Weihnachtstraditionen: Dieses Mal machen wir alles anders. Haha.

Das Schönste an Weihnachten? Die Traditionen – aber wehe, da will einer mal was ändern. Unsere Autorin hat es trotzdem gewagt. 

von Nikola Helmreich

Es kann so einfach sein. Wenn ich mich sonst gegen Klischees sämtlicher Art vorbehaltlos wehre – verbal und vor allem vehement, kann mich in dieser Zeit des Jahres nichts glücklicher machen als das komplette Klischee-Paket, hübsch verpackt, mit Zuckerguss verziert. Die Weihnachtszeit ist für mich eine, die eigentlich aus der Zeit gefallen ist.

Dabei landet sie immer wieder weich auf der Erde, hüllt alles ein, längst nicht mehr in Schnee, aber immer noch in Zauber (ja, es trieft hier gleich vor lauter Kitsch, bleiben Sie stark). Oft habe ich mich gefragt, warum diese Zeit so auf mich wirkt. Längst habe ich damit aufgehört. Und genieße nur noch das, was kommt.

Und das sind vor allem: Traditionen. Egal, was um mich herum passiert, egal, wie das Jahr lief, egal, wer da oder nicht mehr da ist – etwas bleibt an Weihnachten immer gleich: das Gefühl. Und da Gefühle nicht greifbar sind, ist es nur logisch, dass wir sie an Dingen, Menschen, Situationen festmachen. Am Weihnachtsbaum, an der Familie, am Auspackgeräusch.

Weil Traditionen für mich in der Regel keine große Bedeutung haben, sind sie mir vielleicht gerade deshalb an Weihnachten so wichtig. Sie rahmen mein Jahr ein. Geben mir Halt: die Wohnung schmücken, mich auf den Adventskranz meiner Mutter freuen, über die Kerzen meckern, die immer dämlicher abbrennen, das gemeinsame Baumschmücken, das Essen – ich könnte bis Neujahr so weitermachen.

Und wenn sich dann zu den alten, eingespielten Traditionen neue gesellen, wird es erst richtig aufregend. Dasselbe gilt ja für Familienmitglieder. Also: flexibel bleiben, auch an Weihnachten, wenigstens ein bisschen. Vor einiger Zeit zum Beispiel änderten wir das Dinner an Heiligabend. Jahrzehntelang gab es Nürnberger Bratwürstchen und Sauerkraut. Auf die vorsichtige Frage „Wollen wir mal was anderes essen?“ gab es panisch aufgerissenen Augen. Da man Traditionen nicht so mir nichts, dir nichts ändern kann, dauerte es eine Weile, bis auf die Frage der Tafelspitz als Antwort folgte. Und wenn der Stein einmal ins Rollen kommt …

Mittlerweile gibt es jedes Jahr etwas anderes – eine neue Tradition! Ein wenig schwieriger war es, den Dresscode für Heiligabend zu lockern – ich arbeitete sehr subtil und sehr lange daran. Irgendwie gehört es eben dazu, sich schick zu machen, sich rauszuputzen – glänzt und funkelt ja alles um einen herum. Da kann sich die Familie doch auch mal von der polierten Seite zeigen. Und so warfen wir uns stets in Schale.

Den Änderungsprozess leitete ich damals also sehr vorsichtig und mit einer kleinen Falle ein. Ich war für das Essen verantwortlich. Kleiner Einschub: Diese Verantwortlichkeit sollte eigentlich – noch eine neue Tradition! – wechseln, hat nicht so gut geklappt, ich bin immer noch dran. Ich kochte also und warf in die Runde: „Oh, ich habe keine Schürze, will mich nicht einsauen – ich zieh mich schnell vor dem Essen um!“ Schwups, war der Erste in der Falle: „Dann wird dein Essen ja kalt – zieh dich doch nach dem Essen um!“

Das erste Jahr also saßen alle fein am Tisch, nur ich nicht. Das Jahr darauf solidarisierten sich ein paar – bis dann, irgendwann, alle schlodderig an der Festtafel saßen. Etappenziel erreicht. Jetzt hübschten wir uns nach dem Essen auf. Für die Bescherung. Die Folge: Bescherung um 23 Uhr. Kein Scherz. Dann endlich, im vorigen Jahr, brach der Bann.

Ich war ja immer noch die Köchin, es gab Hirschgulasch an Spätzle – und Anarchie an Weihnachtsbaum! Herrlich war das: Die Kerzen brannten, festliche Musik lief im Hintergrund – und die verpackten Geschenke sahen besser aus als wir. Was an sich schon schwer ist, da meine Schwester wirklich nicht verpacken kann …

Am meisten freute sich vielleicht sogar mein Vater, der nach dem Essen immer, wirklich immer, sein Hemd wechseln musste. Die Soße. Jetzt: alles egal! Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Gefühl nachhaltig ist. Ob wir also eine neue Tradition feiern werden. In Jogginghose. Ich weiß noch nicht einmal, ob das sein muss. So schön es auch ist, neue Traditionen zu erschaffen, genauso schön ist es, alte zu brechen – um dann zu sehen: So schlecht waren die vielleicht gar nicht.


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