schatzi“ einfach gegen „Miststück“ ausgetauscht, und seitdem habe ich mich der Freiheitsberaubung, Gängelung, Manipulation der Kinder und Freunde und der Folter mit nichtsnutzigen Pflegern schuldig gemacht.

Nach Henriks Entlassung aus der Reha hatten die Ärzte zwei Vorschläge: Seniorenpflegeheim (mit Mitte 50) oder Pflege zu Hause. Wie das gehen soll mit einem Vollzeitjob, schulpflichtigen Kindern und einem halbseitig gelähmten Mann, konnte mir keiner sagen. Also engagierte ich eine Pflegeagentur, die uns im Wechsel osteuropäische Pfleger schickt, denn für deutsche bräuchte ich zwei Vollzeitjobs. Der erste Pfleger erlitt einen Schwächeanfall, womit ich dann zwei Pflegefälle zu Hause hatte, die zweite schmiss nach drei Tagen hin („Henrik böse, sehr böse“), die dritte redete ihm ein, ich sei eine Hexe, die ausgeräuchert werden müsse (der Gestank saß noch Wochen bei uns fest), die vierte war toll, kam aber nie wieder, und der fünfte war ab mittags voll wie eine Haubitze. Vermutlich hat er es ohne Wodka nicht ertragen, denn bei uns zu Hause herrschte Krieg. Um Henriks Gewehrsalven aus dem Wohnzimmer zu entgehen, verschanzte sich jeder in seinem Zimmer. Maxi und ich kommunizierten fast nur noch per WhatsApp.

Manchmal frage ich mich, wie das alles geendet hätte, wenn Luki, unser ältester Sohn, mir nicht vor seinem Auszug das Messer auf die Brust gesetzt hätte. „Ich gehe nur, wenn du dich von Papi trennst“, sagte er. „Sonst gehst du vor die Hunde und Maxi auch.“ Und als wäre so ein Satz vom eigenen Sohn nicht schon schlimm genug, war noch viel schlimmer, dass er recht hatte. Ich wollte es nur nicht wahrhaben. Wie auch? Ich hatte doch kein Recht zu jammern. Mich hatte es ja nicht getroffen. Ich kann ja laufen, arbeiten und all das tun, was Henrik gern tun würde. Es ist so ungerecht. Darf man sich überhaupt von einem kranken Mann trennen?

Die Trennung ist eine Riesenerleichterung

Um es kurz zu machen: Ich habe uns getrennt – räumlich zumindest. Habe unseren Alltag auf zwei Wohnungen verteilt. In der einen leben Henrik und die Pfleger, in der anderen Maxi und ich. Henrik behauptet, das Miststück habe ihn obdachlos gemacht. Dummerweise auch bei der Anhörung des Amtsrichters während des Betreuungsverfahrens, aber das ist eine andere Geschichte. Für mich ist die Trennung eine Riesenerleichterung. Sie ermöglicht mir und den Kindern von Montag bis Freitag einen normalen Alltag und gibt mir Kraft für die Wochenenden mit Henrik. Natürlich frage ich mich oft, ob das alles so richtig war. Aber wer weiß schon, was richtig ist und was falsch. Vor allem, wenn man mit jemandem zusammen ist, der abseits jeder Norm lebt.

Ich weiß, dass Henrik, wenn er die Wahl hätte, nicht mehr bei uns wäre. In den lichten Momenten, in denen die Realität durch die Psychopharmaka zu ihm findet, hat er es mir gesagt. Aber keiner von uns kann über Leben und Tod bestimmen. Wir müssen das Leben nehmen, wie es kommt, und versuchen, das Beste daraus zu machen. Ich habe kein Recht, ihn festzuhalten. Aber solange er da ist, werde ich für ihn da sein. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: Er wird das Miststück nicht loswerden.

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Von Familienheld zu Pflegefall – Wenn Papa plötzlich nicht mehr funktioniert

Wird schon wieder, denkt Barbara Wentzel, als ihr Mann eines Morgens umkippt. Aber Henrik bleibt ein Pflegefall, und alles wird anders.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

E-Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden