Zusammen auf die einsame Insel – getrennt wieder zurück

Nina und Adrian Hoffmann haben getan, wovon andere nur träumen: Ein Jahr lang lebten sie zu zweit auf einer Südseeinsel. Ein Härtetest für die Liebe – mitten im Paradies

von Andrea Müller

Wie weit gehen Menschen auf der Suche nach dem Glück? Sie überqueren den Atlantik in einem Ruderboot – trotz permanenter Gefahr, zu ertrinken. Besteigen lawinengefährdete Steilhänge des Nanga Parbat – und überleben es manchmal nicht. Menschen gehen an Grenzen, immer wieder.

Adrian und Nina verbrachten ein ganzes Jahr rund 17 500 Kilometer Luftlinie von zu Hause, knapp die Hälfte des gesamten Erdumfangs. Eine Tagesreise mit dem Flugzeug, plus zwei mit dem Boot. Das war aber egal, sagt Adrian, „kein Weg kann zu weit sein, um das Glück zu suchen“. Die Insel, das war ein Experiment. Jenseits von Zivilisation, Kultur, Unterhaltung und allem, was die Lebensqualität der westlichen Welt ausmacht. Und ein gewagter Grenzgang als Paar. „Wenn man außer dem Partner und dem Hund niemanden zum Reden hat, das ist knallhart.“ Dass es trotzdem wenig Streit gab, lag daran, dass es kaum Möglichkeiten gab, Dinge unterschiedlich zu wollen. „Die menschlichen Grundbedürfnisse auf der Insel sind für beide gleich: essen, schlafen, lieben, überleben. Und das hat die Insel erfüllt.“

 

„Die Insel war ein Paradies“

Das Jahr auf der Insel war das Jahr seines Lebens, sagt Adrian, ein Ausdruck, den man sonst eher im Zusammenhang mit „Liebe“ gebraucht. Also nicht nur eine Affäre, 365 Nächte lang. „Die Insel hat uns mit der Natur vereint.“

Auf seinem Facebook-Account hat Adrian als Herkunftsort Nukualofa angegeben: die Hauptstadt des ozeanischen Königreichs Tonga im Südpazifik und der nächstgelegene Flugplatz von „seiner“ Insel. Wie dieser Ort zwischen Palmen und Bananenstauden und einer Wellblechhütte darauf wirklich heißt, halten beide eisern geheim. Nukualofa also. Klingt wie ein Scherz, und ist doch Hinweis auf die gefühlte Heimat seines Herzens.

Fest steht: Die Insel war ein Paradies. Sie lebten wie Adam & Eva light, mit Biobeet und Regenwassertonne, ihre Früchte waren wild und nicht verboten. Doch Gott wollte nicht, dass die Menschen ewig im Paradies verharren, sonst wäre wohl keine Schlange auf den Plan getreten. Auf ihrer Insel gab es keine Schlangen. Trotzdem war es mehr als nur chillen in Hängematten unter Palmen, lieben, Papayas essen und stundenlang ins flirrende Azurblau starren, sagt Adrian.

„Langeweile war kein Thema. Als Selbstversorger war unser Tagesplan voll mit Dingen wie fischen, Nüsse sammeln, Nahrung als solche identifizieren und zubereiten.“

Sie hatten säckeweise Proviant dabei, Kartoffeln, Reis und Mehl. Papayas, Zitronen und Kokosnüsse wachsen im Garten. Die Rollen waren klar verteilt: Er ist Fischer. Sie Gemüsebeet-Beauftragte. „Wir hatten Kürbisse, Salat, Gurken, Mini-Tomaten. Auf jedes Pflänzchen war ich stolz.“

Nina lernt, im Solarkocher Brot zu backen und öffnet Nüsse mit der Machete. Sie ist Vegetarierin.

 

„Es war absurd. Bewaffnete unter Palmen, ein bisschen wie in ,Lost‘“

Irgendwann kann Adrian mit der Hand Fische fangen, wie die Einheimischen. „Wir wurden Neandertaler. Ich Sammler, er Jäger.“ Eines Tages, sagt Nina, stand ein fremder Mann auf ihrer Insel. „Es fühlte sich an, als würde jemand in unser Wohnzimmer platzen, ohne zu klingeln. Ich dachte: Hoppla, jetzt werden wir langsam komisch.“

Manchmal, wenn Adrian stundenlang im seichten Wasser sein Abendessen jagt, fängt sie an, sich zu langweilen. Sammelt Muscheln in Kokosnussschalen, aus denen sie Schmuck macht. Adrian scherzt über einen Onlineshop, den sie bald aufmachen könnte. „Natürlich hatten wir kein Internet. Auch keinen Strom – gerade so viel, um den Wasserkocher anzuwerfen.“

Nina erzählt, wie glücklich sie war, als ein Besucher ihnen Hühner brachte. Wegen der Frühstückseier. „Eines Morgens lag ein Huhn tot im Sand. Adrian hat es gerupft, ausgenommen, auf dem Feuer gegrillt und gegessen. Mir ist davon so schlecht geworden, dass ich keine Eier mehr essen konnte.“ Der Speiseplan wird eintönig mit der Zeit.

