Bestseller-Autorin Hedvig Montgomery: "Ein Baby muss kein Nein akzeptieren"

In ihren Ratgebern verrät Bestsellerautorin Hedvig Montgomery, wie man als Familie die verschiedenen Entwicklungsphasen der Kinder meistert – und unbeschadet übersteht.  

von Julia Ballerstädt

Wenn man sich für ein Kind entscheidet, ist einem anfangs nicht so richtig bewusst, worauf man sich tatsächlich einlässt. Oder vielleicht doch, aber wie genau sich das in der jeweiligen Situation anfühlt, kann man vorher nun mal nicht genau wissen. Hinzukommt die Diskrepanz zwischen der eigenen Erwartungshaltung, wie man denn in bestimmten Situationen reagieren möchte und der harten, ehrlichen Realität. Elternsein heißt eben auch Fehler machen, wichtig ist nur, dass wir aus ihnen lernen und versuchen, die Welt aus Sicht der Kinderaugen zu verstehen. Denn die Bedürfnisse von Kindern und einige Grundzüge der kindlichen Entwicklung zu kennen, kann vor den größten Erziehungsfehlern bewahren. Und genau darum geht es in dem Bestseller von Hedvig Montgomery "Die Hedvig Formel für eine glückliche Familie"

Das erste Lebensjahr: Schreien lassen, ist gut für die Entwicklung der Lunge?

Auch wenn vor allem Oma und Uroma der Meinung sind, die Baby-Weisheiten mit Löffeln gefressen zu haben, ein Baby muss weder allein einschlafen können, noch ist schreien gut für die Lunge. Ein Säugling muss kein Nein akzeptieren und ganz sicher nicht selbstständig sein. Das Einzige, dass in diesem ersten Lebensjahr wichtig ist, ist zu lernen dass die Welt ein sicherer Ort und Mama immer da ist. Denn nur aus diesem Urvertrauen heraus, kann sich ein zufriedenes Baby entwickeln, dass sich selbst zu beruhigen und zu dir Kontakt aufzunehmen lernt. Körperkontakt, Rituale und ganz viel Nähe sind in dieser Zeit das wichtigste für die Kleinsten.

1-3 Jahre: Der kleine Bock treibt alle in den Wahnsinn

Die gute Nachricht zuerst: Alle Eltern müssen durch die Trotzphase. Du bist also nicht die Einzige, die mit einem aufmüpfigen Kind zu kämpfen hat. Nur triffst es manche eben härter als andere, da gibt es nichts zu beschönigen. Das Nein wird plötzlich einfach ignoriert oder mit einem Schreianfall quittiert. Dennoch: Dein Kind ist weder besonders schwierig, noch sind das erste Symptome von ADHS. Es ist, wie so vieles im Kinderleben, eine Phase. Was hilft? Tief durchatmen und immer daran denken: Irgendwann ist in starker Wille Gold wert, also bloß nicht brechen. Dein Kind führt diesen Kampf nämlich nicht gegen dich, sondern braucht vielmehr dein Verständnis und Geborgenheit als Strenge und Zwang.

3-5 Jahre: Raupe Nimmersatt geht schlafen

Die Lage entspannt sich, aber die meisten Kinder brauchen immer noch Hilfe dabei, zur Ruhe zu kommen und Einschlafen zu können. Rythmus, Rituale und Kontinuität helfen dabei, dem aufregenden Tag eines vier- oder fünfjährigen Kindes zu strukturieren und ihm einen Rahmen zu geben. Gleichzeitig ist es jetzt umso wichtiger, ins Gespräch zu kommen und sich über Interessen auszutauschen. Bei all den spannenden Dingen, die jeden Tag auf unsere Kinder einprasseln, ist es auch kein Wunder, dass sie am liebsten den ganzen Tag essen wollen. Dieses Pensum braucht schließlich Energie.

6-8 Jahre: Zieh dich warm an – Ein Vorgeschmack auf die Pubertät

Die Einschulung steht an. Für Kinder ein großer Umbruch, der mit starken und tiefen Emotionen verbunden ist und das macht sie rastlos und zerstreut. Dein Verständnis ist jetzt umso wichtiger

"In dieser Zeit werden die Denkmuster der Kinder gelegt – werden sie zu Optimisten oder Pessimisten? Optimismus entwickelt sich, wenn Kinder Sachen ausprobieren und Fehler machen dürfen und damit auf das Verständnis und Ermutigung bei einem stoßen – und man miteinander lacht. Es ist selten so wichtig zu lachen, wie jetzt!" schreibt die Erziehungsexpertin aus Norwegen.


9-12 Jahre: Selbstständig und behütet 

Sie werden langsam richtig groß und selbstständig. Sie wollen allein irgendwohin gehen, allein Essen kochen, allein zu Hause sein und planen vermutlich schon ab und an ihren Auszug. Endlich erwachsen sein. Naja, sie wissen eben nicht, was genau das alles bedeutet. Das ist einerseits toll, andererseits wird man als Mama schon das ein oder andere Mal etwas wehmütig hinter seinen coolen Kids herschauen. Auch wenn es sinnvoll ist, den Radius der Selbstständigkeit Stück für Stück zu erweitern, brauchen auch die fast großen Kids eine sicheres Zuhause, in dem sie sich geborgen und beschützt fühlen. Akzeptanz und Zugehörigkeit sind das, was Kinder in diesem Alter dringender brauchen als Kritik, die die Seele im Umbruch nur verletzt.

13-17 Jahre: Angeschnallt! Jetzt gehts rund

Pubertät. Nicht schön, aber sie kommt auf jeden Fall. Unausweichlich. Und sie ist wichtig, die Zeit der Abnabelung. Das Gehirn wird vollkommen umprogrammiert und das verlangt viel von den Teenies ab. Vergesslich, chaotisch, ängstlich, aufmüpfig, wütend, aggressiv – und alles gleichzeitig. Umso wichtiger ist jetzt jemand, der das zusammen mit ihnen aushält, die Gefühle unter die Lupe nimmt und auch in schweren Zeiten an ihrer Seite bleibt. Das Schlimmste, was Eltern in dieser Zeit tun können, ist die Verbindung zu ihren Kindern verlieren. Damit das nicht passiert, ist es wichtig, miteinander Zeit zu verbringen – vielleicht bei einer Tasse Tee oder einem kurzen Spaziergang. So wird aus dem unsicheren Teenie dann auch ein ausgeglichener Twen.


Hedvig Montgomery, geboren 1968, ist Psychologin und Familientherapeutin mit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung. Neben ihrer Tätigkeit als Familientherapeutin hält sie Seminare, u.a. für FamLab. In ihrer auf fünf Bände angelegten Erziehungsreihe «Die Hedvig-Formel» bringt die Bestsellerautorin ihre Erkenntnisse und Erfahrungen auf den Punkt. Die Autorin lebt in Oslo.