Dyskalkulie: Mathe-Hausaufgaben sollten kein Familiendrama sein

Rechnen lernen kann jeder Mensch mit Grips im Kopf? Falsch gedacht. Etwa 3 bis 7 Prozent aller Menschen haben Dyskalkulie. Mit fehlender Intelligenz hat das rein gar nichts zu tun.

von Miriam Kühnel

Es gibt so ein paar Themen auf der Welt, da möchte man gerne mal so richtig laut werden. Und das einfach nur, damit es jeder hört. Dyskalkulie ist so ein Thema. Während Legasthenie wenigstens den meisten Menschen ein Begriff ist und zumindest in den meisten Köpfen angekommen ist, dass die Lese-Rechtschreibschwäche weder durch mangelnden Fleiß, noch durch fehlende Intelligenz erklärbar ist, haben von Dyskalkulie die wenigsten gehört. Dabei kennen wir alle sicher ein paar Menschen, die jeden Tag damit kämpfen. Denn Dyskalkulie betrifft drei bis sieben Menschen von hundert. 

Dyskalkulie sagt nichts über Intelligenz aus

Das Wichtigste vorweg: Dyskalkulie sagt nichts über Intelligenz aus. Im Gegenteil: Unter den Betroffenen gibt es auffällig viele Menschen mit Hochbegabungen und überdurchschnittlichem IQ. Dyskalkulie ist einfach nur eine Beeinträchtigung des arithmetischen Denkens. So wie andere Menschen sich schlecht Namen merken können, Wege nicht wiederfinden oder erst am nächsten Tag auf eine schlagfertige Antwort kommen, ist bei Menschen mit Dyskalkulie eben das Verständnis für mathematische Zusammenhänge, Mengen und Rechenlogik eingeschränkt. Ein Teilbereich, der in einer konsum- und finanzorientierten Gesellschaft nur etwas stärker auffällt als ein schlechter Orientierungssinn oder ein miserables Namensgedächtnis.

Kinder mit Dyskalkulie haben oft langen Leidensweg 

Bevor Dyskalkulie diagnostiziert wird, haben Kinder oft bereits einen langen Leidensweg hinter sich. So wie Lina. Innerhalb des ersten Schuljahres verwandelte sich das selbstbewusste, aufgeweckte Mädchen in ein sehr ruhiges und ängstliches Kind. Die Eltern waren ratlos, die Lehrer angestrengt, die Freunde irritiert. Spätestens bei den Mathe-Hausaufgaben kostete Linas "Unkonzentriertheit" die Eltern und Lina den letzten Nerv. Bis irgendwann der erlösende Verdacht aufkam: Vielleicht – wagte die Mathelehrerin einen vorsichtigen Kommentar – habe Lina ja Dyskalkulie. Nach wenigen Tests war klar, sie hatte recht. Dass Lina an leichtesten Aufgaben scheiterte, war keine Frage des Willens. Auf die Art und Weise, auf die andere Kinder zählen und rechnen lernen, würde Lina niemals ein Verständnis für Mengen und Zusammenhänge entwickeln können. Menschen mit Dyskalkulie brauchen eine andere Form des Lernens.

Diagnose Dyskalkulie ist kein Drama

Schönreden braucht man die Beeinträchtigung nicht. Mit Dyskalkulie zu leben, ist manchmal kompliziert. Aber zum Glück gibt es mittlerweile eine Menge Spezialisten, die genau wissen, auf welche Weise trotzdem das Rechnen erlernt werden kann. Je nach Ausprägung ist es möglich, zumindest für Alltagsanforderungen einen guten Werkzeugkoffer zu packen, sodass das Geld abzählen an der Kasse nicht zur Horrorvorstellung wird. Auch in der Schule muss die Diagnose nicht zwangsläufig zu einem schlechten Zeugnis führen. Genau wie bei Legasthenie kann aus pädagogischen Gründen die Benotung in Mathematik ausbleiben. Voraussetzung hierfür ist die fachgerechte Diagnose. Auch bieten sich bei Teileinschränkungen Schulformen an, in der die Bewertung nicht im Notensystem erfolgt, so wie in vielen Gesamtschulen. Überhaupt sind Gesamtschulen für Kinder mit Dyskalkulie oder Legasthenie eine feine Sache. Denn dort können sie je nach Fach auf unterschiedlichen Niveaus arbeiten. 

Lasst uns offen darüber reden

Wenn Schulen und Ärzte gut informiert sind, macht das für Betroffene alles etwas leichter. Wirklich ausreichend ist das aber nicht. Im Grunde sollte jeder wissen, dass es diese Form der Beeinträchtigung gibt und dass sie rein gar nichts über die sonstigen Fähigkeiten eines Menschen aussagen. Wäre es nicht toll, wenn Menschen an der Kasse sagen könnten: "Bitte zählen Sie mal kurz 53 Cent ab. Ich habe Dyskalkulie." Genau wie kleine Menschen große fragen, ob sie ihnen die Tube aus dem obersten Regal mal eben reichen? Vielleicht wird das auch irgendwann so sein. Denn dass vier bis sieben von hundert Menschen sich für etwas schämen, was viele der anderen nicht einmal kennen, passt irgendwie nicht zu der Tatsache, dass wir doch eigentlich verdammt gut informiert sind. Über den Lidstrich von Meghan, den Friseur von Michelle Obama und das Wetter in Timbugdu. Umso lauter schreien wir es noch einmal in die Welt: Dyskalkulie hat nichts mit Dummheit, nichts mit Faulheit und nichts mit Unwille zu tun. Arithmetik ist einfach nur eines von vielen Dingen, die einige Menschen gut auf die konventionelle Weise erlernen können und andere nicht. Und dafür sollten sich Menschen wie Lina nicht schämen müssen.


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