Stefanie Stahl: "Wer ein Kind erzieht, sollte sich selbst gut kennen"

"Nestwärme, die Flügel verleiht", so heißt das neueste Werk der Bestseller-Autorin Stefanie Stahl, das sie gemeinsam mit Julia Tomuschat geschrieben hat. Ihre Message: Wer Kindern ein warmes Nest bieten und trotzdem zur Selbständigkeit erziehen möchte, sollte sich selbst gut kennen und verstehen.

von Christine Rickhoff

Spätestens seit ihrem Bestseller "Das Kind in dir muss Heimat finden" ist die Psychologin Stefanie Stahl die Königin der Lebensratgeber. Die starken Bilder und ihr Gespür für Sprache machen ihre Bücher kurzweilig, nachvollziehbar und auch für Psychologie-Laien wunderbar greifbar. Mit dem Ratgeber "Nestwärme, die Flügel verleiht" hat sie sich nun gemeinsam mit Co-Autorin Julia Tomuschat der ultimativen Eltern-Frage gewidmet: Wie schenken wir unseren Kindern Wurzeln und Flügel, also das richtige Maß an Bindung und Freiheit? Wie halten wir diese beiden Pole in Balance?

Wir haben mit der Erfolgsautorin über frühkindliche Prägung und elterliche Selbstzweifel gesprochen. 

BARBARA: Der Untertitel des Buches "Halt geben und Freiheit schenken - wie wir erziehen, ohne zu erziehen" lässt schon ahnen, dass das Buch kein gewöhnlicher So-läuft-es-und-nicht-anders-Erziehungsschmöker ist. Was unterscheidet euer Buch von den Erziehungsratgebern, die wir kennen?

Stefanie Stahl: Bei der Frage, wie wir ein Kind erziehen, geht es gar nicht so sehr ums Kind, sondern vor allem um uns selbst, um unser Bindungsverhalten, unsere eigene Autonomie und unser Selbstwertgefühl. Das Buch widmet sich deshalb vor allem diesen drei Polen, die in den eigenen Kindheitserlebnissen wurzeln. Eigentlich wäre es perfekt, wenn man das Buch schon als Vorbereitung auf die eigene Rolle als Mutter oder Vater lesen würde. Je besser man sich selbst kennt und versteht, desto besser kann man sich auch als Eltern reflektieren.

Was genau meint ihr mit Nestwärme?

Jeder Mensch hat von Geburt an ein existenzielles Bedürfnis nach Bindung. Bereits Babys geben sich Mühe, eine gute Bindung zu ihren Bezugspersonen aufzubauen, zum Beispiel, indem sie sie anlächeln. Dieses Bedürfnis nach Nähe und Halt ist ganz tief in uns verankert, schließlich sichert es uns das Überleben. Unser Bindungsverhalten gegenüber unseren Kindern hängt in großem Maße davon ab, wie wir geprägt wurden. Eine Mutter, die in der eigenen Kindheit zum Beispiel ein großes Defizit an Liebe erlebt hat, läuft Gefahr, ihr Kind zu eng an sich zu binden, um das eigene Kuschelbedürfnis zu befriedigen. Es geht also nicht um eine möglichst enge Bindung, sondern um das richtige Maß an Bindung. 

Also Bindung, die trotzdem Raum für Freiheit lässt? 

Genau. Denn der Wunsch nach Autonomie ist ein weiterer wichtiger Pol für jeden Menschen. Das Ausbalancieren dieser beiden Bedürfnisse – Bindung und Autonomie – begleitet uns sozusagen von der Wiege bis zur Bahre. Im Grunde ist das gesamte Weltgeschehen mit diesen beiden Polen erklärbar. 

Woran merke ich, ob die beiden Pole bei mir gut ausbalanciert sind?

