Warum es so schwer ist, kein Öko-Schwein zu sein

Unsere Autorin ist fest entschlossen, ihren Kindern keinen verlorenen Planeten zu hinterlassen. Aber wie? Über den täglichen Kampf, die eigenen Routinen zu brechen.

von Christine Rickhoff

Ich glaube, dass es mir geht wie den meisten Menschen, wenn es um Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz geht: Ich bin so verwirrt wie man es nur sein kann. Sind Elektroautos jetzt gut oder nicht? Hab ich Mist gebaut, als ich mich für Photovoltaik entschieden habe? Ist eine Papiertüte so schlimm wie eine Plastiktüte? Darf man überhaupt noch Kaffee trinken? Guacamole machen? Soja essen? Luftballons über den Geburtstagstisch hängen? Überhaupt Kinder bekommen?

Plötzlich radikal

Eigentlich war ich nie so für radikale Gedanken zu haben, plötzlich scheint mir Radikalität in diesem Kontext die einzig plausible Gangart. Jedes Mal, wenn ich meinen schlafenden drei Rabauken über den Kopf streiche, denke ich darüber nach, was wir alles falsch machen, falsch gemacht haben und wie sehr sie und ihre Kinder eines Tages darunter leiden werden. Gebannt verfolge ich Greta Thunbergs konsequente Lebensweise. Sie zieht es durch, ich ziehe den Hut. Aber gleichzeitig sehe ich mir selbst dabei zu, wie ich nur langsam und widerwillig all die Gedanken aufgebe, die nicht mehr zu dem Wissen passen, das ich über den Zustand unseres Planeten habe. Ich wollte doch immer reisen, wenn ich es mir leisten kann. Jetzt könnte ich. Eigentlich. Aber darf ich das? Außerdem esse ich nichts lieber als ein Rindersteak mit Kräuterbutter. Um es noch schlimmer zu machen: Ich fahre auch echt gerne Auto, weil es bequem ist. Ich schäme mich manchmal allein für all diese Gedanken.

Es sind die blöden Routinen

Nichts steckt fester in uns drin als unsere Routinen. Die automatischen Abläufe, die bekannten Dinge, all die Kleinigkeiten, die fester Bestandteil des Lebens sind, laufen per Autopilot mit. Diesen Autopilot zu brechen, erfordert nicht nur Disziplin, sondern auch Klarheit. Mit Halbherzigkeit brauchst du diesen automatisch ablaufenden Gewohnheiten gar nicht kommen, das weiß ich spätestens seit ich mal versucht habe, halbherzig eine Diät durchzuziehen. Und genau an dieser notwendigen Klarheit hakt es bei mir auch in Sachen Umweltschutz. Denn wie soll ich klar sein, wenn eigentlich fast niemand mehr weiß, was richtig ist und was falsch? Der E-Roller ist angeblich klimaschädlicher als das Auto, Veganer sind mit Soja und Avocado plötzlich genauso schlecht fürs Klima wie Fleischesser, die Elektroautos sind mit ihren Akkus keine sinnvolle Alternative und die Papiertüten am Obstregal genauso beknackt wie Plastik. Mir fehlt der genaue Fahrplan, ich weiß einfach nicht, in welche Richtung ich mich orientieren soll, wenn ich es gut machen will. Dabei will ich so sehr. Daran scheitert es nicht.

