„Musik statt Tupper!“ – Wohnzimmerkonzerte, die schönste Art, deine Freunde zu treffen

"Teurer Hipster-Kram", dachte unsere Autorin, bis sie selbst auf ein Wohnzimmerkonzert eingeladen wurde. Was sie dort erlebt hat, war schöner als jedes Konzert im Olympiastadion. Und viel Geld hat es auch nicht gekostet.

von Marie Stadler

Als Sarah uns alle in die WhatsApp-Gruppe "Musik statt Tupper" einlud, wusste ich erst mal nicht, was ich davon halten sollte. Einen Musiker hatte sie in ihr Wohnzimmer eingeladen. Eher unbekannt. Und dann auch noch jung. "Bisschen Johannes Oerding, bisschen Mark Forster", schrieb sie. "Los, das wird schööööön". Ich war mir nicht ganz so sicher, wie schön ich das finden sollte. Zwar war ich froh, dass es tatsächlich nicht wieder eine Tupperparty war, zu der ich eingeladen wurde, weil ich in meinem Leben schon genug Plastik aus Höflichkeit gekauft hatte, aber ein Wohnzimmerkonzert? Ich stellte mir das ein bisschen peinlich vor. So nah. Vielleicht ein bisschen zu nah. Die Vorstellung, von einem Sänger beobachtet zu werden, nur wenige Meter von ihm entfernt zu sitzen, während er sang, gruselte mich ein bisschen. Und was, wenn er schlecht war? Würde ich vor Fremdscham im Parkettboden versinken? Die anderen waren weniger skeptisch als ich und fanden Sarahs Idee großartig. Ich beschloss, der Sache eine Chance zu geben. Also sagte ich zu. Und darüber bin ich im Nachhinein verdammt froh.

Keiner versank im Parkettboden

Vielleicht hatte ich vor lauter Spotify und Playback-Auftritten im Fernsehen vergessen, wie sich Live-Musik anfühlt. Als Till Seifert in Sarahs Wohnzimmer den ersten Ton sang, bekam ich eine Gänsehaut. Ich, die ich Castingshow-Juroren gehässig auslachte, wenn sie sich "so getoucht" fühlten oder gar mit Pipi in den Augen in die Kamera blickten. Ich hatte das irgendwie nie verstanden. Aber jetzt hier, auf Sarahs Sofa, konnte ich plötzlich nachvollziehen, dass Musik aus der Dose einfach nicht das gleiche ist wie Musik, die im selben Moment entsteht. Direkt vor mir. Direkt für mich. Die deutschen Texte machten es leicht, zu verstehen, was den jungen Singer-Songwriter bewegte, worüber er nachdachte und warum er Musik macht. Nach wenigen Liedern fühlte er sich wie ein Freund an. Ich wusste plötzlich so viel von ihm und bemerkte, wie egal das Alter war. Die Themen in meinem Leben waren dieselben wie die Themen seines Lebens. Ich sah mich um. Den anderen schien es wie mir zu gehen. Ihr Blick ging nach innen, sie sahen genauso gerührt aus, wie ich es war. Und sie lachten genau wie ich, wenn sie sich von Tills Texten ertappt fühlten.

20 Euro für eine wunderschöne Erinnerung

Sarah ließ nach dem Konzert einen Hut rumgehen und jeder legte etwas Geld hinein. Bei fünfzehn Leuten kam da gutes Geld zusammen, ohne dass sich jemand zu sehr verausgaben musste. Und wir hatten trotzdem das Gefühl, "unseren" Sänger angemessen bezahlt zu haben für einen wunderschönen Abend. Was dann geschah, wäre auf einer Tupperparty niemals passiert. Wir tranken entspannt Wein und unterhielten uns über Dinge, über die wir uns nie unterhalten hatten. Die Offenheit, die in der Musik gelegen hatte, hatte sich einfach so auf uns übertragen. Wir lernten uns auf einer Ebene kennen, die es zuvor so nicht zwischen allen von uns gegeben hatte. An diesem Abend habe ich wieder einmal gespürt, wie ähnlich wir uns alle doch am Ende eigentlich sind, auch wenn das gar nicht immer so wirkt. Nachts ging ich irgendwann beschwingt und weintrunken nach Hause. Ich hatte 20 Euro bezahlt und keine nervige Tupperbox mit ewiger Lifetime-Garantie unterm Arm. Dafür aber eine wunderschöne Erinnerung, auch mit Lifetime-Garantie und viel schöner.

