VG-Wort Pixel

Unaufgeräumt Expertenrat: Bloß nicht das Jugendzimmer putzen!

Sandra Winkler: eine Frau sitzt nachdenklich auf einem Bett inmitten von Klamotten
© New Africa / Adobe Stock
Dass Teenager kein allzu großes Interesse an Ordnung haben, ist bekannt, aber trotzdem eine neue Erfahrung für unsere aufgeräumte Autorin. Etwas unfreiwillig probiert sie, das auszuhalten.

Ständig, wirklich ständig kämpfe ich gegen das Durcheinander meiner schludrigen Mitmenschen an. Im Hausflur rücke ich die Fußmatten der Nachbarn gerade, auf den Schreibtischen meiner Kollegen schiebe ich deren Unterlagen zusammen, selbst im Urlaub mit Freundinnen räume ich deren herumfliegende Klamotten in Schubladen und Schränke. Ich kann einfach nicht anders. Ich liebe Ordnung. Oder besser gesagt: Ich kann Unordnung schlichtweg nicht ertragen.

Bei mir zu Hause herrscht natürlich absolute Aufgeräumtheit. Mein Freund hat längst all seine chaotischen Züge abgelegt. Und die Zimmer meiner beiden Töchter habe ich vorsorglich mit jeder Menge Stauraum ausgestattet: mit Kisten, Kommoden, Setzkästen und sogar einem Rollwagen mit vier Körben, in denen wir alles verstauen können. Das lief bislang ganz gut.

Bislang. Meine große Tochter ist jetzt zwölf Jahre alt, und mit der Pubertät scheint sich das akute Chaos in ihrem Kopf und Körper direkt auf ihr Zimmer zu übertragen. Milla kommt damit ziemlich gut klar. Ich gerate an meine Grenzen. Versuche, meinem Erziehungsauftrag nachzukommen, aber diese Mischung aus Empfehlungen, Ansagen und Gemecker bringt mich nicht weiter. Und in Küche, Bad und Flur knicke ich sowieso sofort ein, räume ihr hinterher. Aber das Hauptproblem – mein Hauptproblem! – ist Millas Zimmer. Manchmal, wenn sie nicht zu Hause ist, schichte ich ein paar Dinge zu Stapeln, sammle benutztes Geschirr ein und rieche verstohlen an Kleidungsstücken, ob diese vielleicht in die Wäsche müssen. Rückt der Dienstag näher, werde ich nervös und aktiv. Denn dann kommt unsere Haushaltshilfe Dagmar. Wie peinlich wäre es, wenn sie sich mit dem Staubsauger durch alte Unterhosen und Essensreste arbeiten müsste! Doch obwohl ich Dagmar eifrig den Weg freiräume – einen halben Tag später sieht es wieder aus wie vorher. Das darf doch nicht wahr sein!

Der Profi soll helfen

Ich brauche professionelle Hilfe und rufe lieber gleich eine Koryphäe an: Jan-Uwe Rogge, Erziehungsberater, Verhaltenswissenschaftler – der wird wissen, was man gegen Verwahrlosung von Teenagern tun kann. Ich erwarte gepflegte Tipps. Stattdessen antwortet er auf meine Frage, was ich unternehmen kann: "Nichts. Und lassen Sie die Finger vom Jugendzimmer!"

Wie Bitte? Ich soll meiner Tochter dabei zusehen, wie sie im Chaos versinkt? Das klingt für mich nach aufgeben. Aber tatsächlich, ich habe das nachrecherchiert, sind sich Pädagogen hier einig: Eltern, die wie Ordnungswichtel durch die Zimmer ihrer Teenager fegen, verletzen deren Intimsphäre. Und das ständige Genöle "Wie sieht das denn hier schon wieder aus?" führe sowieso zu nichts – außer zu Streit.

Also gut. Auch wenn es sich anfühlt, als würde ich meine Tochter dazu ermuntern, derbe Schimpfworte zu benutzen, will ich mindestens eine Woche lang ihr Chaos Chaos sein lassen. Ich werde weder eingreifen noch sie zur Ordnung ermahnen. Was sie im Rest der Wohnung herumliegen lässt, schmeiße ich kurzerhand in ihr Zimmer. Ob ich das durchhalte?

Tag eins. Irgendwie bin ich erleichtert. Bisher wollte ich Milla unbedingt zu einem ordentlichen Menschen erziehen. Jetzt kann ich mir und anderen sagen: Ja, meine Tochter wohnt in einem zugemüllten Zimmer, aber Pädagogen befürworten das.

Zugegeben: Insgeheim habe ich die Hoffnung, dass mein Experiment Millas Einstellung ändert. "Kinder lernen nur aus Konsequenzen", hatte Jan-Uwe Rogge gesagt. Würde ich zum Beispiel damit aufhören, ihre schmutzige Wäsche aus dem Zimmer zu holen, müsste sie irgendwann mit dreckigen Unterhosen in die Schule gehen. Und wer will das schon? Tatsächlich steht meine Tochter nach ein paar Tagen vor mir und beklagt, dass ihr die sauberen Socken ausgegangen sind. Siehste, denke ich. Aber keine Spur von Verzweiflung bei ihr. "Ich nehme mir welche von dir", sagt sie und zieht ein Paar aus meiner Schublade. Wahrscheinlich bin ich bald diejenige, die mit müffelnden Füßen das Haus verlassen muss.