Das Leben der anderen

Und dann sind da noch die anderen. Um deren Leben will ich mich eigentlich nicht kümmern, bin ja nicht die Stasi. Und es geht mich auch nichts an. Aber um es vorsichtig auszudrücken: Meine eine Flugreise im Jahr NICHT zu machen, fühlt sich wie ein Witz an, wenn im eigenen Umfeld wöchentlich die Strecke Frankfurt - Hamburg geflogen wird. Und der Gedanke, die Wasserkästen irgendwie mit dem Fahrrad transportieren zu müssen, ist irgendwie lächerlich, wenn so viele um mich herum täglich mit dem dicken Auto zur Arbeit pendeln. Manchmal kommt dann in mir dieses Missionier-Gefühl auf. Der Wunsch, denen allen mal zu sagen, wie sie besser gehen, diese wenigen Dinge, in denen ich selbst Verzicht übe oder per Zufall ein bisschen ökologischer drauf bin. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich morgens selbst viel zu oft das Auto nutze, um die Kinder in die Kita zu bringen, dass ich letztes Jahr mit der ganzen Familie nach Amerika geflogen bin, wie gesagt gerne auch mal ein Steak esse und dass ich gestern Kleider geshoppt habe, die ich eigentlich nicht dringend gebraucht hätte. Es ist dumm und irrsinnig mit dem Finger auf andere zu zeigen, während man selbst doch genauso strauchelt. Vielleicht ein armseliger Versuch, in der eigenen Selbstgerechtigkeit eine Sekunde Frieden mit dem Thema zu finden. 

Es gibt keinen nachhaltigen Konsum

Letztens habe ich eine interessante Kolumne in der GEO gelesen. Noch immer geht mir ein Satz daraus nicht aus dem Kopf: "Wer Nachhaltigkeit will, sollte auf Wirtschaftswachstum verzichten können." Ist es vielleicht genau deshalb so schwer, kein Öko-Schwein zu sein? Weil Nachhaltigkeit das Gegenteil unseres kapitalistischen Wirtschaftssystem bezweckt, nämlich WENIGER Konsum? Sind es einfach zwei verschiedene Konzepte, die in uns und um uns herum um unsere Gunst streiten? Vielleicht ist es ja ein kläglicher Versuch, immer umweltverträgliche Konsumalternativen für alles finden zu wollen: Der Beyond Meat Burger statt Rind, die Papiertüte statt Plastik, das E-Auto statt Diesel, das mit Flüssiggas betriebene Kreuzfahrtschiff statt des Schweröl-Stinkers – womöglich ist das alles einfach nicht die gesuchte Antwort. Weil die einzig richtige Antwort "NICHTS" wäre?

Müssen wir an unseren Werten rütteln?

Ich glaube, dass tatsächlich vor allem Verzicht der Schlüssel ist, auch wenn schon der Gedanke daran unbequem ist. Jede Mühe, etwas zu ändern, ist nur eine Farce, wenn wir nicht bereit sind, wirklich an unseren Grundfesten zu rütteln. Keine Kinder kriegen fürs Klima? Bullshit! Sind Kinder nicht der allerallerbeste Grund, kein Öko-Schwein mehr sein zu wollen? Ich für meinen Teil werde mich vor allem ihretwegen weiter durch den Wald der richtigen und falschen Entscheidungen kämpfen und hoffen, dass es immer mehr richtige werden, auch wenn das bedeutet, dass mein Leben anders aussehen wird, als ich es geplant hatte. Dass uns unsere Fehler so bewusst geworden sind, ist zwar hart, aber auch eine Chance. Vielleicht ist ein bisschen Begrenzung ja am Ende auch nicht nur umweltfreundlicher, sondern tut dem Geist ebenfalls ganz gut. Vom Ostsee-Urlaub kommt man schließlich ohne Jetlag und Fahrradfahren an der frischen Luft macht sicher glücklicher als der Stau auf der B73. Möglich, dass wir in zwanzig Jahren kopfschüttelnd unser Leben vor 2020 betrachten, weil es uns komplett irrsinnig vorkommt. Was ich jetzt vor allem brauche sind ganz viele Informationen, Wegweiser in dem ganzen Kuddelmuddel und vor allem Politiker, die mir helfen, dass sich meine eigene Bemühung nicht wie ein Tropfen auf dem heißen Stein anfühlt. 

Mal sehen, was die Zukunft bringt. Ich habe jedenfalls nicht nur Angst vor ihr, sondern auch ganz viel Hoffnung, dass sie schön wird. Zumindest, wenn wir lernen, unsere Komfortzone der Routinen und Lebenspläne mal zu verlassen. Schritt für Schritt. Fehltritte inbegriffen. Die gibt es schließlich sogar bei Greta...

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