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Die große Angst, was die Kontaktsperre mit unseren Kindern macht

Ich habe Angst, was die Kontaktsperre mit den Kindern macht
© Getty Images
Es sind schon Wochen, es werden Monate... Unsere Autorin ist selbst Mutter und spürt bei sich und den anderen Eltern immer deutlicher das Gefühl, dass die Kontaktsperre zum Problem für Kinder wird.

von Miriam Kühnel

"Ich hol die Polizei! Wollt ihr, dass wir alle sterben???" Mein 6-Jähriger steht wutentbrannt auf der Straße und bepöbelt unsere Nachbarn, die ohne Abstand auf unserer Straße zusammenstehen, aufs Übelste. Mein Mann und ich greifen unseren kleinen Wutbürger so schnell wir können und bringen ihn erschrocken ins Haus. In seinen Augen glitzern Wuttränen. "Warum halten die sich nicht an die Regeln, Mama?", fragt er völlig aufgelöst und ich weiß nicht, was ich sagen soll... Ja, sie halten sich seit einigen Tagen nicht mehr an die Regeln. Und ja, natürlich ist das nicht ganz einfach auszuhalten für Kinder, deren Eltern das – wie wir  – strenger sehen. Aber seien wir ehrlich: Ich verstehe unsere Nachbarn trotzdem so gut... Denn dass es für die Kinder grausam ist, sich fern zu halten voneinander, darüber brauchen wir sicher nicht zu diskutieren.

Haben wir es mit der Angst übertrieben?

Es kostet uns einige Zeit und sehr viel Diplomatie, unseren Jüngsten zu beruhigen und ihn davon abzuhalten, in Zukunft wieder so auszurasten. Als er endlich wieder ganz normal mit seinen Schwestern spielt, sitzen mein Mann und ich zusammen und sprechen über unsere Zweifel. Haben wir es übertrieben mit unseren Warnungen? Mit dem Händewaschen? Mit den Informationen, die wir unseren Kindern gegeben haben? Wir sind eigentlich immer recht ehrlich mit unseren Kindern und sind uns sonst sehr sicher, damit gut zu fahren. Aber war es bei diesem Thema zu viel des Guten? Ist es ok, dass unsere Kinder wissen: Dieser Virus kann für Menschen tödlich sein? Auf der anderen Seite: Wie sollten wir ihnen die drastischen Maßnahmen erklären, ohne sie gleichzeitig mit dem Ernst der Lage zu konfrontieren? 

Im Grunde machen wir gerade alles falsch

Vieles, was uns als Eltern sonst wichtig ist, haben wir längst über Bord geworfen. Der Medienkonsum unserer Kinder liegt weit über dem bisherigen Pensum, da ich im Home Office arbeite, sehen sie mich andauernd selbst am Bildschirm kleben. Ihre Sorgen (zumindest die der Kategorie "Sie hat mich blöde Kuh genannt, nur weil ich grad nicht spielen will") , Anfragen und Bastelideen werden viel zu oft mit einem "Jetzt nicht, Schatz" quittiert. Und mein Nervenkostüm liegt manchmal blanker als es sollte. Ich weiß, wie wichtig es für meinen Sohn wäre, mal wieder so richtig mit einem gleichaltrigen Jungen zu toben. Und mir ist bewusst, dass meine achtjährige Tochter noch nicht die Medienkompetenz und natürlich auch noch kein Handy besitzt, um ihre Freundschaften virtuell zu pflegen. Auch die Tränen unserer Großen, die mit 14 zum ersten Mal so richtig verliebt ist und hier festsitzt, kann ich so unfassbar gut verstehen. Kurz: Ich sehe, dass es meinen Kindern nicht gut geht. Das, was gerade leider notwendig ist, könnte man kurz und bündig "nicht artgerechte Haltung" nennen. Dabei sind wir mit Geschwisterkindern und einem Garten noch in einer extrem guten Lage.

Warum ich trotzdem an den Regeln festhalte

So grausam es mir erscheint, ich halte an der Einhaltung der Maßnahmen fest. Zu eindrücklich haben sich die Bilder aus meiner alten Heimat Italien festgebrannt. Zu groß ist meine Angst, liebe Familienmitglieder zu verlieren. Außerdem möchte ich nicht davon abweichen, meinen Kindern beizubringen, dass es in unserer Gesellschaft Regeln gibt, an die man sich besser hält, auch wenn es andere nicht tun. Mit einem Papa, der Polizist ist, wäre jede andere Botschaft auch einfach nur doppelmoralisch und unglaubwürdig. Wie Verrat an den eigenen Werten fühlt sich das Abstand halten aber trotzdem an.

Was ich hoffe

Um ganz ehrlich zu sein, ich weiß selber nicht, was ich hoffen soll. Oder wofür ich kämpfen sollte. Während andere so genau zu wissen scheinen, was das Richtige ist, Petitionen starten und hitzige Diskussionen führen, strauchle ich gemeinsam mit meinen Kindern und meinen Zweifeln durch den Homeoffice-Alltag. Es gibt für alles ein Für und ein Wider. Sollen Schulen und Kitas öffnen? Brauchen wir Sondergenehmigungen in Sachen Kontaktsperre für Kinder? Darf man Erzieher und Lehrer überhaupt zwingen, sich für schnelle Schul- und Kitaöffnungen in Gefahr zu begeben? Schließlich kann der Virus auch junge Menschen ohne Vorerkrankungen sehr hart treffen... Ich habe auf all diese Fragen keine eindeutige Antwort. Und nichts liegt mir ferner, als wutblind Schuldige zu suchen oder einen anderen Umgang mit dieser Situation zu verurteilen. Ich glaube, dass die meisten von uns verunsichert sind. Unsere Kinder. Wir. Die Verantwortlichen. Alle. Und dagegen wird am Ende nur ein wirksamer Impfstoff ankommen...


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