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Der Friedhof der Handybilder: Wie Fotografie unsere Erinnerung hemmt

Der Friedhof der Handybilder: Wie Fotografie unsere Erinnerung hemmt
© Getty Images
 1,3 Billionen – so viele Fotos wurden 2017 geschätzt geschossen, die meisten per Smartphone. Plattformen wie Instagram und Snapchat wachsen stetig. Aber was wenige wissen und unser Autor selbst erlebt hat: Mit jedem Bild streifen wir auch ein Stück Erinnerung ab.
von Livio Stöckli

Könnten Daten verblassen, wäre ich letzte Woche auf einen Berg farbloser Bilder gestoßen. Aber wir leben in der Zukunft. Die Aufnahmen aus dem letzten Jahrzehnt, die ich beim Dürchstöbern einer alten PC-Festplatte fand, hatten sich äusserlich nicht verändert.

Ich fand sie verlassen in anonym-benannten Ordnern, die lediglich Jahreszahlen wie 2002 oder 2006 trugen. Rund 500 Bilder aus einer Zeit, die ich so gegenwärtig, wie mir die Fotografien entgegen schlugen, nicht mehr in Erinnerung hatte. Schnappschüsse vorwiegend – Fotos, wie sie heute täglich zu tausenden auf Social Media-Plattformen geladen werden. Das alltägliche Leben, ich selbst mittendrin.

Die meisten Szenen scheinen meinem Gedächtnis auf eine Weise entrissen, als stammten sie aus dem Leben eines Fremden. Teile meiner eigenen Tage, Erlebnisse, die in diesem Bildarchiv darauf warteten, wieder entdeckt zu werden. Die Bilder kamen mir befremdlich vor, unnah. Nie hätte ich – vollends aufgewachsen im digitalen Zeitalter – gedacht, dass auf digitale Erinnerungen Staub fallen kann, wie auf alte Umzugsboxen in einem leerstehenden Haus.

Kamera an, Erinnerung aus

Ansel Adams, der amerikanische Pionier der Landschaftsfotografie, sagte dereinst: "An einem Bild sind immer zwei Leute beteiligt: der Fotograf und der Betrachter." Jahre nach den Aufnahmen sehen wir Fotos durch andere Augen, stossen auf eine andere Realität. Nicht nur der Betrachter sieht etwas verändertes, sondern vor allem auch der Fotograf selbst.

Dass ich aber nicht mehr das sah, was ich im Moment der Aufnahme zu sehen glaubte, war nicht das tragische. Es schien mir beinahe, als habe der Auslöser ein Loch in mein Gedächtnis geknipst: Ich konnte mich an die meisten Bilder schlicht nicht mehr erinnern. An die Leute, ja. Aber weder an die Zeit, noch an den Ort.

Dieses Syndrom, das sich in der Gesellschaft entfaltet, nennt sich "photo-taking impairment effect", 2013 beobachtet in einer Studie der Universität von Fairfield (Connecticut, USA). Es beschreibt eine Dissoziation in dem Moment, in dem wir abdrücken. Studenten wurden gebeten, während einer 30-minütigen Museumstour die Hälfte der Objekte zu fotografieren, und die andere Hälfte einfach nur zu betrachten. Am Tag danach war die Erinnerung an die fotografierten Objekte beinahe verblasst. Die Ausstellungsstücke, die einfach nur betrachtet wurden, schwammen hingegen oben auf, klare und detaillierte Erinnerungen.

Verloren in den tiefen der Speichermedien

Mit den wachsenden Datenmengen fällt es uns schwer, alles zu behalten – klar, die digitale Welt dreht sich schneller, als uns recht ist. Was beim Fotografieren passiert, nennen die Autoren der Studie "outsourcing of memory" – das Auslagern der Erinnerung. Aber mit dieser Auslagerung der Erlebnisse steigt die Gefahr, den dünnen Erinnerungsfaden, an dem wir diese Aufnahmen in die Tiefen der Speichermedien hinablassen, vollends zu verlieren.

Aber aus diesen Tiefen fischen wir die Erinnerungen selten wieder hervor: Durch den Versuch die ganze Umwelt immerzu festzuhalten, verlieren wir den Augenblick als ganzes. Nicht weil er nicht stattgefunden hat, sondern weil wir ihn nicht als "Ich" erlebten, sondern als Mensch im Orbit sozialer Medien, mit tausend Betrachtern im Rücken, die uns in der Illusion über die Schulter staunen. Und wohin gehen diese Erinnerungen, wenn sie schliesslich nur auf endlosen Harddisks in Unordnung vor sich hin vegetieren, längst jenseits unseres Interesses?

Sollen wir deswegen aufhören, Fotos zu machen? Garantiert nicht! Aber vielleicht ein wenig sensibler damit umgehen – nicht jede Sekunde, jeder Moment eines Abends muss in den Handy-Speicher zementiert werden. So finden wir die eigenen Meilensteine, die wir auf unserer Landkarte der Erinnerung fotografisch platziert haben, nämlich nicht mehr. Stattdessen sollten wir mehr mit unseren Augen schauen und die Momente im Gedächtnis verinnerlichen – anstatt zu fotografieren, und letzten Endes zu vergessen.


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