Wie fühlt sich eine Mutter, die nach 15 Jahren Gefängnis ihr Kind wiedersieht?

Miriam Westphal saß 15 Jahre im Gefängnis. Seit ein paar Monaten ist sie draußen. Ihre Söhne sind inzwischen erwachsen. Kann man die verlorene Zeit nachholen?

von Yvonne Adamek

Wenn Miriam am Abend nach Hause kommt, schließt sie als Erstes die Tür hinter sich zu. Zweimal, damit keiner reinkommen kann. Sie zündet ein paar Kerzen an, legt sich aufs Sofa und schließt die Augen – Stille! Kein Stimmengewirr, keine Schritte auf dem Flur und niemand, der ihre Sachen, die abgezählten BHs, Shirts und Hosen nach Drogen und Alkohol durchwühlt.

Miriam Westphal saß 15 Jahre im Gefängnis. Im Mai wurde sie entlassen. Als sie an jenem Tag von der JVA Berlin zu ihrer neuen Wohnung fuhr, stoppte sie an einer Drogerie, um sich Haarspray zu kaufen, im Gefängnis verboten. Benutzt hat sie es noch nicht. Trotzdem bekam die XXL-Flasche einen Ehrenplatz in ihrem Badezimmer. Ein Mahnmal zum Sprühen.

„Bloß nie wieder zurück!“, sagt Miriam Westphal mit fester Stimme. Sie redet hektisch und viel. Nur wenn es um die Umstände ihrer Tat geht, wird sie leiser und wählt jedes ihrer Worte mit Bedacht. 2002 wurde sie wegen Anstiftung zum Mord verurteilt. Damals, als sie und ihre beiden Söhne von diesem Mann massiv bedroht wurden, wusste sie keinen anderen Ausweg – mehr möchte sie dazu nicht sagen. Das Urteil für ihre Tat: lebenslange Haft. Bedeutet 15 Jahre Minimum, wenn man sich im Gefängnis nichts zuschulden kommen lässt. Bei schlechter Führung hätten auch 25 Jahre daraus werden können.

Besser wegducken!

Demut und Geduld waren die Grundsätze, die der eigentlich selbstbewussten Frau halfen, die Zeit zu überstehen. Sie fügte sich, widersprach nicht, als ihr der selbst gebastelte Engel ihres Sohnes wieder weggenommen wurde, obwohl ihr Antrag dafür bewilligt worden war. Sie fror still, wenn es mal keine dritte Wolldecke zum Zudecken gab. Sie erledigte alle Aufgaben, die ihre Wärterinnen ihr zuteilten – auch die inoffiziellen. „Die ganze Zeit kreiste da ein Hammer über meinem Kopf. Da duckst du dich besser weg, so gut es geht, um nicht von ihm getroffen zu werden.“

Zwei Jahre hat sie sich auf ihre Entlassung vorbereitet. In dieser Zeit konnte sie als Freigängerin ihre Gesellschaftsfähigkeit unter Beweis stellen – zuerst nur für ein paar Stunden, dann für ganze Tage und schließlich auch für komplette Wochenenden. „Es war wie eine endlose Prüfung“, erinnert sich Miriam Westphal. „Ich war immer angespannt.“ In ihrem Hinterkopf tickte die Uhr: „Bloß nicht zu spät zurück in der Zelle sein.“ Sonst wäre sie direkt wieder in den geschlossenen Vollzug versetzt worden, mit abgesperrten Hafträumen, die nur eine Stunde pro Tag geöffnet sind. „Dann wäre all die Mühe umsonst gewesen.“

Wenn sie draußen war, wollte sie sichtbar sein, sich nicht mehr wegducken wie drinnen. Dafür war es wichtig, einen Job zu finden. „Jeden Abend durchsuchte ich in meiner Zelle die Stellenanzeigen der Tageszeitungen nach Jobs.“ Am liebsten hätte sie wieder etwas als Kosmetikerin gefunden. Der feine Lidstrich und die sorgfältig lackierten Nägel zeigen, dass sie von ihrem Handwerk noch immer etwas versteht. „Aber wenn du im Knast bist, kannst du nicht wählerisch sein.“

