VG-Wort Pixel

Elternbeirat – das Guantanamo der Elternabende

Elternbeirat
© Getty Images
Unsere Autorin hat schon viel erlebt. Aber der Elternbeirat ist für sie immer wieder ein ganz spezielles Paralleluniversum.
von Marie Stadler

Ich habe es wieder getan. Drittes Kind, dritte Kitagruppe, drittes Mal derselbe Fehler: Ich habe mal wieder die Klappe zu weit aufgerissen auf dem Elternabend und werde nun mit einer Leidensgenossin ungefragt in den Elternbeirat gewählt. Widerstand zwecklos, die Erzieher sehen auch so schon völlig fertig aus. Was vor allem daran liegt, dass ihnen von den meisten besetzten und vor allem all den unbesetzten Plätzen gähnendes Desinteresse entgegengebracht wird. Ein Nein würde ihnen den Rest geben, also schreibe ich augenrollend meinen Namen ins Protokoll und weiß schon jetzt: Das werde ich bitter bereuen.

Die Elternelite unter sich

Seit diesem denkwürdigen Abend sitze ich nun also – mal wieder – Monat für Monat auf der Elternbeiratssitzung. Gähnendes Desinteresse findet man dort nicht. Denn an diesen Abenden ist man nun endlich unter sich. Wir, die engagierten Eltern. Wir, die wir uns über all jene erheben, die ihren Kindern Milchschnitten in die Brotbox legen. Wir, die wir Ausflüge begleiten, Kuchenbuffets bestücken, Wechselkleidung spenden und über die "anderen" sprechen, als gehörten wir nicht dazu. Dabei weiß ich ganz genau, dass ich auch gut und vor allem gerne eine von denen sein könnte. Gut, die Milchschnitte wäre es vielleicht nicht, aber vielleicht würden meine Mäuse ab und zu eine Möhre weniger und dafür einen Keks mehr in ihren Boxen entdecken, wenn ich nicht aus Versehen Mitglied des Elternbeirats, also des selbsternannten Best-Mums-Clubs wäre. Mums – gutes Stichwort, denn nirgends wird so abartig gegendert wie bei Schul- und Kita-Veranstaltungen. Da erreichen Klischees plötzlich ungeahnte Sphären!

"Der starke Mann" und "die fleißige Mutter"

Der Elternbeirat tagt also: Neun Mütter und drei Väter haben sich hinreißen lassen. Der eine freiwilliger, der andere weniger freiwillig. Aber die Dynamik zieht. Nach fünf Minuten Diskussion sind wir alle voll drin. Als hätten wir sonst nichts zu tun im Leben, planen wir Sommerfeste, Themenwochen und diskutieren im Grunde alles, was auch in den vergangenen zwanzig Jahren diskutiert und doch nie geändert wurde. Besonders interessant ist die Aufteilung zwischen Männern und Frauen. Letztere diskutieren Alltagsfragen, zwei der Väter schalten sich immer nur dann ein, wenn die Mütter sich im Kreis drehen. Mit einem ultralässigen Mansplaining-Vortrag allererster Güte schmeißen sie mit selbstgefälligem Grinsen einen verbalen Rettungsring. Zurück bleiben fragende Gesichter, weil betreffende Männer maximal zwei Mal im Monat die Kita betreten. Mehr muss man zur Realitätsferne der Wortbeiträge nicht sagen. Dritter Mann ist tatsächlich ein Phänomen, das es in fast allen Runden gibt: Dieser eine Vater, der die personifizierte Gleichberechtigung verkörpert. Er ist derjenige, dem auffällt, dass im Elternbrief "starke Männer" und "fleißige Helfermuttis" gesucht werden. Ob das nicht etwas sexistisch wäre, fragt er. Und ich will ihn knutschen. Ist hier halt jetzt nur nicht so der passende Rahmen.

Wenn die Aggro-Bombe platzt

Das Sich-im-Kreis-drehen und das dumpfe Gefühl, dass der eigene Name nun doch irgendwie auf zu vielen Ansprechpartner-Listen gelandet ist, macht uns unterschwellig aggressiv. Bis einer platzt. Wie immer. Die Debatte um die Frage: "Was, wenn das Kind mit 3 nicht mehr schlafen soll am Mittag" eskaliert auf einem Niveau, das sonst nur Merkel und Seehofer erklimmen. Dem Scheidungsvater wird vorgeworfen, dass er keine Ahnung von Kindern habe, die Kita-Leiterin befindet sich längst im Kreuzfeuer, die Pastorenfrau wird als Glucke beschimpft. Und ich denke: Herzlich Willkommen in Guantanamo!

In der Schule wird es noch schlimmer

Ein einziges Mal ist mir das mit dem Elternbeirat auch in der Schule passiert. Kurz nicht aufgepasst, zack, war ich Vertreterin. Das Problem ist nur, dass ich die teilweise völlig verrückten Interessen der Eltern gar nicht vertreten wollte. Der eine kämpfte heroisch für das Handy als Grundrecht für Achtjährige auf der Klassenfahrt. Der nächste wollte wissen, warum der erste Name im Deutschbuch ALI ist. "Is ja voll nicht deutsch"... Der Dritte war dafür, dass die Klasse für 600 Euro ins Disneyland fährt und der Vierte wollte sein Kind auch von "Werte und Normen" abmelden, weil das ja nicht SEINE Werte und Normen sind, die da gelehrt werden. Nee, is klar. All das werd ich ganz sicher nicht vertreten. Vom Beirat an und für sich will ich gar nicht sprechen. Wenn Kita-Beiräte Regionalliga sind, spielt man ab der ersten Klasse auf Bundesebene. Da versteht echt keiner mehr Spaß. Denn es geht ja um die Bildung.

Beiräte - eine realitätsferne Parallelwelt

Doch zurück zur Kita: Das größte Problem von Elternbeiräten ist die Umsetzung. Denn was zwischen ein paar überengagierten Eltern ausgegoren wurde, muss dann ja im Allgemeinen umgesetzt werde. Und ich will es mal so sagen: Was interessiert die Gaby aus der Hoferstraße, was die Helene aus dem Geigerviertel über die Milchschnitte in der Brotbox oder fehlende Wechselwäsche denkt? Auch dass das Sommerfest stattfindet, ist jetzt nicht unbedingt für jedes Elternteil ne Topnachricht. Und so stehen die Beiratsmuttis im August einsam hinter Ständen voller selbstgebackenem Kuchen, verkaufen das gute Zeug zu Gunsten der Kita und haben trotzdem noch nichts gegen die Milchschnitte ausgerichtet. 

Dafür können sie sich wenigstens auf die Beiratspapis verlassen. Die kaufen nämlich gerne Kuchen und erklären ihren weiblichen Kollegen, dass alles viel besser klappen würde, wenn man die Apfelsaftflaschen links hinstellen würde. "Just saying. Und tschüssi." Wie nett!


Mehr zum Thema


MEHR ZUM THEMA