Das Konzept Wohnzimmerkonzert 

Wohnzimmerkonzerte sind so unterschiedlich wie die Künstler und Gastgeber, die das Konzert organisieren. Sie können ganz laut und ganz leise sein, in Partystimmung bringen oder melancholisch sein. "Bei SofaConcerts sind Künstler aus aller Welt angemeldet", erzählt Miriam Schütt, eine der beiden Gründerinnen der Plattform. "Genauso unterschiedlich sind auch die Menschen und Anlässe, für die wir angefragt werden." Ob ein Abend mit Freunden, Nachbarn, der Familie, zu zweit oder auch an Hochzeiten, Taufen, Geburtstagen... in der Datenbank ist für jeden Anlass und Musikgeschmack etwas dabei. Besonders gerne erinnern sich die Gründerinnen an ein Konzert, das ein Mann seiner Frau gebucht hatte. Die beiden waren gerade Eltern geworden. Kein Grund, auf Live-Musik zu verzichten, befand der frischgebackene Vater und überraschte seine Frau. Zwischen Krabbeldecken, Schnullis und Kuscheltieren spielte und sang Singer Songwriter Perry O´Parson nur für die beiden und ihr Baby. Der Sänger schaute am nächsten Tag noch einmal vorbei, um den beiden sein Album zu schenken, weil das Konzert auch für ihn etwas ganz besonderes gewesen war. "Bei Sofakonzerten entstehen oft richtige Freundschaften", sagt Miriam.

 Wie man den richtigen Act für das eigene Wohnzimmer findet

Auf der Seite von Sofaconcerts findet man alle Künstler, die man in der eigenen Region buchen kann. Dort stehen auch Preise, die je nach Anlass variieren. Eine Hochzeit ist zum Beispiel teurer als ein ganz entspanntes Wohnzimmerkonzert. Auch ein Abend mit einer fünfköpfigen Band kostet natürlich mehr als ein Konzert vom Einzelkünstler. Logisch. In die Kartei wird nicht jeder Haus- und Hofmusikant aufgenommen. Die Künstler werden von den beiden Gründerinnen Miriam und Marie-Lene überprüft und auch abgelehnt, wenn sie nicht den Kriterien der internationalen Plattform entsprechen. In auf der Seite bereitgestellten Hörproben, Bewertungen und Videos kann man sich ein genaues Bild davon machen, welche Musik und Stimmung einen erwartet. Wenn man einen passenden Act gefunden hat, fragt man ihn an. Auf der Seite ist schon eine Mindestgage angegeben, die je nach Bandgröße, Anfahrtsaufwand und Nachfrage variiert. Manche Künstler lassen sich auch auf eine Hutgage mit Garantie ein. Das bedeutet, dass der Gastgeber unter den Gästen einen Hut herumgibt und dem Künstler einen vorher vereinbarten Betrag garantiert, sodass er den Betrag im Hut am Ende im worst case aus eigener Tasche aufstocken muss. Die Garantiehöhe verhandelt man mit dem Künstler direkt.

Was brauche ich als Gastgeber? 

Gar nichts, eigentlich nicht mal ein Wohnzimmer. "Ich habe auch schon in einer superkleinen Küche gespielt oder auch im Kinderzimmer", erzählt Till Seifert. "Jedes Konzert ist unterschiedlich und ich habe gelernt, dass man Platz in der kleinsten Hütte schaffen kann." Auch leicht reizbare Nachbarn sind kein Hinderungsgrund, ein Wohnzimmerkonzert auszurichten. "In dem Fall sollte man vielleicht eher einen Singer-Songwriter buchen und keine Band mit Schlagzeuger", lacht Miriam. "Aber dann sollte es kein Problem sein für die Nachbarn. Ohne Mikro und Verstärker ist das Klatschen oft das Lauteste am Konzert",

Lust bekommen auf ein Sofakonzert mit deinen Freunden? Hier haben wir ein paar Vorschläge:


Joel Havea

Joel Havea kennt die Wohnzimmer der Welt. Der in Tonga geborene Musiker wuchs in Australien auf und ist seit 2008 in der ganzen Welt unterwegs. Die bringt er mit mal poppigen, mal souligen Klängen direkt in dein Wohnzimmer. Gerne auch mit seiner Band "Joel Havea Trio".

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Till Seifert

Deutsche Texte und ehrliche, selbstgemachte Musik à la Mark Forster und Johannes Oerding. Till kommt alleine oder mit seinem Pianisten Nick. Was sagen die Bewertungen? "Super lustige Typen, die uns nicht nur musikalisch unterhalten haben."

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The Thiams

Zwei Schwestern, die dein Zuhause in ein Soul-Paradies verwandeln. Bei den Bewertungen gibt es volle Punktzahl und tolle Komplimente: "Live einfach grandios. Stimmung war super. Ich kann sie nur weiter empfehlen" Na das klingt doch super!

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Marvin Brooks

Marvin kennt man aus dem vitalen Videohit von Sofaconcerts, in dem er in der Hamburger Innenstadt Passanten überraschte (das Video findet ihr unter dem Artikel). Auch auf der Seite sind alle begeistert: "Marvin hat es geschafft unsere Gäste und unser Restaurant zu verzaubern. He´s the man."

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Perry O´Parson

Irgendwo zwischen Damien Rice, Eddie Vedder und Ryan Adams liegt die Nische, in die sich Perry O’Parson so prägnant eingenistet hat, dass man in Deutschland kaum Vergleichbares findet. Es ist nachdenkliche, minimalistisch arrangierte Musik mit Tiefgang, in der eine traurige Lebensfreude steckt.

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