„Alles muss man selber machen" – Warum DIY in Wahrheit ganz schön stresst

Alles sollen wir heute selber machen. Weil Do-it-yourself ja so gut für die Seele ist. Echt jetzt? Müssen wir alle zwirbelige Zopfmuster stricken und den Kindern einen Zoo aus Gemüse schnitzen? Als wäre unser Alltag nicht schon stressig genug

von Verena Carl

 

He, Sie da! Haben Sie mal einen Moment? Und könnten Sie mir vielleicht rasch eine Torte backen? Nein, nicht diese simple Marmorapfelstreuselkuchennummer, sondern eine dreistöckige Schokotorte in Schiffsform, bitte. Ich schick Ihnen auch ein Youtube-Tutorial rüber. Der Mast und die Segel sind ein bisschen tricky, aber ich sag Ihnen, dieses selbstbestimmte Werkeln in der Küche, das ist ja wie Meditation, irgendwie. Es ist nämlich so, mein kleiner Sohn hat Geburtstag, der steht auf Schiffe, aber ich hab hier diese enorme To-do-Liste: 148 Mails checken, drei Interviews anfragen, dann pünktlich zum Yoga. Und da ist auch noch dieser Text über Do-it-yourself-Stress, der muss fertig werden. Kennen Sie, oder? Ah, verstehe. Sie haben keine Kinder, aber trotzdem keine Zeit. Weil Sie nach dem 17-Uhr-Meeting das Flohmarktschränkchen schleifen müssen und das Drachenfruchtkompott im Asia Style ansetzen, für den Brunch mit Ihren 20 besten Freundinnen.

 

Wann ist das ganze Gebastel, Gebacke und Gestricke eigentlich zur Messlatte für ausgefülltes Leben geworden?

 

Obwohl unsere Tage immer stärker durchgetaktet sind, mit Arbeit, Familie, Freunden, Freizeitstress? Und finden Sie das irre entspannend oder irre anstrengend?

Stopp, Einspruch!, höre ich Sie sagen.

Ist doch ein selbst gemachtes Problem! Wenn die Alte zwei linke Hände hat oder keine Zeit oder beides, soll sie halt einen Fertigkuchen kaufen. Klar, ist nicht verboten. Ist auch nicht verboten, sein Wohnzimmer eins zu eins nach dem Vorbild des Ikea-Katalog-Covers einzurichten. Oder an hohen Feiertagen eingeschweißte Industriekäsescheiben auf den Frühstückstisch zu knallen. Kann man alles machen. Wenn man kein Problem damit hat, sich dabei wie Cindy aus Marzahn auf einer Society-Party in München-Grünwald zu fühlen. Billig, minderbemittelt, fantasielos.

Wo Muße zur Mangelware wird, da wird sie zum Statussymbol. Und Selbstgemachtes ist ihre sichtbare Währung. Nimm hin den selbst gestrickten Schal, liebe Schwester, beiß hinein ins krokodilförmig geschnitzte Gurkenstück, liebes Kind, du bist es mir wert, dass ich meine kostbare Zeit für dich opfere. Manchmal kommt das ganz schön bitchy rüber: Ich backe, also bin ich (was Besseres). Und jetzt likt gefälligst meine veganen Ingwerschnitten auf Instagram! Do-it-yourself als Egotrip und Social-Beauty-Contest. Denn auch die Mußestunden sind in einer – Achtung, Soziologensprech! – durchökonomisierten Gesellschaft ganz schön ergebnisorientiert. Runterkommen, ja bitte. Aber nicht, indem man eine halbe Stunde die Wand anstarrt oder ein paar Containerschiffe auf der Elbe. Es soll schon etwas dabei rauskommen: selbst gezimmerte Gewürzkisten im Shabby Chic, selbst geschneiderte Blusen. Wie praktisch, dass man Stoff, Garn und Schnittform im Netz ordern kann. Das spart Zeit, die man fürs Schultütendeko-Googeln braucht.

 

Ich hab mein Leben im Griff und meine Cupcakes auch!

 

Sicher, natürlich geben handwerkliche Tätigkeiten auch Bodenhaftung in einer entfesselten Welt. Ein Signal an die Trumps und Erdogans des Planeten: Egal, welchen Wahnsinn ihr ausheckt, ich hab mein Leben im Griff und meine Cupcakes auch! Eine Message an alle Silicon-Valley-Start-up-Nerds: Mir doch egal, wenn ihr 3-D-Drucker für Socken und Sonntagsbraten konstruiert, ich mach’s mir immer noch selbst. Dass man sich dabei leicht in die Tasche lügt, weil auch hinter dem Selfmade-Trend eine florierende Industriebranche steckt – geschenkt.

Ich soll mal halblang machen, weil das sonst heute nichts mehr wird mit der Drachenfruchtpampe für den Brunch? Tschuldigung. Vielleicht habe ich auch einfach nur ein Basteltrauma. Meine schmal lippige Handarbeitslehrerin aus der 3c und ihr bärtiger Kollege aus dem Werkunterricht mit seinem Fimmel für eine christliche Sekte tragen sicher eine Mitschuld daran, dass ich seit 1979 allergisch bin gegen Stricknadeln und Laubsägen. Und besonders geschickt war ich noch nie. Aber Sie haben recht, so ein Kuchen in Schiffsform, der kann eigentlich nicht schwer sein. Wissen Sie was? Wecken Sie mich einfach heute Nacht um drei. Da hätte ich noch ein Zeitfenster offen.

 

Na, auch Lust auf einen bescheuerten Einhorn-Muffin? Müsst ihr aber selber machen.