1950 ist vorbei, Mann! Die Welt hat nicht verstanden, dass Frauen arbeiten!

Unsere Autorin hat einen Job. Außerdem diverse "Komme zwischen 8 und 18 Uhr-Zettel" im Briefkasten und Vormittagstermine bei Kinderärzten, Klassenlehrern und Behörden. Hat die Welt 2019 noch immer nicht verstanden, dass auch Frauen arbeiten? GRRR!

von Marie Stadler

Es ist mal wieder soweit. Meine Tochter legt mir eine Einladung zum Elternsprechtag vor, netterweise darf ich mir aussuchen, wann genau ich kommen mag. Also Hauptsache Montag oder Dienstag zwischen 08 und 14 Uhr. Nun, äh... eigentlich arbeite ich da. So wie die meisten anderen Menschen. Wobei: Die Lehrer unterrichten an diesen Tagen natürlich nicht, denn unsere Kinder bekommen zur Feier des Elternsprechtages schulfrei. Schließlich kann man – das wissen anscheinend auch Lehrer – nicht gleichzeitig Gespräche führen und seiner normalen Arbeit nachgehen. Nun frage ich mich: Wieso fällt denen nicht auf, dass es mir eventuell ähnlich gehen könnte? Mir und all den anderen berufstätigen Eltern? Immerhin schreiben wir das Jahr 2019 und über 70 Prozent der Mütter (und noch mehr Väter) gehen arbeiten. Vor allem morgens... also zwischen 08 und 14 Uhr.

Heizung ablesen, Handwerker, Arzttermine

Besonders schön finde ich auch diese Zettel im Briefkasten: "Ihr Stromableser kommt am Freitag zwischen 08 und 18 Uhr". Ich fände es interessant, das mal so meiner Chefin mitzuteilen. "Hey... ich komme am Freitag irgendwann zwischen 08 und 18 Uhr. Je nachdem, wann es dem Stromableser passt... Und mal sehen, wieviel Zeit dann noch zum Arbeiten bleibt." Nein, in der Welt der Ärzte, Handwerker, Paketlieferdienste und Heizungsableser ist es noch nicht angekommen. Diese Sache mit den Frauen, die zu Schule gegangen sind, um dann zu arbeiten. Weil sie sonst mal ziemlich arme Schlucker sein werden in der Zukunft. Weil sie es (ach du Schreck) gerne tun. Und weil sie es verdammt gut können.

Gelungene Familienpolitik... so geht die also

Letztens habe ich im Radio ein Interview gehört. Ich weiß nicht mal mehr, wer gesprochen hat. Ich weiß nur noch, dass der Satz fiel: "Gelungene Familienpolitik ist, wenn beide Eltern möglichst schnell wieder in Vollzeit arbeiten gehen." Mensch, da hab ich aber gelacht. Denn was mach ich denn dann mit dem Heizungsableser, mit dem Elternsprechtag, mit dem Postboten und dem Handwerker? Ich meine, wenn nicht mal nachmittags jemand die Tür öffnen kann, wie soll das System dann überleben? Dann müssten sich Stromableserkolonnen plötzlich mit Kalendern organisieren und mal nachfragen, wann es passt. Lehrer müssten ElternsprechABENDE veranstalten, und das, obwohl es das Wort so nicht mal gibt. Und wie sollen wir bitte der Kita erklären, dass wir Dienstagnachmittag keine Zeit für den Gartentag haben und montags kein Obst schnippeln können??? Nein, Freunde der Politik, so läuft es nicht.

Spaß beiseite... 

Aber jetzt mal im Ernst: Über ein bisschen Umdenken der werten 1950-Nostalgiker würde ich mich wirklich freuen. Wenn ein Dienstleister es sich leisten kann, 10-Stunden-Zeitfenster als mögliche Ankunftszeit anzugeben, dann hat er definitiv zu wenig Konkurrenz. Und wenn eine Schule nicht in der Lage ist, einmal im Jahr den Eltern arbeitnehmerfreundliche Termine anzubieten, dann kann mir niemand erzählen, dass sie gerne würden, aber nicht können. Geglückte Familienpolitik wäre für mich, wenn Familien mit zwei berufstätigen Menschen (oder auch Alleinerziehende) sich nicht mehr so zerreißen müssten. Wenn sie sich – obwohl sie in der Mehrheit sind – nicht wie Außerirdische auf einem fremden Planeten fühlen müssten, weil die Welt aus irgendeinem Grund ernsthaft erwartet, dass jemand zwischen 9 und 18 Uhr durchgängig zuhause ist oder um 10 Uhr in der Schule steht (um da dann noch eine Stunde zu warten, weil der Jannis und seine Mom so viel zu bereden hatten). Ja, das wäre ein toller Anfang. Ich freu mich wirklich auf die Zeiten, in denen es endlich der Letzte begriffen hat: 1950 ist vorbei! Und das ist verdammt nochmal gut so! Das sollten vor allem Schulen wissen. Denn da gehen Mädchen hin. Schlaue sogar. Solche, die auf einen Beruf vorbereitet werden und nicht darauf, 10 Stunden am Tag zu Hause zu sitzen. Ernsthaft mal... 

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