"Ich habe das Talent zum glücklich sein!" – Mein Leben als Glückskind

Etwas passiert, schrammt nur haarscharf an der Katastrophe vorbei. Einmal, zweimal, dann noch mal. Ist das jetzt Schicksal? Und wie oft kann das noch gut gehen?

von Nataly Bleuel

Als mein Sohn doch nicht starb, nach einem Autounfall, bei dem sein Schädel zerschmettert wurde, und seit dem ich im Grunde täglich denke: Was für ein unfassbares Glück wir gehabt haben!

Nur eine Drehung, eine Wendung, eine Tausendstelsekunde, einen Millimeter mehr Wucht, und sein Gehirn hätte unwiederbringlichen Schaden genommen. Seit also mein Kind überlebte, mit so wahnsinnig viel Glück – das andere nicht haben –, denke ich ebenso fast jeden Tag: Hoffentlich passiert es nicht noch mal! Damals, als wir nur einen Hauch entfernt waren vom größten Unglück, das einer Familie passieren kann, sagte jemand zu mir: So was passiert einem im Leben nicht mehrmals! Das stimmt nicht.

Wir haben noch ein paar Mal großes Glück gehabt. Mein anderer Sohn stürzte mit zweieinhalb eine Feuertreppe hinunter, überschlug sich zwei Mal, und in dem Augenblick, als er mit dem Genick auf die Eisenkante zu treffen drohte, bekam ich seine Hand zu fassen. Er hatte nicht mal einen blauen Fleck.

In unserer Nachbarwohnung brach ein Feuer aus, es brannten zwei Wohnungen und der Dachstuhl darüber aus. Während ich vor dem Haus stand und die Feuersbrunst aus den Fenstern auf unsere Terrasse lodern sah, dachte ich: Vielleicht haben wir morgen kein Zuhause mehr. Gerettet hat uns die Brandmauer, und verkohlt war nur der Rosmarin.

So viel Glück habe ich gehabt und noch mehr!

Mein Vater überlebte das Jahr, und zwar äußerst munter, zu Weihnachten schippte er Schnee. Obwohl wir zu Anfang des Jahres dachten, er würde es möglicherweise nicht schaffen, dem Tod von der Schippe zu springen. Und ich könnte diese Liste noch über mehrere Seiten weiterschreiben, so viel Glück habe ich gehabt in meinem Leben. Als ich mit der Vespa über eine Böschung flog und im Gras landete statt auf den Klippen daneben; als ich eben noch rasch an die Bürotür einer Frau klopfte, die später meine Chefin werden sollte, und was für eine; als mich bei einer wahnsinnig wichtigen Prüfung eine scheinbar schlimm kontraproduktive Stressmüdigkeit überkam und mich eine rauchen ließ, anstatt loszusprinten – und, schwupps, spazierten zwei Glücksbringer des Wegs, die mir eine Geschichte schenkten, aufgrund derer ich eine Ausbildung erhielt, die sodann mein gesamtes Berufsleben veränderte; als ich den Mann kennenlernte, der mir ein wunderbarer Sparringspartner und unseren Kindern ein Spitzenvater wurde; weil der Krebs rechtzeitig erkannt wurde; das Glück, groß herzige, humorvolle, kluge Freunde zu haben, das Glück, vor Verliebtsein zu flirren, das Glück, Ende des 20. Jahrhunderts in ein wohlhabendes, demokratisches Land als ziemlich gleichberechtigtes Mädchen geboren worden zu sein, und das außerordentliche Glück, ein Kind gewesen sein zu dürfen, das Vertrauen in sich und die Welt haben und ergo ein positiver, stabiler Mensch werden konnte; das Glück, gesund zu sein. So viel Glück habe ich gehabt und noch mehr!

Hatte ich auch Pech? Gegenfrage: Was soll das überhaupt sein? Ist es Zufall, ist es Schicksal, ist es verdient oder eine Frage der Perspektive?

Am Bett meines Kindes auf der Intensivstation, in der ersten Nacht, als man nicht wusste, ob ihm das Glück hold sein würde oder der liebe Gott. Da habe ich nicht gebetet. Es war der Zufall, ein furchtbarer Zufall. Vielleicht braucht man, um an Schicksal zu glauben, an Kismet oder ein transzendentales Manitu, das uns Menschlein lenkt, eine spezielle Begabung. Die habe ich nicht, und das Glauben nie gelernt. Aber es gibt noch eine andere Begabung. Eine Freundin hat mal gesagt, zum Glücklichsein habe sie kein Talent. Mittlerweile verstehe ich, was sie meinte, und dass man im Glück das Sein auch auf das Haben übertragen kann. Der Vater meiner Kinder klagte, was für ein Unglück doch unser Unfall gewesen sei; und ein Freund rief nach dem Hausbrand aus: Was für ein Pech wir doch immer hätten!

Kann man Glück üben?

Ich aber glaube an die Begabung, das Glückhaben erkennen und feiern zu können.

Und dass man das Glückgehabthaben sogar üben kann. Es ist nämlich auch eine Frage der Sichtweise: Glas halb voll oder halb leer?

Hatte ich auch mal Pech? Ich glaub, da war mal was. Aber ich kann mich nicht erinnern.

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