Manchmal schaffte sie es sogar zu einem Bewerbungsgespräch. Dann zog sie ihre beste Jacke an. Die weiße, die ein bisschen nach Chanel aussieht. Am Ende hat nur einer der Freigängerin eine Chance gegeben. „Aber ich hab was draus gemacht.“ Sie fing als Küchenhilfe in einer Großküche an. Die Arbeit war so anstrengend, dass sie danach todmüde in ihre Zelle fiel und schon schlief, wenn sich der Schlüssel von außen im Schloss drehte. Aber sie wollte durchhalten, wieder Mut fassen, nach vorne blicken. Inzwischen arbeitet Miriam Westphal als Teamleitung in derselben Großküche, und darauf ist sie stolz.

Ganz normal leben

Durch die Zeit in der JVA fehlen ihr 15 Jahre Rentenbeiträge. „Momentan plane ich weiterzuarbeiten, bis ich 70 bin.“ Also mindestens noch 12 Jahre. „Viele glauben ja, dass ich jetzt auf Weltreise gehen will. Will ich aber gar nicht!“ Einfach ganz normal leben, vielleicht mal eine Städtereise mit ihren Söhnen. Zu ihrer Entlassung waren beide Jungs, inzwischen erwachsen, nach Berlin gekommen. „Mein Jüngster hatte mir sogar einen Kuchen gebacken.“ Dass auf Langzeitinhaftierte wie sie nach ihrer Entlassung Familie und Freunde warten, ist eher ungewöhnlich. „Vielleicht haben meine Freunde selber keine Antwort auf die Frage gefunden, was sie an meiner Stelle getan hätten.“ Vielleicht ist es Miriam Westphal aber auch einfach wert, gemocht zu werden. Diese Erklärung ist ihr am liebsten.

Den guten Kontakt zu ihren Söhnen verdankt sie neben verschiedenen Therapien auch deren Pflegefamilien. Die beiden wuchsen getrennt voneinander auf. „Die Familie meines Großen kam regelmäßig mit ihrem Wohnmobil vorbei. Dann campierten sie in der Nähe, und ich konnte jede Minute der mir zustehenden Besuchszeit mit meinem Sohn auskosten.“ In der Zwischenzeit blieben Briefe und Anrufe zu vorgeschriebenen Zeiten.

Heute herrscht zwischen den Dreien ein stilles Abkommen: Jeder fragt, so viel er wissen will, und erzählt, so viel er kann. So nähern sich Mutter und Kinder schrittweise wieder an, ohne sich dabei gegenseitig zu viel abzuverlangen. Es fällt Miriam Westphal schwer, ihre Söhne nicht mit Liebe zu überschütten, um all die verlorene Zeit nachzuholen. Sie versucht es mit so viel Normalität wie möglich – und gut dosierten Besuchen. Dann schlafen manchmal sogar alle in einem Zimmer. Doch noch einmal die verpassten Jahre zurückholen, wenn auch nur für ein paar Stunden. Miriam Westphals Augen werden glasig, wenn sie von ihren Kindern spricht. Immer wieder wiederholt sie fast flüsternd: „Wir haben ja Zeit.“

Einfach losfahren!

Ihre Freunde, die all die Jahre Kontakt hielten, waren eine große Stütze, erst im Gefängnis und jetzt in Freiheit. Sie haben geholfen, die angemietete Bruchbude im Dachgeschoss zu einer Wohnung zu machen, in der Miriam sich wohlfühlt. Überall neue Tapeten, im Wohnzimmer stehen das Sofa und der Tisch von damals. 15 Jahre hatten ihre Möbel in einem Container gewartet. Jetzt ist alles wie früher. „Schön.“

Aber noch wichtiger als die Möbel ist das eigene Auto. Einfach losfahren zu können, egal wohin und ohne jemanden um Erlaubnis bitten zu müssen. Ihren gebrauchten Alpha Spider pflegt sie mit Hingabe, sie hat schon im Gefängnis jeden Cent fürs Traumauto zurückgelegt. Und immer, wenn Miriam Westphal sich hinter das Steuer setzt, fühlt sich alles richtig an. Nur zu schnell fahren darf sie nicht, sie ist noch fünf Jahre auf Bewährung draußen.