Alleinsein muss nicht einsam sein

Was manche mit dem negativ konnotierten Begriff einsam abtun, kann einfach nur der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit sein. Und ein Stück Luxus des modernen Lebens.

von Stephanie Morcinek

Maria schwingt sich den prall gefüllten, blauen Reiserucksack auf die zarten Schultern. 18 Kilo. Die 1,68m große und nur 53 Kilo leichte Frau scheint fast unter dem Gewicht zusammenzubrechen. Eine Strähne ihrer blonden Haare hat sich unter den Trägern verfangen, eine andere weht ihr quer über die Augen. Doch das scheint sie nicht zu stören. Sie denkt lieber an das Abendteuer, das vor ihr liegt. Ein breites Grinsen huscht ihr über das Gesicht, als sie den Rucksack von ihren Schultern auf das Gepäckband wuchtet und der Airline-Mitarbeiterin ihren Reisepass entgegenstreckt. „Nach Lima, Peru“, sagt sie. „Reisen sie allein?“, fragt die Dame. „Ja“, antwortet Maria. Und läuft kurze Zeit später ohne Rucksack, doch mit viel Stolz durch den Flughafen in Richtung Gate.

Wie Marie haben viele Frauen in den letzten Jahren das Alleinreisen für sich entdeckt. Eine Untersuchung der Reisesuchmaschine Skyscanner hat beispielsweise gezeigt, dass acht von zehn Deutschen schon mal alleine verreist sind. Eine andere Statistik zeigt, dass mit 64 Prozent gerade Frauen den „Ego“-Trip wagen (bei den Männern sind es nur 23 Prozent).

Zeit nur mit sich

Überhaupt ist die Zeit mich sich selbst ein Trend, der sich in vielen Bereichen des modernen Lebens zeigt. Schon allein die Anzahl der Singlehaushalte in Deutschland hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Wie der Zensus des Statistischen Bundesamtes belegt, leben 17,1 Prozent der deutschen Bevölkerung in Single-Haushalten – also rund 15 Millionen Menschen. Da kommt schnell die These auf, dass all diese Männer und Frauen mit Sicherheit sehr einsam und alleine sein müssen. Die beiden Begriffe werden meist synonym verwendet, dabei bedeuten sie etwas völlig unterschiedliches.

Einsamkeit ist ein Gefühl, das Isolation mit sich bringt. Ungeliebtsein. Kontaktverlust. Wer einsam ist, hat den Eindruck, von niemandem gebraucht und beachtet zu werden. Der Psychiater und Hirnforscher Manfred Spitzer hat über das Thema das Buch „Einsamkeit – Die unerkannte Krankheit“ verfasst. Darin schreibt er, dass Einsamkeit nicht nur ältere Menschen betrifft, sondern auch unter jungen Leuten ein verbreitetes Thema ist. Er beschreibt die Einsamkeit als ansteckende und kaum erforschte Krankheit, die sich „schneller ausbreitet, als die Immunität gegen sie aufgebaut werden kann“. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht davon, dass Einsamkeit bald als Todesursache Nr. 1 in der zivilisierten, westlichen Welt gelten könne. Einsamkeit ist der totale Verlust von körperlichen und sozialen Kontakten. Der Austausch mit anderen Menschen fehlt komplett.

Die bewusste Entscheidung zur Me-Time

Und genau das ist Alleinsein nicht. Alleinsein ist beabsichtigt. Es ist ein Ja zur Me-Time, zur Zeit nur mit sich. Der Berliner Kulturwissenschaftler und Ethnologe Professor Dr. Wolfgang Kaschuba sagt, dass mit Alleinsein immer auch die Vorstellung von Freiheit und Unabhängigkeit verbunden ist. „Bis zum 18. Jahrhundert konnte niemand alleine überleben. Erst mit der Aufklärung und den ersten technischen Errungenschaften, war es überhaupt denkbar, dass Menschen alleine ihr Leben bestreiten.“

Und zu diesem Leben-Bestreiten gehörte auch die Entscheidung der Berufswahl. War diese bis etwa Mitte der 1960er-Jahre noch durch die Eltern und deren Berufe vorherbestimmt, können Generationen heute ganz frei und allein bestimmen, welchen Weg sie beruflich, aber auch privat einschlagen möchten. Arbeiten in fremden Ländern war vor 40 Jahren noch etwas Exotisches, heute wird man seltsam angeguckt, wenn man noch nie im Ausland war. Und selbst die Flucht vom Land in die Städte geht mit dem Alleinsein Hand in Hand.

