Die Wahrheit ist: Nach zehn Jahren hat niemand mehr sieben Mal die Woche Sex

Unsere Autorin ist sicher: Das mit dem Geschlechtsverkehr wird das in allen Beziehungen mit der Zeit weniger. Und deswegen muss sich auch keiner schlecht fühlen. 

von Linda Rosenheimer

Über Sex spreche ich eigentlich nicht. Ich finde, es geht keinen etwas an, was mein Mann und ich da so in den Laken oder wo auch immer treiben. Oder eben auch nicht. Aber zum Wohle der Menschheit möchte ich mich an dieser Stelle doch mal zum Thema äußern. Ich glaube nämlich, dass alle immer denken, dass die anderen immer mehr Sex haben als sie selbst. Vermutlich weil alle so sind wie ich –  und nicht so gern darüber reden wollen. 

Wann soll ich denn Serien auf Netflix gucken? 

Als ich neulich abends aber den ein oder anderen Gin Tonic zu viel hatte, brach ich ganz gegen meine Gewohnheit das Schweigen. Es ging um Heidi Klum und darum, dass sie ja , wenn man ihrem Instagram-Account traut, nur noch im Bett oder knutschend woanders mit ihrem jungen Lover Tom Kaulitz zu sehen sei. Da sprudelte es aus mir raus: "Sind die nie müde? Das wäre mir alles viel zu viel. Wie schaffen die das bloß?"

Mit dem emotionalen Ausbruch, der darauf folgte, hatte ich nicht gerechnet. "Danke, dass du das so sagst. Ich hatte schon Angst, das ist nur bei uns so", rief meine Freundin Katharina erleichtert. Sandra brüllte fast: "Euch kann ich es ja sagen. Endlich. Ich kann mich an das letzte Mal gar nicht erinnern." Ich so: "Ich frage mich auch, wie das öfter als einmal die Woche gehen soll, irgendwann muss man ja auch schlafen, arbeiten und den Haushalt machen. Und dann sind da dauernd die Kinder, die irgendwas wollen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich noch Serien auf Netflix gucken möchte."

Anders als bei Heidi K. sind unsere potenziellen Sexpartner übrigens alle über 40. Außerdem sind sämtliche Protagonisten des Gesprächs weder frisch verliebt, noch unter 30. Ganz im Gegenteil: Wir kennen unsere Männer alle länger als zehn Jahre und sind über 40. Das nur mal zur Erklärung...

Nach 22 Uhr? Das ist zu spät!

Auf jeden Fall entstand an diesem Abend eine rege Diskussion, die ganz wunderbar ehrlich war. Nach und nach offenbarte jede der fünf Anwesenden, dass es sehr viel weniger Sex in ihren langjährigen Beziehungen als noch vor fünf oder zehn Jahren gäbe. Oder eben vor den Kindern. Und dass man sich es auch gar nicht anders vorstellen könne. Das Bemerkenswerte daran war aber: Keiner fand das besonders schlimm, sondern dachte nur, es MÜSSTE eben mehr sein. Weil das nun mal so ist – und alle anderen auch mehr haben.

Laut einer Umfrage des Kinsey Institutes, dessen Wissenschaftler an der Universität von Indiana über Sexualität und Partnerschaft forschen, sollen 34 Prozent der verheirateten Paare mindestens zweimal die Woche GV haben, 45 Prozent ein paar Mal im Monat und etwa 13 Prozent ein paar Mal im Jahr. Ich persönlich finde zweimal die Woche ziemlich spitze, das klingt für mich nach wildem Sexleben. Höhepunkt meines Gesprächs mit den Freundinnen war übrigens, als Katja bemerkte, dass ihr Mann schon wisse, dass er nach 22 Uhr gar nicht mehr anfragen müsse – das sei ihr viel zu spät.

Mal ehrlich, hier wird doch gelogen!

Übrigens sind es nicht nur die Frauen, die immer Migräne vortäuschen. Auch Männer haben manchmal keinen Bock. Das hat natürlich unter anderem mit stressigen Lebensumständen zu tun – und mit Alter: Die 30- bis 39-Jährigen haben im Schnitt laut Umfrage 1,65 Mal pro Woche Sex. Bei den 40- bis 49-Jährigen kommt es dagegen nur noch durchschnittlich 1,33 Mal in der Woche zum Akt. Ich möchte an dieser Stelle sagen, dass ich diesen Zahlen ohnehin nicht traue. Da wird doch gelogen, genau wie bei den Gehältern der Männer und den Noten der Kinder. Als ob man einem Wildfremden bei so intimen Dingen ehrliche Auskunft geben würde!

Sicher bin ich allerdings, dass meine Freundinnen aufrichtig an diesem Abend sagten, wie es bei ihnen abläuft. Das klang mehr nach zweimal im Monat – und das ist auch völlig okay so. Alle haben Kinder, alle haben Jobs, alle haben Freunde, ein Hobby und ein Netflix oder Amazon Prime-Abo. Wann soll man da noch Sex haben? 

Interessant wird dieses Gespräch übrigens wieder in zehn Jahren. Wenn die Kinder älter oder aus dem Haus und wir alle nicht mehr so müde sind. Bis dahin allerdings glaube ich niemandem mehr, dass er mehr als einmal die Woche Sex hat – es sei denn, es ist Heidi Klum oder eine Pornodarstellerin, die das behauptet. Erzählen kann ja jeder viel. 





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