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"Wer soll das alles bezahlen?" – Mein Horror-Projekt Eigenheim

"Wer soll das alles bezahlen?" – Mein Horror-Projekt Eigenheim
© Getty Images
Das eigene Heim als Traum. Von wegen. Das kann auch ganz schnell ein (Luxus-)Albtraum mit Garten werden. Vor allem in der Bauphase...
von Viola Kaiser

Während ich diesen Text schreibe, wurde ich bereits zweimal angerufen. Einmal vom Elektriker, einmal vom Bauleiter. Heute Morgen um 8 hatte ich außerdem schon drei neue Baustellen-E-Mails: Vom Treppenbauer, Küchenstudio und Parkettprofi. Irgendwie gab es überall Probleme technischer Natur, die ich nicht erläutern kann, weil ich sie selbst nicht verstehe. Was ich verstand, war die Frage des Elektrikers. Ob ich denn nun wirklich kein Licht im Flur wolle, wollte er wissen. Das wäre im Plan so eingezeichnet. "Welcher normale Mensch möchte denn kein Licht im fensterlosen Flur?" fragte ich zurück. "Na, Sie!" lautete seine Antwort. Wäre es nicht um meinen persönlichen dunklen Flur gegangen, hätte ich sehr laut gelacht.

Die Mails stressten mich insofern, dass eine von ihnen eine Rechnung für eine sogenannte Sonderleistung enthielt, eine Tür zum Garten. Wir wollten lieber Schiebe- als Klapptür haben und dachten, das sei kein Problem. Das war sehr dumm. Wir sind nämlich keine echten Bauherren, wir haben lediglich eine Wohnung mit Garten gekauft (will heißen, wir kaufen sie noch eine ganze Weile – sowas bezahlt man ja sein Leben lang). Das hat den Vorteil, dass es schon Pläne gibt und Ideen und eigentlich am Ende eine fast bezugsfertige Wohnung. Das Ganze hat übrigens auch den Nachteil, dass es Pläne und Ideen gibt und noch ein paar andere Leute, die mitbestimmen wollen.

Wir wollten also eine Schiebetür, das war allerdings nicht so einfach. Dafür musste der Notar die Teilungserklärung ändern. Das kostet. Aber egal, dachte ich damals, wir wollen es ja schön haben. Als die Rechnung für die Tür kam heute Morgen, war ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob Schönheit wirklich wichtig ist. Die gefühlten drei Trillionen, die diese Tür kostete, hatte ich verdrängt. Für den Preis müsste sie einen dazu eigentlich noch zehn Jahre jünger zaubern können. 

"Warum beschwert die sich jetzt?" könnte man denken. Und jeder, der das denkt, hat Recht. Das hier ist Jammern auf höchstem Niveau. Wir wollten ja unbedingt eine Wohnung mit Garten in einer der teuersten Städte Deutschlands, wir wollten unbedingt einen Schiebetür und zuletzt wollten wir sogar Licht im Flur. All das sind Luxusprobleme, das weiß ich. Trotzdem bin ich seit Beginn des Baus und vor allem in den vergangenen drei Wochen extrem reizbar.

Das liegt daran, dass wir gerade in die "heiße Phase" gehen. Während ich morgens meine beiden kleinen Kinder für den Kindergarten fertig mache, nehme ich die ersten Anrufe und Mails in Empfang. Wobei ich grundsätzlich sehr froh darüber bin, wenn mich überhaupt jemand zurückruft. Unser erster Bauleiter (er wurde ausgetauscht!) rief immer erst nach etwa zwei Wochen zurück um den Satz "Das geht leider nicht" gebetsmühlenartig abzuspulen.

Seinem Ersatz bin ich unendlich dankbar, weil er überhaupt etwas tut. Trotzdem geht er mir auf die Nerven. Weil er immer was von mir will. Ich telefoniere natürlich nicht nur mit ihm. Zweimal in der Woche treffen wir uns auf der Baustelle, immer um 7.30 Uhr vor der Arbeit. Meistens stellen wir dabei fest, dass alles irgendwie anders gemacht wurde, als wir es vorher besprochen hatten. Samstage verbringe ich momentan mit meinem Mann und den Kindern im Fliesencenter, Parkettstudio oder beim Gala-Bauern. Das ist nicht etwa jemand, der Kühe für schicke Abendveranstaltungen züchtet, sondern ein Garten- und Landschaftsbauer.