„Auf dem Land ist die Idee des Alleineseins etwas eher Seltsames“, erklärt der Professor. „Für die Stadt ist das ganz normal. Dort genießen Menschen die Freiheit, die ihnen die urbane Umgebung bietet – egal ob sich diese auf Hobbys, Beziehungen oder das Kulturprogramm bezieht“. Die Stadt bietet den Rahmen für jegliche Selbstverwirklichung.

Die Gefahr der Vereinsamung

Doch wir laufen auch Gefahr, dass das Alleinsein in Einsamkeit umschlägt. Dann beispielsweise, wenn wir uns auf die Co-Präsenz durch Soziale Netzwerke verlassen, die nur vorgaukeln, dass wir Freunde haben. Oder wenn sich plötzlich der Partner trennt oder stirbt, ohne, dass man in den Jahren zuvor seine Freundschaften gepflegt hat. Dann fehlt plötzlich der private Anker im Leben und ein Gefühl der Leere macht sich breit.

Gerade für Alleinlebende ist es wichtig, sich zu engagieren, zu Veranstaltungen zu gehen und sich unter Menschen zu mischen. „Familie und Verwandtschaft wird unwichtiger. Dafür sind Freundschaften gerade für Alleinlebende enorm entscheidend, um der Gefahr der Vereinsamung entgegenzuwirken“, sagt Professor Kaschuba. „Wir brauchen Kontakte, wir müssen raus gehen, uns für die Gemeinschaft einsetzen, doch stets in unserem autonomen Rahmen. Wir können uns entscheiden, welche Projekte uns am Herzen liegen“. Im Kollektiv geht der Mensch auf, doch er kann trotzdem wieder für sich sein, wenn er genug von den anderen hat.

Die heilenden Kräfte des Alleinseins

Diese luxuriöse Zeit mit sich selbst hat neben dem seelischen Frieden auch heilende Kräfte. Wie eine Umfrage von Wissenschaftlern und der britischen Rundfunkanstalt BBC unter 18.000 Menschen aus 134 Ländern gezeigt hat, wurde Alleinsein hinter Lesen und In-der-Natur-Sein auf den dritten Platz der Tätigkeiten gewählt, die als besonders erholsam eingestuft werden. Eine andere Untersuchung der Technischen Universität Dresden hat die Work-Life-Balance von 500 Studenten untersucht, von denen die am wenigsten seelisch oder körperlich beeinträchtigt waren, die ausreichend Zeit hatten „über sich selbst nachzudenken“.

Doch bei allen positiven Aspekten des Alleinseins, „es darf nicht zur fundamentalistischen Einstellung werden“, mahnt Professor Kaschuba. „Wir brauchen vielmehr eine Gesellschaft, die zwar unabhängig und selbstständig ist, die sich jedoch für die Gemeinschaft engagiert.“ Das Bild, das entsteht, sind viele Individualisten, die zusammen zu einer bunten Masse werden. Alleinsein fördert Kreativität, man lernt dazu bessere Entscheidungen zu treffen, der inneren Stimme zu folgen und sie überhaupt erst wahrzunehmen.

Das hat auch Maria auf ihrer Reise in Peru gelernt. Sie war erstaunt, wie viele Menschen ohne Freunde, Partner oder Familienmitglieder das Abenteuer in der Fremde suchen. Sie kam alleine in das unbekannte Land und hatte Angst vor der Einsamkeit. Doch am Ende war sie nur dann alleine, wenn sie es wirklich wollte. Alleinsein ist nämlich – im Vergleich zur Einsamkeit – eine bewusste Entscheidung. Ein absichtlich hervorgerufener und freiwilliger Zustand, in dem man mit sich sein darf, weil man genau das in diesem Moment möchte.

Maria weiß jetzt, dass sie die Wahl hat eine Reise mit ihrem Partner oder nur mit sich selbst anzutreten. Weil sie sich in den vier Wochen alleine on Tour erst richtig kennen lernen durfte und musste. Sie hat verinnerlicht, dass sie die Zeit mit sich selbst aushalten kann. Daraus resultierend kann sie von sich aus entscheiden, ob sie ihre Zeit mit jemand anderem oder nur mit sich verbringen möchte. Me-Time ist ein Privileg, das jeder nutzen sollte. Denn wer sich selbst leiden und mit sich sein kann, dem kann Einsamkeit so schnell nichts anhaben.

Dieser Artikel erschien zuerst im Fogs Magazin:



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