Deswegen ist es super, durchschnittlich zu leben

Alle streben nach immer mehr und wollen in allem total außergewöhnlich sein. Warum bloß? fragt sich unsere Autorin, die ihr absolut durchschnittliches Leben liebt.

von Theresa König

Auf Englisch hat das Ganze irgendwie mehr Sex-Appeal: "mediocre" sagt man da. Hat irgendwie was. Tatsächlich finde ich aber auch das Wort "durchschnittlich" völlig okay. Wenn andere darauf bestehen, dass sie ganz anders sind und überhaupt nicht wie der Durchschnitt, frage ich mich immer, warum das so wichtig ist. Ich fand es als Kind immer schon okay, wenn ich eine total durchschnittliche 2- hatte. "Wenn du guter Durchschnitt bist, hast du es leicht im Leben", hat mein Vater immer gesagt. Ich finde, er hat recht. 

Stimmt mit mir etwas nicht?

So ist das bis heute geblieben: Mein Leben ist nicht wahnsinnig spannend oder total außergewöhnlich. Zwei Kinder, ein Mann, eine Wohnung mit Garten. Ich habe bisher keine spektakuläre Erfindung gemacht, kein Leben gerettet, keinen Rekord aufgestellt. Manchmal denke ich, mit mir stimmt irgendwas nicht, weil mein Hang zur Optimierung so wenig ausgeprägt ist.

Natürlich habe auch ich mich in der Vergangenheit schon mal gefragt, ob ich eventuell nach Indien gehen und "richtig" meditieren lernen sollte. Ob es nicht großartig wäre, ein Buch zu schreiben. Ob ich nicht eine Riesendemo gegen all das Unrecht auf diesem Planeten organisieren könnte. Denn natürlich fällt mir auf, dass vieles schief läuft auf dieser Welt. Aber vielleicht muss ich das Buch nicht schreiben, sondern es nur lesen?! Vielleicht mach ich lieber Yoga im Wohnzimmer als im Kloster in Asien?! Und vielleicht genügt es, auf eine Demo zu gehen anstatt sie zu organisieren?

Ich muss nicht die Welt retten

Mir ist klar geworden, dass ich nur das tun kann, was ich eben tun kann. Dass ich ganz gern ein Durchschnittsmensch bin. Ich muss nicht die Welt retten, es ist okay, wenn ich gezielt spende, dem Obdachlosen um die Ecke etwas gebe und meiner älteren Nachbarin ab und an Blumen oder etwas zu essen vorbeibringe. Ich muss nicht die beste Mutter der Welt sein, es ist okay, wenn ich das mit meine Kindern gut hinkriege, alle zufrieden sind und vor allem gesund.

Ich muss keinen Marathon laufen, sondern kann auch einfach mal stolz sein, weil ich es tatsächlich schaffe, zweimal die Woche zum komplett uncoolen Gymnastikkurs im Turnverein um die Ecke zu gehen, damit mein leider unterdurchschnittlich trainierter Rücken nicht wehtut. Ich muss glücklicherweise ja auch gar nicht wie ein Model aussehen: Wenn ich meine kleine Plauze vor mir hertrage, ist das sowas von okay nach zwei Schwangerschaften. Und überdurchschnittlich hässlich bin ich ja auch nicht, sondern (Überraschung!) eher durchschnittlich gutaussehend. Früher, da wollte ich Ärztin werden und Menschen retten, jetzt sitze in Teilzeit im Büro – und das ist auch okay.

Es gibt Menschen, die ich überdurchschnittlich mag

Im Rahmen meiner Möglichkeiten tue ich, was mich und möglichst auch andere glücklich macht. Ich habe schöne Urlaube mit meinen Kindern und meinem Mann, ich verbringe viel Zeit mit meinen Freunden und der Familie, ich gehe auf Konzerte, in Restaurants, Bars, ins Kino, ich lese spannende Bücher. Ich tue das, was die meisten tun: Essen, trinken, schlafen,  arbeiten, bisschen Haushalt – und vor allem dazwischen eine richtig gute Zeit haben, mit Menschen, die ich überdurchschnittlich mag (immerhin das!). Das macht mich nicht immer, aber meistens froh. Ich bin durchschnittlich zufrieden, schätze ich.

Ich weiß, dass das, was ich habe, viel wert ist. Eine gesunde Familie, sehr gute Freunde, keine finanziellen Nöte: Es könnte alles echt schlechter sein. Darüber bin ich froh. Und was ist überhaupt Glück? Wohl für jeden etwas anderes. Glücksforscher allerdings sagen, das Faktoren, wie Freundschaft, Gesundheit, Kinder,  Geselligkeit, ein Beruf, in dem wir gut sind, und ausreichend Geld zur Erfüllung der Grundbedürfnisse die Basis für unser persönliches Glück sind. Ich habe all das, der Rest ist Luxus.

Genug ist besser als zu viel

Mein Leben ist nicht supercrazy und außergewöhnlich. Aber es ist gut. Natürlich könnte alles immer mehr, besser, größer, toller, teurer, exklusiver und besonderer sein. Aber muss es das? Ich glaube nicht. "Genug ist besser als zu viel" hat neulich eine Freundin von mir gesagt. Es muss nicht zu viel sein, es reicht, wenn es reicht. Durchschnitt ist absolut okay. Zumindest, wenn er glücklich macht. 


Wer hier schreibt:

Theresa König

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Deswegen ist es super, durchschnittlich zu leben
Deswegen ist es super, durchschnittlich zu leben

Alle streben nach immer mehr und wollen in allem total außergewöhnlich sein. Warum bloß? fragt sich unsere Autorin, die ihr absolut durchschnittliches Leben liebt.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden