"Mama, ich will was kaufen!" Wenn Kinder schon Materialisten sind

Ob beim Aufwachen oder Einschlafen: Der 4-jährige Sohn unserer Autorin denkt immer nur an Spielzeug. Und zwar an Nagelneues. Sie hat einen Experten gefragt, wo das noch hinführt. Seine Antworten waren zum Glück sehr beruhigend. 

Zwei Wochen vor Mattis 4. Geburtstag. Mein Kleiner klappt verträumt die Augen auf und kuschelt sich in meinen Arm, in den er unbemerkt heute Nacht geschlüpft ist. Selig ziehe ich den herrlichen Kleine-Jungen-Duft in mich ein. Hach, wie schön, ihn zu haben, denke ich und frage mich, wovon er wohl geträumt hat. Die Frage bleibt nicht lange unbeantwortet, denn eine Sekunde später rattert er eine Wunschliste herunter, die selbst die Portokasse des Königshauses überfordern würde. Schleichdinos, der Playmobil-Vulkan, der Pawpatroller, ein Cabrio (ein echtes wohlgemerkt), ein Ohnezahn-Kostüm, und überhaupt alle Drachen von Dragons... was wirklich erstaunlich ist, denn er hat den Film Dragons noch niemals gesehen. Netterweise macht er sich Gedanken, ob das zu viel des Guten ist. "Kann ich mir das wünschen, Mama, ja?", fragt er und ich zucke überfordert die Schultern. "Naja, wünschen kann man sich alles...", murmele ich. Wie eine Rakete schnellt er  in die Höhe und jubelt ungläubig: "WAAAS??? Ok, dann wünsch ich mir ALLES!!!"

Hilfe, mein Kind ist Materialist

Was sich wie ein lustiges Kinderstatement liest, ist leider durchgehendes Programm bei uns. Während Mattis zwei Schwestern eher bescheiden und an vielem interessiert sind, interessiert meinen Sohn eigentlich bloß Eines: "Welches neue Spielzeug will (oder um es in seinen Worten zu sagen: brauche) ich?" Ich muss zugeben, dass mich das ein bisschen verzweifeln lässt, denn nein, einen kleinen Materialisten wollte ich nicht erziehen. Was also habe ich falsch gemacht? Ich beschließe, mich an einen Experten zu wenden. Regelmäßig gibt der Familienberater Mathias Thimm Seminare zum Thema "Mein wunder Punkt - Was mich am meisten an meinem Kind stört". Genau das Richtige, denke ich, wähle seine Nummer und frage ihn, was ich tun kann.

A material kid in a material world

"Sie könnten in die afrikanische Savanne ziehen", schlägt Mathias Timm lachend vor und erklärt mir dann, dass das gar nicht so lustig gemeint ist, wie es sich anhört. "Wir leben in einer Gesellschaft, in der Geld verdienen und ausgeben nun mal dazugehört. Kinder sind eine gern umworbene Einnahmequelle und ich finde es von daher auch absolut nachvollziehbar, dass sie auf Spielzeug und Konsum stehen." Ein bisschen erleichtert bin ich. Ich will wissen, ob wir als Eltern nicht doch ein bisschen versagt haben, wenn unser Sohn so empfänglich ist für Materielles. "Also von Versagen kann hier mal sowieso keine Rede sein!", beruhigt Mathias Thimm mich. "Sie können ihr Kind vielleicht die ersten Monate oder Jahre vor den Einflüssen der Welt abschotten, in der wir nun mal leben. Spätestens in der Kita und in der Schule wird Ihr Kind aber auch dann sehen, was die Spielkameraden so alles haben und bekommen. Wieviel Neid oder Begehren das dann in ihm auslöst, hängt von mehreren Faktoren ab."

Warum manche Kinder anfälliger sind als andere

Ob ein Kind mehr oder weniger anfällig ist für die große Konsumkeule, hat nicht nur mit dem Umfeld, sondern auch viel mit der persönlichen Stabilität zu tun. Bei dem Wunsch, immer die neuesten Spielzeuge zu haben, geht es auch oft darum, Anerkennung von Gleichaltrigen zu bekommen. "Die Frage ist schon auch, was man in der ersten Lebenszeit vermittelt hat, bevor die Konfrontation mit der Außenwelt beginnt", sagt Mathias Thimm.

Manchmal, finde ich, liegt das gar nicht so sehr in der eigenen Hand. Dass unser Sohn schon von Geburt an viel Konsum erlebt hat, liegt daran, dass wir zur Zeit seiner Geburt ein Haus bauten und viel daran selbst machten. Ich will gar nicht drüber nachdenken, wieviel Zeit er schon als Minimensch bei IKEA, in Baumärkten und Fliesenfachgeschäften verbracht hat. "Habe ich überhaupt noch eine Chance, das wieder auszubügeln?", frage ich zerknirscht. "Sie haben immer eine Chance!", antwortet Matthias Thimm. 

