Zu alt fürs Festival? Nie!

"Fürs Festival bin ich einfach zu alt." - Schon mit Ende zwanzig habe ich diesen Satz häufiger gehört, ihn sogar selbst gesagt. Bis ich über meinen Schatten gesprungen bin. Und: Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Festival, ich komme zurück zu dir!

Mit Anfang zwanzig ist es ja noch kein Ding, bei strömendem Regen in einer Pfütze zu campen und am nächsten Morgen in brütender Hitze aufzuwachen. Sonnenbrand war uns egal, genauso wie Staub, Schlamm und Dixi-Klos – ok, die waren schon immer eklig. Hauptsache Musik. Hauptsache tanzen. Hauptsache Party! Und heute? Heute sitzt man in der Kneipe und redet von den guten alten Zeiten, als ob die ein Jahrhundert her wären. „War schon echt 'ne geil damals, aber machen würde ich das heute nicht mehr.“ Und warum nicht? Weil du dich entschieden hast, alt zu sein – mit Mitte 30. 

Zu alt? Aber wofür denn? 

Zum Zelten? Zum Tanzen? Zum Spaß haben? Wir fahren doch nicht mit dem Rollator zum Hurricane! „Die sind da alle erst Anfang 20. Was soll ich denn da?“ Klar sind die meisten gerade mal ein Vierteljahrhundert alt. Sind wir aber auch selbst Schuld, mit unserer Bequemlichkeit. Dabei sind wir ökonomisch betrachtet doch gerade jetzt im besten Alter, um die Zeit unseres Lebens zu haben. Ich sage nur: festes Einkommen statt Studentenjob!

Glamping heißt das Zauberwort 

Das größte Problem vorab: zelten! Mittlerweile kann man sich günstig, gut und bequem mit allem ausstatten, was den harten Boden der Zeltplatz-Tatsachen dann doch ganz ganz passabel macht. Wen zwei Nächte dort aber tatsächlich an die Grenzen seiner Kräfte bringen, der kann statt auf der Isomatte mittlerweile auf vielen Festivals in hippen, fertig aufgebauten Zelten schlafen – mit richtigen Betten, sauberen Toiletten und mit Ruhezeiten. "Silent and green" nennt sich das dann. Oder man mietet sich ein Wohnmobil, wenn der geplagte End-30er-Rücken ein wenig mehr Komfort wünscht. 

Gönn’ dir: Nie wieder Tetra-Paks schmuggeln 

Mit Anfang zwanzig haben wir jeden Cent zweimal umgedreht. Da musste es das billigste vom billigen Dosenbier sein, oder billiger Wodka mit billigem Saft – lauwarm versteht sich. Die Zeiten sind vorbei, Yeah! Mit Mitte 30 wollen und können wir uns mal was gönnen und leisten uns das gekühlte Bier direkt vom Fass oder den ein oder anderen Drink an der Bar. Festival ist keine finanzielle Ausnahmesituation mehr, auf die wir früher gespart haben wie manch andere heute fürs Eigenheim. Ein befreiendes Gefühl, auf das wir anstoßen sollten. 

Jungbrunnen: Endlich wieder Fangirl sein 

Klar, das Publikum ist zum Großteil viel jünger als wir, aber die Bands sind es nicht. Naja, zumindest nicht alle. Unsere Helden von früher sind schließlich auch nicht in den Sarg gestiegen, bloß, weil die 30 auf der Matte stand und auch nicht, als die 40 schon mit dem Zaunpfahl gewunken hat. Warum sollten wir es dann tun. Alles nur Zahlen. Und nachts auf dem Festival sind alle Katzen grau, da sieht man auch die Falten nicht. Also: Rastet aus, schmeißt mit BH’s, wenn ihr wollt und seid Fangirl, solange euch die Beine tragen. 

Damit wir wieder was zu erzählen haben

Und das Beste zum Schluss: Festival ist wie Las Vegas - What happens at the festival, stays at the festival. Also einfach alle selbstauferlegten Zweifel wegtanzen, Ketten sprengen und Freiheit genießen – ein Wochenende Festival-Universum leben, Teil des großen Ganzen sein, sich weder an übliche Regeln noch Konventionen halten. Und wenn man will, zum Frühstück den ersten Schnaps trinken. Wenn wir das nicht machen, wenn wir wirklich schon jetzt zu alt sind, reden wir mit 70 immer noch nur über das, was wir mit 21 erlebt haben. Erzählen die gleichen Geschichten seit 40 Jahren. Die will doch dann wirklich keiner mehr hören. 

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Zu alt fürs Festival? Nie!

"Fürs Festival bin ich einfach zu alt." - Schon mit Ende zwanzig habe ich diesen Satz häufiger gehört, ihn sogar selbst gesagt. Bis ich über meinen Schatten gesprungen bin. Und: Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Festival, ich komme zurück zu dir!

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