Beide Pole bringen bestimmte Fähigkeiten mit sich. Menschen, die eher in Richtung Bindung tendieren, können toll zuhören, sind kompromissbereit, passen sich ihrem Gegenüber gerne und gut an. Sie sind sehr gut darin, eine enge Bindung zu ihren Kindern herzustellen und sie super zu versorgen. Allerdings fällt es ihnen häufig schwer,  die Kinder loszulassen, wenn sie älter werden. Eltern, die eher in Richtung Autonomie tendieren, brauchen selbst viel Freiheit. Die sind sehr gut darin, ihren Kindern viel zuzutrauen und ihre Selbständigkeit zu fördern. Diese Eltern fühlen sich aber schnell von den Bedürfnissen kleiner Kinder eingeengt. Wenn man in Balance ist, ist man zu jeder Zeit ganz gut aufgestellt und bekommt sowohl das Loslassen als auch das Anpassen an die kindlichen Bedürfnisse ganz gut hin. Es gibt auch Eltern, die abwechselnd in die eine und dann die andere Richtung tendieren. Das passiert zum Beispiel, wenn sie sich zu sehr aufopfern und dann so richtig ausbrechen.

Warum ist es so wichtig, zu wissen, wie man tickt, wenn man Kinder hat?

Weil die eigene Prägung die Brille ist, durch die wir das Kind und die Welt sehen. Und weil wir unsere eigenen Reaktionen besser einordnen und anpassen können, wenn wir verstehen, woher sie kommen. Deshalb ist es gut, sich selbst immer wieder zu reflektieren und zu hinterfragen.

Aber wie schafft man es, beim Reflektieren freundlich mit sich selbst zu bleiben und nicht in Selbstvorwürfe abzudriften?

Indem man ganz bewusst immer wieder auf Weitwinkel stellt, wenn man bemerkt, dass man sich zu sehr auf die eigenen Fehler fokussiert. Das Gehirn hat die Tendenz, immer wieder ins Negative zu kippen, wenn man es beim Denken sich selbst überlässt. Das Bemerken von Fehlern sichert unser Überleben, es ist also ganz normal, dass das passiert. Es hilft dann, zu den Fehlern auch die eigenen Stärken bewusst ins Bild zu holen und sich zu sagen: "Hey, allein, dass ich drüber nachdenke, ist schon toll".

Welche Zeit in der Kindheit ist denn am prägendsten? 

Ganz klar: Die erste Lebenszeit. Das Gehirn ist noch unfertig bei der Geburt und entwickelt sich in der ersten Lebenszeit rasant. Aber auch in der Pubertät wird nochmal einiges umorganisiert.

Was kann ich tun, wenn es mir doch mal passiert, dass ich meine Prägung auf dem Rücken der Kinder auftrage?

Es ist immer gut, erst einmal etwas Abstand zu nehmen und sich zu fragen: Wo sind meine Trigger, meine wunden Punkte, meine Verhaltensstrategien? Dann können wir uns überlegen, wie wir es das nächste Mal besser machen können – eine mentale Vorbereitung ist nämlich die beste Prävention.  Wichtig ist auch, dass wir als Eltern auch gut für uns sorgen. Wir verfallen nämlich leicht in alte Verhaltensmuster, wenn wir unter Stress stehen. Manchmal ist auch einfach eine Entschuldigung beim Kind angebracht. 

Was ist schwieriger: Ein Kind zu erziehen, das einem sehr ähnlich ist oder ein Kind, das ganz anders ist als man selbst?

Ich glaube, dass beides eine große Herausforderung ist. Wenn das Kind einem sehr ähnlich ist, schaut man ständig in den Spiegel. Wenn es ganz anders ist, kann einem wiederum das Verständnis fehlen. Beides nicht ganz einfach. Wie schwierig man es aber jeweils findet, hat auch sehr viel mit dem eigenen Selbstvertrauen zu tun. Je selbstsicherer ich bin, desto einfacher fällt mir die Beziehung zu meinen Kindern, denn Kinder bedienen Zweifel. 

Kann man das Selbstbewusstsein als Erwachsener überhaupt noch elementar beeinflussen? 

(lacht) Wenn ich daran nicht glauben würde, hätte ich den Beruf verfehlt. Das kann man auf jeden Fall. 


 

Ein Buch für alle Eltern, die sich wünschen, dass ihre Kinder zu starken und glücklichen Persönlichkeiten heranwachsen. 

"Nestwärme, die Flügel verleiht. Halt geben und Freiheit schenken – wie wir erziehen, ohne zu erziehen" von Stefanie Stahl und Julia Tomuschat

erschienen am 08.12.2018 im Gräfe und Unzer Verlag 

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