Warum Lesen glücklicher macht als Netflixen

Unsere Autorin ist Literaturwissenschaftlerin. Trotzdem hat sie seit Monaten kein Buch in die Hand genommen und fragt sich: Wie kann es sein, dass sie alle Staffeln Game of Thrones gesehen hat und trotzdem behauptet, keine Zeit zum Lesen zu haben?

von Marie Stadler

Seien wir mal ehrlich... Ich für meinen Teil war das beim Thema "Lesen" lange nicht mehr. Bis vor einer Minute habe ich – mich völlig im Recht wähnend – behauptet, ich hätte keine Zeit mehr zum Lesen: Drei Kinder, ein Job, ein Haushalt, die Alibirunde Sport pro Monat... wann soll man da bitte noch lesen? Dann ist mir aufgefallen, dass ich alle Staffeln "Game of Thrones" gesehen habe. Außerdem "Designated Survivor", "White Collar" und bis zu diesem kläglichen Moment, in dem eine Babymaus verschlungen wurde, auch "Orange is the new Black". Tja. Da fragt man sich doch wirklich, wie das passieren konnte, wenn man doch eigentlich ÜBERHAUPT KEINE ZEIT hatte.

Eigentlich mag ich Bücher

Ich bin kein Mensch, den das Lesen anstrengt. Selbst Klassiker wie Effi Briest habe ich schon in Schulzeiten begeistert aufgesogen. Ja, ich weiß, unsympathisch. Ich will damit nur sagen, dass es für mich keine akzeptable Ausrede wäre, wenn ich sagen würde, dass Lesen mich wahnsinnig beansprucht. Ich habe sogar Literatur studiert. Und trotzdem ziehe ich seit Monaten die verdammte Fernbedienung meinem Bücherregal vor. Warum bloß?

Der Mensch macht es sich gerne einfach. Klug ist das nicht

Ich bin, wie viele andere, Opfer eines Trugschlusses. Auch mein Unterbewusstsein ist der Meinung, dass es mich mehr entspannt, wenn ich stumpf der Interpretation anderer Leute auf dem Bildschirm folge, als mir selbst Gedanken machen zu müssen, wie die Stimme des mürrischen Kapitäns wohl klingt, wie sehr die See aufgewühlt ist und wie das Gesicht der kühlen Blonden an Deck aussehen mag. Doch das ist ein Trugschluss. Auch, wenn es sich nach weniger Arbeit anhört, beanspruchen Netflix und Co uns viel mehr als das Lesen eines Textes. Zwar ist tatsächlich der Eigenanteil des Gehirns geringer, doch dafür muss der Kopf eine Menge Reize bearbeiten. Geräusche, Kamerabewegungen, schnelle Schnitte, all das flutet unser Gehirn mit einer Menge Daten und ist gerade nach einem Tag vor dem Computer oder am Telefon genau das Falsche für unsere geplagten Augen und Ohren. Lesen ist sehr reizarm und deshalb letzten Endes viel entspannender. Nur das muss einer mal meinem Unterbewusstsein erzählen.

Warum wir lesen...

Ich erinnere mich noch gut an eine Frage, die uns ein sehr cooler Prof im Studium stellte. Er fragte: "Warum lesen wir überhaupt?". Ich fand die Frage damals selten dämlich. Die anderen auch. Genervte Antworten à la "weil es halt bildet" kamen aus allen Ecken, aber unser Prof schüttelte immer den Kopf. Dann gab er uns seine Antwort:

"Wir lesen, um nicht alleine zu sein"

Ich habe lange darüber nachgedacht. Fühlt man sich wirklich weniger alleine, wenn man liest? Schließlich ist Lesen gefühlt ja eine eher einsame Sache. Aber im Grunde hatte der Mann recht. Erzählt mir sonst jemand ungefiltert seine Gedanken? Das macht nicht mal meine beste Freundin, nehme ich an. Mein Mann erst recht nicht. Nicht mal die Protagonisten meiner Lieblingsserie, denn die sehe ich nur von außen. Ich kenne echt nur meine eigenen Gedanken und die erschrecken mich manchmal gewaltig. Ob die anderen auch so einen Bullshit denken? Ob sie manchmal so moralisch verwerfliche Ideen haben wie mein Hirn? Ob sie an einigen Tagen so sehr an sich selbst verzweifeln, wie ich das mache? Und ob sie auch genau wissen, dass Dinge doof sind und sie dann trotzdem tun? Mh. Ich hab mich lange nicht mehr vergewissert, dass es den anderen genau so geht wie mir. Dafür müsste ich nämlich mal wieder lesen. Das mach ich auch bestimmt. Gleich heute. Direkt, nachdem ich mir eine kleine Folge angesehen hab. Oder zwei. Zur Entspannung. Wenigstens bin ich mit dieser Inkonsequenz ganz bestimmt auch nicht alleine...

 

Keine Ahnung, welches Buch du lesen sollst? Hier sind die Lieblingsschmöker unserer Redaktion:

Danke an Anna von Fuchsias Weltenecho für das tolle Titelbild

 

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