Wie ich mit 40 Kandidatin bei GNTM wurde. Also fast.

Buchautorin Meike Werkmeister trägt am Schreibtisch gern Jogginghosen und vergisst manchmal, sich morgens zu kämmen. Doch vor Kurzem fühlte sie sich plötzlich wie ein Star. Hier erklärt sie warum.

von Meike Werkmeister

Ich bin gerade 40 geworden, bin ganz gut durch den Winter gekommen, habe eher kurze Beine und eines meiner Augen ist eindeutig kleiner als das andere. Nicht falsch verstehen, ich mag mich, keine Beschwerden, aber ich sage das, um klarzustellen: Ich bin definitiv kein Material für die neue Staffel von „Germany's Next Topmodel“. Und trotzdem geriet ich in eine Situation, in der ich mich fühlte, als sei ich eine Kandidatin bei Heidi Klum. Und das kam so: Ich habe einen Roman geschrieben. Er begeisterte meinen Verlag derart, dass er beschloss, Marketing dafür zu machen. Das klang erst mal gut. Bis vor ein paar Wochen eine junge Dame aus München anrief und sagte, sie würden gern einen Trailer dafür mit mir drehen. Ich rührte gerade Linsensuppe auf dem Herd und trug eine Jogginghose, denn beim Schreiben zu Hause begegne ich selten Menschen. Sobald die Dame aufgelegt hatte, klingelte mein Handy. Der Regisseur für den Trailer war dran. Er sagte, er produziere normalerweise Musikvideos für Nena und Xavier Naidoo. Meine Linsensuppe brannte an.

"Der Aufnahmeleiter hielt den Styropor-Aufheller vor mein Gesicht"

Keine zwei Wochen später fuhr ich früh am Morgen mit einer sechsköpfigen Filmcrew an den Strand von St.-Peter-Ording. Die sehr nette, sehr hübsche, sehr junge Make-up-Artistin pinselte erstaunlich viele verschiedene Pasten auf mein Gesicht. Als ich danach auf die Toilette ging, musste ich über mein Spiegelbild lachen. Ich sah toll aus, war mir aber sicher, dass mich Nachbarn auf der Straße nicht erkannt hätten. Danach sollte ich durch die Dünen laufen, so, als würde keiner zugucken. Es waren acht Grad, gefühlt Minus zwei. Ich lief sehr oft durch die Dünen. Ich trug ein Sommerkleid mit hochgekrempelter Skiunterwäsche darunter. Vor mir geduckt zwei Kameramänner mit tiefgezogenen Mützen, der Regisseur gab Anweisungen. „Und auf eins, zwei, drei in die Kamera gucken.“

In den Drehpausen reichte man mir Winterparka und Schal, tupfte neuen Lippenstift auf. Ich musste daran denken, wie mein sechsjähriger Sohn sich neulich beschwert hatte, dass ich bestimmt bald nicht mehr hübsch sein würde, da ich schon so alt sei. Daran, wie eine Kosmetikerin sich über mich beugte und fragte, ob ich die grauen Haare in meinen Augenbrauen wegfärben wolle. Daran, dass der Optiker feststellte, es sei Zeit für eine Lesebrille, „ganz normal in Ihrem Alter, Sie sind ja auch schon über 40.“ Der Aufnahmeleiter hielt den Styropor-Aufheller vor mein Gesicht. „Noch mal verträumt zum Horizont blicken“, rief der Regisseur, und meine Augen tränten.

"Hätte man mir gesagt, dass ich mal ein Video mit Nenas Regisseur drehe, ich wäre durchgedreht"

Der Wind drehte auf und die Make-up-Artistin musste „Haar-Polizei spielen“. Verrückt, dachte ich, die Füße in Feinstrumpfhosen in Gummistiefeln in der eiskalten Nordsee, während sie geduldig zerzauste Strähnen mit einer Bürste malträtierte. Hätte man mir als junges Mädchen gesagt, dass ich mal ein Video mit Nenas Regisseur drehe – ganz ohne Heilfasten vorher – ich wäre durchgedreht. Jetzt war ich erstaunlich ruhig. Älterwerden hat viele Vorteile.

Gerade, als wir einpacken wollten, entdeckte der Regisseur eine Riesenpfütze. „Da springst du jetzt mit voller Wucht rein“, beschloss er. Ich denke, ich hätte nein sagen können. Schließlich war ich nicht bei Topmodel, wir hatten seit Stunden im Freien gedreht, ich war bereits durchgefroren und ein Foto gab es für mich nicht zu gewinnen. Und trotzdem war mir so in diesem Moment glasklar: Ich hatte trotzdem etwas zu verlieren. Denn so etwas Verrücktes passiert mir vielleicht nie wieder. Vor einer sechsköpfigen Filmcrew, alle gekleidet wie in der Arktis, durch eine Salzwasserpfütze hechten, während jemand ruft „Biete mir noch mal etwas anderes an!“!? Morgen, dachte ich, sitze ich wieder in Jogginghose auf meinem Gymnastikball am Schreibtisch, weil ich sonst Rücken kriege. Morgen stehe ich wieder ungeschminkt an der Käsetheke, und niemand würde je auf die Idee kommen, mir einen Styropor-Aufheller vors Gesicht zu halten.

"Ich gab, wie Heidi sagen würde, alles"

Und so sprang ich durchs Wasser, bei gefühlt Minus zwei Grad, bis ich bis zur Hüfte platschnass war und meine Beine kaum noch spürte. Ich gab, wie Heidi sagen würde, alles. Und ganz ehrlich? Es hat riesigen Spaß gemacht. Ich hätte es auch noch weitere zwanzigmal getan. Ich denke, ich hätte mich sogar bäuchlings in die Pfütze fallen lassen, wenn es für den Buchtrailer von Vorteil gewesen wäre. Aufwärmen konnte ich mich an einem anderen Tag. Ich bin sicher: Heidis Mädchen hätten es genauso gemacht.

 Meike Werkmeister, Jahrgang 1979, lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Sie ist Buchautorin und schreibt als freie Journalistin für verschiedene Magazine. Wann immer sie Zeit findet, fährt sie ans Meer – besonders gern nach Norderney, wo sie seit Kindertagen mit ihrer Familie Urlaub macht.

 Meike Werkmeisters aktueller Roman „Sterne sieht man nur im Dunkeln“ ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet 10 Euro.



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