"Clean Chic" ist mir zu kalt – Meine Wohnung hat Charakter

Minimalismus à la „weniger ist mehr“ liegt im Trend. Doch was soll dieser langweilige und meist farblose Einheitsbrei? Will denn keine mehr Haltung und Charakter zeigen?

von Diana Huth

 

Nur weiße Wände in der ganzen Wohnung – ernsthaft? Da sollte man mal ein Kind mit Buntstiften ranlassen. Das hätte mehr Charakter. Klar, weiße Wände lassen Räume größer wirken, aber weiß wirkt auch kalt und karg. Oder dieses „All Black Everything“ – einfach mal alles schwarz malen, wie trist. Gibt es denn nur noch schwarz und weiß in dieser Welt? Das Leben ist doch bunt. Alle sprechen immer von Individualität und dann kaufen sie doch alle die gleichen Billy Regale, PAX Schränke, Lack Beistelltische und sogar Färgrik Tassen.

Farbe statt fad

„Ich finde meine eine grau verputzte Wand in der Wohnung schon mutig“ sagte neulich jemand im Büro. Grau, das ist noch nichtmal eine Farbe. Es muss ja nicht gleich eine Muster- oder Reisetapete sein – obwohl auch die echt was hermachen können. So eine tolle cyanblaue Strandoptik ist wie Erholung auf Knopfdruck und erzeugt ein wohlig warmes Gefühl. Gut, ist jetzt vielleicht nicht Jedermanns Sache, aber zumindest ein hübsches Bild, vielleicht eine Tapetenborte oder wenigstens eine farbige Wand sollte doch drin sein.

 

Flohmarkt statt fancy

Diese Menschen, die immer über sündhaft teure Design- und Kunststücke sinnieren, sich dann Einzelstücke in die Wohnung stellen und ausrasten wenn Kinder UND Erwachsene Menschen diesen zu nahe kommen. Schrecklich. Meistens wirken diese Dinger auch einfach nur tot. Warum nicht einen schönen Sekretär aus den 70ern in die Wohnung stellen? Der hat eh schon Macken – und das ist auch gut so! Haben wir ja auch. Aber klar, wer die im Gesicht schon überpoliert, der braucht auch eine makellose Design-Einrichtung.

 

Kleckern statt Klotzen

Ähnliches gilt für die Küche: Was soll eigentlich die ganze Protzerei mit diesen Hochglanz-Luxusküchen? Bislang waren es ja die Autos, die aufgemotzt werden und nicht teuer genug sein konnten. Extras, die keiner braucht? Her damit! Das scheint jetzt auch für manche Küchen zu gelten. Hochglanz-Fronten, ein Dunstabzug, der direkt neben dem Herd in die Arbeitsplatte eingelassen ist, Wasserspender und -kocher, die in die Möbel verarbeitet sind und neben dem durchaus praktischen Thermomix braucht man jetzt auch noch einen Dampfgarer, einen Entsafter und vielleicht auch eine Eismaschine. Die Liste an unabdingbaren Küchengeräten ist lang, aber alle werden irgendwie oder irgendwo versteckt. Entweder direkt verbaut oder im Schank. Bloß nichts auf den Arbeitsflächen. Die bleiben aalglatt. Ach ja und gekocht wird trotzdem selten. Haben sei besser als Brauchen. Pff. Eine Küche ist zum Kochen da! Da gehört Chaos dazu. Schonmal gekocht ohne zu kleckern? In China gehört das Schlabbern sogar beim Essen zum guten Ton. In diesen neumodischen Meister Proper Küchen leben doch nur Menschen, die ihre Toiletten (und ihre Hände) ständig mit Sagrotan desinfizieren und ihre Kinder nie im Dreck spielen lassen.

 

Chaos statt clean

Apropos Dreck: Wo gehobelt wird, da fallen Späne – und wo gelebt wird, da ist auch Staub, Dreck und manchmal auch ein bisschen Chaos. Diese absolut geleckten Wohnungen haben doch etwas total befremdliches. Lesen diese Menschen keine Zeitungen und Zeitschriften? Trinken sie nie Tee und werfen sie ihre Klamotten immer direkt in den Wäschesack? Eine Wohnung muss lebendig sein. So richtig absurd ist doch auch die Tatsache, dass wir Menschen vor Feiern alles tipp top sauber machen, nur damit unsere Gäste die Wohnung dann komplett verwüsten. Und das ist dann wieder ok. Oder wenn Kinder ihr komplettes Spielzeug verteilen – wie süss. Traut euch doch mal nicht alles immer lupenrein zu wischen und auch mal was liegen zu lassen.

Inspirationen dazu gibt es übrigens im aktuellen BARBARA Magazin.