Kinder müssen nicht belohnt werden

"Belohnen Sie Ihre Kinder mit materiellen Dingen oder nehmen Sie ihnen etwas weg als Strafe?", fragt Mathias Thimm mich. Ich denke nach. Eigentlich habe ich immer versucht, das zu vermeiden. Denn tatsächlich habe ich mal eine Studie dazu gelesen, dass Menschen, die als Kind über Materielles belohnt oder bestraft wurden, als Erwachsene materialistischer eingestellt sind als Menschen, die nicht mit Geschenken belohnt oder mit dem Entzug ihres Besitzes bestraft wurden. Das ein oder andere Mal ist es aber wohl trotz dieses Wissens auch bei uns vorgekommen, dass ich mich in besonders hilflosen Situationen mal mit einer kleinen Bestechung durchgesetzt habe. "Hören Sie besser auf damit!", rät mir der Familientherapeut. "Kinder müssen nicht belohnt werden für Anstrengung. Sie müssen lernen, Tätigkeiten um ihrer selbst Willen zu tun." Ähm... ich frage mich, ob er wirklich daran glaubt, dass das immer klappt." Auch Hausaufgaben, Staubsaugen und impfen?", frage ich vorsichtig und bekomme ein einziges Wort als Antwort: "Alles!" Und mir wird wieder einmal klar, dass Elternsein wirklich gute Nerven erfordert. 

Konsequenzen statt Strafen

Ich frage, wie man ein Kind, das Belohnung und Bestrafung gewöhnt ist, wieder entwöhnt. "Indem man sehr klar ist. Setzen Sie sich mit dem Kind hin, erklären Sie ihm, dass Sie etwas ändern werden und wie es in Zukunft laufen wird. Keine Belohnung und keine Bestrafung bedeutet ja nicht, dass das Handeln Ihres Kindes keinerlei Folgen hat. Konsequenzen wird es immer geben, so ist das Leben." Ich möchte wissen, was der Unterschied zwischen Belohnung / Bestrafung und Konsequenzen ist. "Wenn das Kind am Abend trödelt, bleibt vielleicht keine Zeit mehr zum gemeinsamen Spielen. Das ist eine Konsequenz und für das Kind zwar frustrierend, aber nachvollziehbar", erklärt Mathias Thimm. "Fernsehverbot für eine Woche hingegen wäre in diesem Fall eine völlig zusammenhangslose Strafe und ein Riegel Schokolade, falls es abends gut läuft, wäre eine Belohnung. Der Unterschied zwischen Belohnung und Bestrafung ist gering. Im Grunde sind es zwei sehr ähnliche Formen der Manipulation und Sie laufen Gefahr, dass Ihr Kind irgendwann lernt, Ihre Erwartungen nur noch bei Drohung oder Belohnung ernst zu nehmen. Wenn dann auch noch materielle Dinge als Belohnung und Bestrafung eingesetzt werden, heizt das das Interesse an diesen Dingen enorm an." 

Aller Anfang ist schwer

Zum Schluss gibt mir Mathias Thimm noch ein paar wirklich praktische Ratschläge mit auf den Weg. Zum Beispiel, dass die Haltung zu Konsum und Dingen innerhalb der Familie auf Dauer mehr Eindruck auf mein Kind machen wird, als ich das momentan glaube. Es lohnt sich also, den Marketingmenschen und den 47.000 Playmobil-Packungen die Werte entgegenzuhalten, die uns als Eltern wichtig sind.

Für das Entwöhnen von Belohnungsgeschenken empfiehlt Mathias Thimm Standhaftigkeit und vor allem Verständnis: "Wenn man seinem Kind die gewohnte materielle Belohnung verwehrt, ist das erst mal sehr hart. Das Einverständnis des Kindes zu erwarten, wäre viel zu viel verlangt." Was in solchen Stresssituationen hilft? "Beruhigen, Binden, Besprechen... in genau dieser Reihenfolge und mit einem klaren Kopf.“ Denn nur so, sagt er, sei man in der Lage, den Frust mit dem Kind gemeinsam auszuhalten und ihm zu helfen, den Stress zu regulieren. "Kinder schaffen das noch nicht immer alleine. Sie brauchen Co-Regulation. Manchmal ist nach etwas Ruhe und einer Umarmung dann auch gar kein Gespräch mehr nötig. Denn Sie haben Ihrem Kind ja längst erklärt, wie es jetzt läuft."


 

Mathias Thimm

Familientherapeut (ddif)

Traumatherapeut (Somatic Experiencing)

www.familie-in-berlin.de

www.somatic-experiencing.berlin