Die Tür bleibt zu

Ein paar Tage später ist Dienstag. Dagmar-Tag. Gleich bei ihrer Ankunft weihe ich sie in mein Experiment ein. Wir gehen zum Zimmer der Schande. Die Tür lässt sich gut öffnen, aber dann sieht es so aus, wie ich vermutet hatte: Klamottenberge, eine halb leere Limoflasche, Arbeitsblätter mit Eselsohren, Geldstücke. Dagmar schüttelt den Kopf. Wir schließen die Tür. Eine Taktik, die für mich auch funktioniert, wenn Dagmar nicht da ist: die Tür einfach geschlossen halten. Inzwischen gehe ich an Millas Zimmer vorbei – ohne dass ich das Chaos rufen höre "Es könnte alles so schön sein, wenn du mich jetzt aufräumst". Geht besser, als ich dachte.

Aber manchmal möchte man die eigene Tochter ja doch mal sehen, deshalb wage ich eines nachmittags einen Blick in ihr Zimmer. Ganz entspannt sitzt Milla am Schreibtisch, hat sich etwa 30 Quadratzentimeter freigeschoben, um Hausaufgaben zu machen. Gleich daneben: ein Apfelgehäuse. Seit wann mag das da liegen? Ihr scheint das Durcheinander gar nicht aufzufallen. Ich kann nicht an mich halten und muss nachfragen: "Und dir geht’s gut in diesem Saustall?" Klar! Sie wisse immer noch genau, wo all ihre Sachen sind. Ich besinne mich, nicke freundlich. Meine Tochter lächelt zurück. Immerhin: Die Stimmung zwischen uns war lange nicht mehr so gut.

Ich sollte mich mehr in Gelassenheit üben. Oder sogar mit dem Chaos anfreunden? In der Psychologie gibt es ja das Konfrontationsverfahren – eine Intervention aus der Verhaltenstherapie. Wer zum Beispiel Spinnen nicht ertragen kann, verliert Angst und Ekel durch schrittweise Annäherung an die Tierchen. Als meine Tochter morgens in der Schule ist, gehe ich also in ihr Zimmer und setze mich mitten rein ins Tohuwabohu. Da ich bereits die Krise kriege, wenn große Bücher auf kleinen liegen, kann ich mich nur schwer beherrschen, nichts anzufassen. Dieses Durcheinander regt mich so auf. Ich muss Ruhe bewahren und sage laut "Stopp!", damit ich mich nicht in diese Aufregung hineinsteigere, "Stopp!", noch mal und noch mal. Auch diese Methode kommt aus der Verhaltenstherapie und soll unerwünschte Gedanken beenden. Nein, ich will hier nichts aufräumen. Alles gut, so, wie es ist. Ich rühre nichts an. Zehn unangenehme Minuten sitze ich so da – und bin froh, den Raum wieder verlassen zu können. Schnurstracks gehe ich in das Zimmer meiner kleinen Tochter und sortiere ihre Stiftebox. Danach falte ich Wäsche. Herrlich! Wie schön, dass sich dieses Chaos nur auf eine Ekel-Enklave in meiner Wohnung beschränkt.

Struktur im Chaos

Auch an den kommenden Tagen gehe ich für meine Übungen wieder in Millas Zimmer und konfrontiere mich mit dem Durcheinander. Es kostet mich Überwindung.Aber langsam beginne ich auch, Strukturen zu erkennen. Der rote Schnellhefter zum Beispiel befindet sich tagelang an derselben Stelle, getragene Kleidung landet immer auf demselben Haufen. Ich habe mal gelesen, unordentliche Menschen hätten eine ganz eigene Ordnung. Was sie häufig benutzen, liegt oben – auf den Dingen, die sie seltener brauchen. Vielleicht kann ich mich mit diesem Gedanken besser in Milla hineinversetzen. Sie will mich mit ihrer Unordnung ja nicht ärgern.

Ich frage mich, wie schlimm ich eigentlich selbst als Jugendliche war. Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht erinnern. Ich rufe meine Mutter an. "Bei dir war auch nie aufgeräumt", sagt sie. Meistens habe sie für Ordnung gesorgt. Aber einmal ist es ihr auch zu bunt geworden, und sie hat nichts mehr gemacht – bis ich dann fassungslos vor meinem Zimmer gestanden und gesagt haben soll: "Das kriegen wir nie wieder hin!" Was hat das zu bedeuten, dass ich mich nicht einmal an diesen kleinen Schockmoment erinnere? Fakt ist: Meine Mutter hat dann wieder übernommen. Traurig, ich weiß.

Wie wird es bei uns weitergehen? Wird Milla sich irgendwann auch nicht mehr erinnern, was wir für ein Thema mit ihrer Unordnung hatten? Kurz bevor das Experiment zu Ende geht, passiert etwas völlig Unerwartetes. Nein, Milla hat nicht ihr Zimmer aufgeräumt, zeigt mir aber stolz unseren Kühlschrank: "Guck mal!" Ich staune: Die Schafskäseblöcke sind akkurat gestapelt, das Gemüse liegt parallel ausgerichtet in seinem Fach. Und hat das Kind etwa die klebrigen Ränder der Marmeladengläser abgewischt? Schlummert letztendlich eine noch krassere Version meines ordentlichen Ichs in ihr? Das würde mir dann wiederum Angst machen.

Barbara

Mehr zum Thema