Erwachsen, allein zu Haus und mehr Schiss als Kevin

VERSUCHSOBJEKT: Redakteurin Steffi Hoefle – ein Schisser seit Kindheitstagen

TESTUMGEBUNG: Dorthin gehen, wo die Furcht sitzt. Ja, richtig: auch ins eigene Wohnzimmer

MISSION: Entspannung trotz Spannung

Die Wohnungstür fällt ins Schloss. Meine Jungs, der Große, 44, und der Kleine, 13, fahren zum Auswärtsspiel. Mit Übernachtung. Jippie, denke ich kurz: Entspannung von der täglichen Familiensoap. Einerseits. Andererseits: totale Anspannung. Denn ich weiß jetzt schon, dass ich nur gut durch den Abend komme, wenn ich für wirksame Ablenkung sorge. Wovon? Ich bin nicht gern allein im Dunkeln. Und das Standard-Fernsehprogramm befeuert mein Unwohlsein nur noch. Auf jedem Sender wird geschockt, gemordet, ermittelt. Für mich spielt keine Rolle, ob da wahre oder fiktive Fälle gezeigt werden, ich kann mich da richtig reinsteigern. Bei Tageslicht finde ich mich albern. Mit Einbruch der Dämmerung sickert düstere Furchtsuppe in meinen Kopf.

Zur Toilette nur mit Festbeleuchtung

Ich kann mir nicht erklären, woher das kommt, weiß nur, dass diese Angst, die mich in meinen eigenen vier Wänden packt, unangenehm ist. Zuhause, das ist doch Geborgenheit. Aber wenn niemand beim Serienmarathon an meiner Seite ist, knarzen die Dielen über mir irgendwie anders und der Wind rüttelt bedrohlich an der Balkontür. Ist sie etwa nicht geschlossen? Dieses mulmige Gefühl wächst, je mehr ich horche. Ich meine: Ich schaff das schon! Zur Toilette gehen? Mit Herzklopfen und Festbeleuchtung. Und später, beim Löschen des Lichts, nie, wirklich nie zurück ins Dunkle blicken.

Warum bin ich so ein Schisser?

Wahrscheinlich müsste ich bei einem Profi auf die Couch, um das in Erfahrung zu bringen. Wenn ich mein bibberndes Ich mit meinem Laienblick betrachte, finde ich keine Spur: Als Kind musste ich nie allein daheim bleiben (bin ich also überbehütet?). Im dunklen Keller meiner Großeltern überkam mich schon immer ein beklommenes Gefühl (ohne dass mir dort je etwas Gruseliges geschehen war). Als Jugendliche bekam ich das absolute Verbot zu trampen (wie wahrscheinlich jedes Mädchen).

Woran ich mich allerdings genau erinnere: den Kindergeburtstag, an dem „Mord im Dunkeln“ gespielt wurde und ich weinen musste, als einer schrie, obwohl ich eingeweiht war. Oder die Freundin, die auf Übernachtungspartys effektvoll Gruselgeschichten erzählte, „Auch Mörder können Hände lecken“ hieß eine. Und den Videoabend, an dem meine Clique „Freitag der 13.“ guckte. Ich war 14, starr vor Angst.

Ich leide mit Opfern, auch mit fiktiven

Kann das sein, dass mein Angstrepertoire da entstanden ist, wo es mir heute noch begegnet – im Unterhaltungssektor? Wie werde ich das wieder los? „Gefühlsmanagement“, sagt Joachim von Gottberg. Er ist Fernsehforscher und ahnt, was in mir los ist: „Jeder Mensch hat ein unterschiedliches Angstpotenzial.“ Meines scheint besonders groß, „weil Sie vermutlich ein sehr emotionaler und empathischer Mensch sind. Sie leiden stark mit anderen, auch mit fiktiven Opfern. Aber das kann durch Konfrontationstraining besser werden.“ Mir wird kalt, ich denke sofort an Freddy Krueger, der mir auch schon mal irgendwo begegnet ist. Von Gottberg nimmt den Druck raus. Krimis seien doch schon mal ein gutes Übungsfeld, sagt er. Und dass die große Grusellust der Deutschen sich in dem Bedürfnis begründe, auf den Worst Case vorbereitet zu sein. „Mittels Fiktion erweitern wir unser Handlungsspektrum und fühlen uns sicherer.“ Manchen gibt das also Sicherheit. Mir geht schon beim klamaukigen Münsteraner „Tatort“ die Düse. „Fangen Sie klein an“, rät Herr von Gottberg, „im Keller kann Ihnen doch nichts passieren.“ Na, der hat Nerven, denke ich. Als hätte er das gehört, fügt er hinzu: „Gleichzeitig setzen Sie Ihrer regen Fantasie die Ratio entgegen. Sie sollen Ihre Angst ja nicht komplett ausschalten. Nur besser beherrschen.“ Ich stelle mir vor, dass sie ein Muskel ist, den ich trainieren kann. Na gut.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

ES IST ZAPPENDUSTER im Fahrradkeller. Ich bin ein bisschen aufgeregt, aber eher wie vor einer Prüfung. Die ist es ja auch. Ich spüre meinen Herzschlag. Schalte meinen Kopf ein: Wer soll denn hier auf mich warten? Ja, wo denn sonst?, fragt meine Angst. He, schön beim Plan bleiben, ermahne ich mich. Zähl halt bis hundert. Ich stehe am Fuß der Kellertreppe, widerstehe dem Reiz, nach dem Lichtknopf zu tasten. Ich zähle. Bin noch lange nicht bei hundert, aber ich komme voran. Es ist eine konstruierte Situation, und meine Angst merkt das. 78, 79, 80. In Jahreszahlen denken hilft: 81 war ich in der ersten Klasse, 82 bekam ich ein rotes Rad … und 99 begann mein Politikstudium in Münster. Licht an! Stolz laufe ich die Treppen hoch, vielleicht einen Tick zu schnell. Denn da erwischt er mich, dieser Gedanke, jemand könnte meine Fesseln packen und mich nach unten ziehen. Irre. Ja, wirklich?