Die Insel bringt beide an ihre Grenzen. Einmal färbte ein Zyklon den Himmel gelb. Eine Seitwärtswelle, sieben Meter hoch, wie ein Tsunami, nimmt sie fast mit. „Wir dachten, der Regen schwemmt unseren Gemüsegarten weg, unsere Lebensmittelvorräte. Eine Palme knickte ab, zerschmetterte fast unser Wellblechdach. Kokosnüsse flogen durch die Luft. Wir weinten vor Erleichterung, als es vorbei war, eng umschlungen in der Hütte.“

Ein anderes Mal, als 50 chinesische Fischer die Insel belagern, weicht Adrian nicht von Ninas Seite. Die Fischer sind ab morgens betrunken, Nina ist die einzige Frau. Ein Fall fürs Satellitentelefon. Der Konsul schickt ein Militärschiff mit Soldaten, die mit Maschinenpistolen an Land kommen. Sie jagen die illegalen Fischer fort. „Es war absurd. Bewaffnete unter Palmen, ein bisschen wie in ,Lost‘“, sagt Adrian.

Doch für ihn noch lange kein Grund, die Insel zu verlassen. Sicher, es hätte schiefgehen können. Ist es aber nicht. Ein bisschen Fischer sein, ein bisschen Cowboy spielen, die Liebste beschützen, ihr bei Vollmond die Sterne erklären. Für Adrian hätte es ewig so weitergehen können. Ihre Zeit als Paar war inniger denn je auf der Insel, sagt er.

 

Und plötzlich sind da zwei Wege und keine gemeinsame Laufrichtung mehr

Für Nina war es anders. Nach der Sache mit den Fischern war das Paradies kein Paradies mehr, sagt sie. Immer diese Angst, wenn ein Fischerboot am Horizont auf taucht. „Wir sind nur noch mit Machete über die Insel gelaufen. Dabei waren Weltumsegler, die uns am Lagerfeuer besuchten, mit denen ich Bücher tauschen konnte, doch unsere schönsten Erlebnisse.“

Nina spricht mit Adrian über die Endlichkeit ihres Abenteuers. Er will nichts hören von Rückkehr. Sogar als eine Art Beulenpest sein Bein befällt, eitrig, blutig, ekelhaft und schmerzhaft, hält sich seine Angst vor medizinischer Unterversorgung in Grenzen. Nina will ins Krankenhaus. Entfernung: eine Tagesbootsfahrt. Er will bleiben. „Wir hatten Antibiotika dabei.“ Es gibt Streit. Er sagt, sie sei ein Angsthase. Sie sagt, er sei ein Spinner. Ein Insulaner, der so tut, als sei er jenseits der Zivilisation aufgewachsen. In einem Naturvolk. Sie will weiterplanen, die Zukunft, die Familie. Die Zeit NACH der Insel. Das Inseljahr auf der Habenseite des Lebenserfahrungskontos verbuchen. Und einen Punkt machen. „Wir wollten schließlich ein Kind.“ Schon dafür will sie gesund zurückkehren. Zu Familie, Freunden, Jobs, einem Feierabend-Drink in einer Kneipe. Adrian träumt von einer Zukunft auf der Insel.

Und plötzlich sind da zwei Wege und keine gemeinsame Laufrichtung mehr. Die Frage, ob man ein Kind auf einer einsamen Insel großziehen kann, hat sich für Nina nie gestellt. Eine Schwangerschaft ohne medizinische Versorgung, Windeln, Fläschchen, steriles Wasser? Wie soll ein Kind in der Einsamkeit ein soziales Wesen werden? Adrian hadert, welcher Lebensentwurf richtig ist.

Als nach 365 Tagen das Abenteuer vorbei ist, kehren beide wie geplant nach Freiburg zurück. Auf der Rückfahrt auf dem Fischerboot, als die Insel im Blau des Ozeans immer kleiner wird, bis sie aussieht wie Playmobil, fragt Adrian Nina, ob sie meint, dass sie resozialisiert werden können, nach ihrer Rückkehr. Sie sagt: „Ich schon. Du nicht.“

Nina behält recht. Die Insel, die sie erst zusammengeschweißt hat, bringt sie jetzt auseinander. Nina arbeitet wieder in ihrem alten Beruf als Lehrerin. Adrian als Reporter für eine Tageszeitung. Aber in Gedanken bleibt er auf der Insel, er sagt: „Deutschland ist materieller Wahnsinn, Smartphones, Überfluss, der die Welt zerstört, so weit man auch schaut.“ Gern würde er dauerhaft auf der Insel leben, aber bald kommt das gemeinsame Kind zur Welt. Und mit dem Baby verstärken sich die Alltagssorgen – so wie bei vielen jungen Eltern. Hätte man im Paradies auch über Einkäufe und Haushaltsgeld streiten müssen? Darüber, wer einhütet, wer den Abwasch macht oder nachts aufsteht, wenn das Baby schreit? Die Trennung ist irgendwann unvermeidlich.

Beide sind noch immer traurig darüber. Sie waren fast ihr halbes Leben ein Paar. Seit ihrer Schulzeit. Zum dritten Geburtstag ihrer kleinen Tochter reisen sie noch einmal gemeinsam auf die Insel. Um der Kleinen zu zeigen, wo ihre Eltern einmal glücklich waren.

NINA UND ADRIAN HOFFMANN haben ihr Abenteuer aufgeschrieben:
„Eine Insel nur für uns“, Eden Books