Wo findet man noch Stille? Meine Reise ins chinesische Kloster

Der Alltag kann laut und hektisch sein. Manchmal nervt das, sodass kleine Auszeiten, Ruheräume und auch Schweigeseminare immer populärer werden. Unsere Autorin Diana Huth reiste nach China ins Shaolin Klöster und lernte eine Lektion über Stille.

von Diana Huth

 

Seit meiner Kindheit war ich fasziniert von den Shaolin Mönchen. Die kahlrasierten Chinesen in den orangenen Kutten beeindrucken mit ihren Körperkünsten in atemberaubenden Shows. Eine Metallplatte mit dem Schädel zu zerteilen, ist eine ihrer bekanntesten Darbietungen. Das braucht schon etwas mehr als einen Dickschädel wie meinen. Vor allem wohl Kraft und Konzentration. Wenngleich ich die Kampf- und Körperkunst der Shaolin beeindruckend fand, war die Geisteskraft hinter ihren Übungen das, was meine Faszination ausmachte. Wenn der Geist eines Shaolin Mönchs in der Lage war, seinen Körper zu scheinbar unmöglichen Leistungen zu bringen, warum scheiterte mein Geist dann so häufig, meinen Körper morgens rechtzeitig aus dem Bett zu bewegen? Und etwas von dieser unbeschreiblichen Ruhe dieser Shaolin Mönche wäre auch fein.

Also besuchte ich einen Qi Gong Kurs und meditierte. Zur Ruhe kam ich nicht. Manchmal liegt es ja auch an der Umgebung. Eine Reise zum Shaolin Tempel China würde bestimmt helfen um in den richtigen Fluss zu kommen.

 

Smog Attacke in Peking – Ich atme also bin ich

Wir flogen als Gruppe nach Peking und von Stille war da nicht viel zu bemerken. Die Großstadt war laut, voll und es herrschte ziemlich dicke Luft. Ich kann mich nicht erinnern, je so schwer geatmet zu haben. Das fand ich scheußlich. Und diese vielen Menschen. Die verbotene Stadt war gar nicht mehr so verboten, sondern eher überfüllt. Doch das war nichts im Vergleich zum Platzmangel im Zug Richtung Dengfeng, der Stadt, in der der Shaolin Tempel ist. Neun Stunden im Gang stehen, hängen und irgendwie auch auf dem Boden sitzen und dösen. Auf 'Toilette' habe ich mich nicht getraut. Es war eine Art Pinkelrinne, wie sie in China (zumindest im Inland) üblich ist. Hallo Kulturschock.

 

Wenn das 'Dorf' eine Großstadt ist

Angekommen in Dengfeng, einer Stadt, die mit über 600.000 Einwohnern so viele Menschen beheimatet wie meine Heimatstadt Dortmund, war ich erstmal überwältigt. Alles war irgendwie viel riesiger als erwartet. Ich dachte, dass die „Provinz“ Henan eher meinen Vorstellungen eines Dorfes entspreche. Statt Ruhe, Natur und meditierenden Menschen fand ich buntes Treiben, Geschäfte und einen Betonklotz neben dem anderen. Wir schliefen und trainierten auch nicht im Kloster, sondern in einem 5-Sterne-Hotel mit eigenen Trainingsflächen. Sehr imposant und gar nicht kleinbürgerlich. Es gab dort sehr viele chinesische Trainingsgruppen. Auf mich wirkte es ein wenig wie Kinderarmeen. Die armen Würmchen mussten den ganzen Tag hart trainieren und hatten die Hoffnung, so berühmt und reich wie Jackie Chan und Jet Li zu werden oder zumindest mit den Showgruppen auf Weltreise zu gehen. Ihre Familien waren so arm, das dies ihre einzige Chance auf ein besseres Leben war. Trainieren gegen die Armut statt aus Überzeugung. Furchtbar.

 

Der Shaolin Tempel – eine Touristenattraktion

Der Tempel lag etwas außerhalb der Stadt und war umgeben von Wäldern und Natur – endlich! Doch irgendwie war es auch hier nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es wimmelte von Touristen. Überall gab es Souvenirs zu kaufen. Unzählige Fotos wurden hier geschossen und manchmal hatten wir Europäer eine Art Promistatus. Die Chinesen waren ganz vernarrt und wollten ständig Fotos mit uns machen. Meditative Stimmung ade. Es hieß, dass dies in den nicht-öffentlichen Bereichen des Tempels anders sei. Dank meines Meisters hatten wir die Chance, Abt „Shi Yong Xin“ zu treffen. Seine Heiligkeit, der ehrwürdige Großmeister Shi Yong Xin, ist der 30. Abt des Shaolin Tempels. Das war definitiv ein Highlight. Er hatte eine besondere Ausstrahlung und endlich waren wir mal in einem Raum, in dem maximal zwei Menschen gleichzeitig redeten. Stille. 

 

Finde die Stille in dir

Es gab noch die Gelegenheit, mit ein paar Mönchen aus dem Tempel ins Gespräch zu kommen. Dabei fand ich meine Lektion: Wir machen uns meist sehr abhängig von äußeren Faktoren. Andere Menschen sind nicht so, wie wir es uns wünschen. Die Umgebung nicht so schön (oder still), wie wir sie gern hätten. Der Job, die Beziehung, die eigene Leistung, unser Körper, die Familie sowieso – alles könnte immer noch besser sein. „Besser geht immer“ – ein Satz, den ich nicht mehr hören kann. Doch auch diese innere Ablehnung meinerseits gegen Menschen mit dieser Einstellung ist etwas, das in mir passiert. Die Shaolin sagen: „Meistens sind es nicht die Anderen, die uns verletzen. Wir reichen ihnen bereitwillig das Schwert, dessen Klinge uns dann trifft“, manchmal sogar ins Mark. Platter gesagt: Es sind unsere Erwartungen an die (Um-) Welt, die uns enttäuschen. Das Gute sei, dass wir die Macht haben, dies zu verändern. Ganz schön schwer und ich arbeite auch heute – drei Jahre nach meiner Reise – daran. Daran und auch daran, die Stille in mir zu finden.