Angst ist besser als ihr Ruf

Bedeutet Angst nicht auch Achtsamkeit? Warum eigentlich ist die Angst in unserer Gesellschaft ein höchstens geduldetes Gefühl? Joachim von Gottberg hatte noch etwas gesagt, das für die Angst spricht: „Ohne sie wären wir allen Gefahren des Lebens schutzlos ausgeliefert. Ihr Instinkt sagt Ihnen, wann Sie fliehen sollten. Und das ist auch gut so.“ Das erinnert mich an das Buch „Mut zur Angst“, in dem ein amerikanischer Sicherheitsberater schreibt, dass wir meist richtig liegen, wenn ein ungutes Gefühl in uns aufsteigt. Draußen in der Welt sei es sinnvoll, darauf zu hören. Aber daheim auf dem Sofa?

Ich will trotzdem noch mal raus, weil mir der Fahrradkeller doch etwas läppisch vorkam. Ich suche mir einen Ort, den ich wirklich zum Fürchten finde: ein Friedhof in der Dämmerung. Da kommt mir meine beste Freundin in die Quere: Was das bringen solle? Sie kenne kaum eine Frau, die da keine wackligen Knie bekäme, egal, ob ihr je Schlimmes angetan wurde oder nicht. Als ob alles, was Frauen je geschehen ist, im kollektiven weiblichen Bewusstsein steckt. Mal präsent, mal auf Abruf.

Mein Mann würde auf solche Ideen nicht kommen

Ich gehe trotzdem über den Friedhof, allerdings neben meinem Mann. Ein Test für ihn – ohne dass er davon weiß. Vorher zeige ich ihm Michael Jacksons „Thriller“ auf meinem Handy. Lebende Tote krabbeln aus ihren Gräbern, tanzen zerfleddert über den Friedhof. Wir spazieren durch die Parkanlage, von Kapelle 6 am Nordring in die waldigen Tiefen der Ruhestätte. Lange Schatten. Bald schließt der Friedhof. „Wenn die Tore zu sind, müssen wir hier übernachten, Süße“, sagt mein Mann und lacht gespielt scheppernd. So lacht der doch sonst nicht! Ich merke, wie leicht ich diesem Film folgen könnte. „Du fürchtest dich null, oder?“, frage ich. „Nee, wovor denn?“, fragt er. So ist das: Ein Mann würde nicht auf die Idee kommen, dass ihm hier einer an die Gurgel will. Seine Gelassenheit beruhigt mich. Am Parkplatz bin ich wieder ganz die Alte. Unser Auto steht mutterseelenallein vor der Kapelle. „Bitte leuchtest du mal auf den Rücksitz, bevor ich einsteige?“ Ich finde diese Absicherung nur logisch. Kein Zombie im Auto. Wir fahren heim, und ich bekomme einen Lachkrampf. Die Nerven, vermutlich.

Ich muss auf die Couch!

Also, auf meine eigene. Kann ich anwenden, was mir jetzt ein bisschen klarer ist? Weniger Empathie, Ratio an, Angst beherrschen. Die Jungs sind im Kino, und ich entscheide mich für „Psycho“, den Schocker schlechthin, wie gemacht für meine Phobie: Frau allein, psychopathischer Mörder, Dunkelheit. Meine Schiss-Trigger. Habe den Hitchcock-Klassiker nie zuvor gesehen, aber natürlich davon gehört. Das Setting könnte Nachwirkungen erzeugen. Ich kenne mich. Nie wieder Augen zu beim Duschen. Trotzdem. Das Licht im Flur lasse ich an. Ein gutes Gefühl, dass die Jungs nicht über Nacht weg sind. So, Film ab! Nicht zu sehr mitfühlen! Boah: Ist die verrückt, freiwillig in diesem Horrormotel einzuchecken?! Ich gebe die besserwissende Zuschauerin. Fürchte mich aber vor Normans Bates’ irren Augen. Erschrecke gar nicht mal so sehr bei der Duschszene. Sie ist einfach zu berühmt. Zugegeben, ich bin ein bisschen abgelenkt, recherchiere nebenbei, wie viele Oscars der Film bekommen hat und was die Darsteller noch so gedreht haben.

Was ist das? Ein deutliches Klacken.

Und dann fahre ich doch zusammen, da war ein Geräusch im Flur, ein deutliches Klacken. Mein Herz pumpt, ein, zwei kräftige Schläge, bis ich begreife, dass das einfach nur meine Familie ist, die aus dem Kino zurückkommt. Mensch, ich bin aber auch schreckhaft. Vielleicht sollte ich doch erst mal langsam einsteigen und mit dem Münsteraner „Tatort“ weitermachen.

STEFANIE HOEFLE ist seither noch nicht viel weiter gekommen im Tapferkeitstraining – die Männer zieht’s bei dem Wetter nicht raus