Natürlich will so ein Garten geplant sein. Wie alles bei so einem Bauprojekt. Meine Oma hat immer gesagt: "Willst du Gott zum Lachen bringen, erzähl ihm deine Pläne!" Sie kannte unseren Bauleiter nicht. Und mich nur vor der irren Idee sich Eigentum anzuschaffen, "weil Miete zahlen unvernünftig ist und es langfristig sinnvoller ist in Immobilien zu investieren". Dieser Satz steht in Anführungszeichen, weil ich mich selbst zitiere. Meine Güte, das habe ich wirklich gesagt?!

Oft rufe ich hysterisch und halb heulend: "Wer soll das alles bezahlen?"

Momentan bin ich aber vor allem gestresst, weil ich neben Arbeit, Kindern und dem Haushalt auch noch diese Bauprojekt betreuen muss. Ich habe nie von Eigentum geträumt, ich möchte einfach einen Garten und keine sechsspurige Straße mehr vor der Tür. Plötzlich muss ich aber die Zicke sein, die dem Elektriker zum vierten Mal genervt auf dem Büroflur mit zischender Stimme erklärt, dass sie im Dunkeln nicht sehen kann. Oder dem Treppenbauer, dass sie wirklich kein Geländer im Landhausstil haben möchte. Oder dem Bauherren, dass eine bodentiefe Klarglasscheibe im Badezimmer, das zur Straße geht, keine optimale Idee ist, wenn man keine exhibitionistische Ader hat.

Man lernt bei so einem Bau nicht nur viel über Isolierung von Wänden, die ideale Wandhöhe für Steckdosen im Keller und die optimalen Schränke für Ecken in der Küche. Man lernt vor allem sehr viel über sich selbst. Ich habe bisher gelernt, dass ich mir keine zweistufige Lichtschächte nach einem Plan unseres Architekten vorstellen kann, dass mir auf einmal die richtigen Einbauleuchten wichtiger sind als ich es jemals für möglich gehalten hätte und dass ich niemals, niemals, niemals ein richtiges Haus bauen möchte. Diese Wohnung über zwei Stockwerke ist eigentlich schon viel zu viel für mich. 

Zu der ganzen Organisiererei kommt ein anderes Problem: Meine Panik zu Verarmen. Wir hantieren mit Summen, mit denen ich vorher nie etwas zu tun hatte. Glücklicherweise ist mein Mann Kaufmann und hoffnungsloser Optimist, der mir genau vorrechnen kann, dass wir nicht auf er Straße landen, weil wir auch noch eine neue Küche brauchen.

Mittlerweile haben wir ein System entwickelt: Oft beginne ich die Konversationen mit Handwerker, Architekt und Küchenverkäufer, gebe schon mal durch, was ich gern hätte. Ich bin der "good cop". Wenn das alles zu nichts führt, steigt mein Mann ein und spielt "bad cop". Irgendwie wird er ernster genommen als ich. Er muss die Drecksarbeit machen. Das ist zwar gemein, rettet aber langfristig unsere Ehe. Er ist viel umgänglicher als ich, vor allem sachlicher, er hasst es zu streiten, aber hier spielt er den harten Hund. Dafür liebe ich ihn sehr. Ich vermute allerdings, dass das nicht bei ihm ankommt, weil ich rund um die Uhr uninteressante Vorträge über Außenbeleuchtung, Gartentore oder Einbauschränke halte – und danach hysterisch und halb heulend rufe "Wer soll das alles bezahlen?".

Ich habe ihm vor zwei Minuten eine Nachricht geschrieben, dass er bitte sofort mit dem Elektriker sprechen muss, ich hatte den Eindruck nach dem Gespräch mit mir wird es düster im Flur bleiben. Außerdem habe ich eben gerade erfahren, dass wir erst zwei Monate später umziehen als geplant. Die Handwerker werden nicht rechtzeitig fertig. Eigentlich sollten wir im Winter schon in der neuen Wohnung sein. Wenn das so weitergeht, wird es Sommer. Das wiederum entspannt mich: Wenn ich kein Licht in der Bude habe, setze ich mich eben in den Garten. Den wollten die Kinder und ich schließlich unbedingt haben. 


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