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Tacheles: Noch ganz sauber? Barbara: "Ich kenne Menschen, die anderen verbieten, in ihrer Wohnung Rotwein zu trinken."

Barbara Schöneberger als Schwamm
© Barbara
Einige Menschen putzen ständig alles blitzeblank. Da muss eine Frage erlaubt sein: Sind die eigentlich noch ganz sauber?
Barbara Schöneberger

Es geht doch nichts über eine Wohnung, wo alles seinen festen Platz hat und einer gewissen Ordnung folgt. Dennoch gibt es einen Punkt in der Pflege einer Wohnung, an dem zugunsten von Sauberkeit und Symmetrie das Sichwohlfühlen völlig vernachlässigt wird. Ich kenne Menschen, die anderen verbieten, in ihrer Wohnung Rotwein zu trinken, weil sie Angst vor Flecken auf dem weißen Sofa haben. Ich kenne Menschen, die vom Klo kommen und sofort merken, wenn ein Gast ein Buch aus dem Schrank genommen und schief wieder zurückgestellt hat. Ich kenne Menschen, die man während eines Abendessens gar nicht zu Gesicht bekommt, weil sie in der Küche schon mal die benutzten Pfannen und Töpfe abschrubben. Und ich kenne das Gefühl, das einen als Gast beschleicht, wenn man eine komplett imprägnierte und porentiefreine Wohnung betritt und alles zwar toll hingestellt ist, aber nicht bewohnt aussieht. Wenn Kissen kerzengerade auf dem Sofa stehen und auch erkennbar ist, dass sie einem Farbkonzept folgen, dann heißt das so viel wie: Vorsicht, nichts verrücken, nichts zerknautschen! Ich als Mutter und Betreiberin eines kleinen Familien-Hotel-Betriebs musste mich schon von vielen Hygienestandards verabschieden. Das Einzige, worum ich die Kinder bitte: stark verderbliche Ware aus ihren Zimmern zu entfernen.

Andere hingegen brauchen ein bisschen mehr Sauberkeit in ihrem Leben und nehmen, dafür einiges in Kauf. Erkennst du dich wieder?

Handlungsbedarf?

Woran man erkennt, ob der Putzwahn eine Zwangsstörung ist, erklärtPsychotherapeutin Johanna Zabell von der Schön Klinik Hamburg Eilbek

„Wir alle sind kleinen Alltagszwängen unterworfen, waschen unsere Wäsche, bringen den Müll raus, schrubben das Bad. Das ist normal. Doch wenn uns eine dieser Tätigkeiten extrem stark im Alltag einschränkt, etwa, wenn wir das Haus nur verlassen können, nachdem wir eine Stunde geputzt haben, kann das ein Hinweis auf eine Zwangsstörung sein. Hinter einem Putz- oder Waschzwang steckt oft die Angst vor Bakterien und Viren und somit vor Krankheiten. Die meisten Betroffenen wissen zwar, dass man sich nicht gleich mit einer tödlichen Krankheit infiziert, wenn man an eine Türklinke greift, die nicht frisch desinfiziert ist. Aber sie können es trotzdem nicht – die Angst ist zu groß. In einer kognitiven Verhaltenstherapie lernen sie, damit umzugehen. Doch es dauert sieben bis zehn Jahre, bis Menschen mit einer Zwangsstörung sich überhaupt in Behandlung begeben. Ich kann nur dazu ermutigen, sich Hilfe zu holen – es gibt nichts, was wir nicht schon gehört hätten.“

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