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Haus-Erpel Charlie Aus einem Ei wurde Liebe

Haus-Erpel Charlie: Erpel Charlie
© Enver Hirsch / Barbara
Okay, unsere Autorin brauchte etwas Zeit, bis der wilde Erpel ihr Herz vollends erobert hatte. Aber der: lässt nun mal nicht locker. Von der besonderen Erfahrung, ein Ei ins familiäre Nest gelegt zu bekommen. 

Etwas muss das Ententier falsch verstanden haben. Es gibt nämlich deutliche Anzeichen dafür, dass Charlie glaubt, ein Hund zu sein. Wie er im Hausflur vor dem Schuhregal auf seiner persönlichen Fußmatte thront. Aufgebracht schnattert, wenn Besuch vor der Tür steht oder einer von uns nach Hause kommt. Wie er nach Schnürsenkeln schnappt oder lieber noch in Fersen zwickt. Hier ist übrigens Vorsicht geboten, denn: Enten, die bellen, beißen meist auch. Und so ein Entenbiss kann verdammt wehtun.

Haus-Erpel Charlie: Ente Charlie knabbert gern an Schnürsenkeln
Lieblingshobby: anderen an die Senkel gehen
© Enver Hirsch / Barbara

Charlie ist ein Stockenten-Erpel. Dass er was vom Hund hat, liegt an unserer Hündin Maja, die sich seiner annahm, als er zu uns kam. Dass Charlie zu uns kam, liegt an meinem Bruder – und lange zurück.

Wie alles begann

Frühling 2003, Familienspaziergang an der Elbe. Meine Eltern, meine damals voll in der Pubertät steckende Schwester, unsere beiden Brüder, Terrier-Schnauzer-Mischling Maja und ich, die Kleinste, damals neun Jahre alt. Immer schön am Fluss entlang, ein Wochenendklassiker, denn einen anderen Hotspot gab es in unserem Dorf auch nicht. Und ich glaube, der Einzige, der das wirklich nie öde fand, war der jüngere meiner Brüder, damals zwölf Jahre alt. Der ist immer gleich ab durchs Schilf, Richtung Wasser. Nur an jenem Tag war er schon wenige Minuten später zurück, bisschen außer Atem und wirklich aufgeregt: "Guckt mal!" In seinen Händen: ein Ei. Die Schale leicht angebrochen. "Das lag da einfach so zwischen den Steinen", beteuerte er. Wir guckten uns um, näherten uns langsam der Fundstelle. Weit und breit kein Vogel, kein Nest, keine weiteren Eier zu sehen.

Meine Eltern sind diese Art von Tierfreunden, die sich von einem Maulwurf gern den ganzen Garten umgraben lassen, die sogar ein Wespennest am Haus dulden – das Ei kam also mit. Heute wissen wir, dass man so eine Entscheidung nicht selbst treffen darf, sondern dass diese dem für das Gebiet zuständigen Jagdpächter obliegt. Ob wir damals illegal gehandelt haben? Keine Ahnung. Aber nun ist es für die Frage eh zu spät.

Vom Findel-Ei zum Haus-Erpel

Ein Freund von meinem Opa hatte eine Brutmaschine, da kam das Findel-Ei rein. Wir wussten noch nicht mal, von was für einem Vogel es ist. Und dass darin wirklich noch Leben steckte, glaubte sowieso niemand. Doch nach etwa drei Wochen rief Opa an: "Da ist jetzt was geschlüpft. Eine Ente." Also schnell einen leeren Schuhkarton mit einem Handtuch ausgelegt und los ging’s, begleitet von Unglauben und Überforderung. Tatsächlich, ein Küken! Und jetzt?

Das kleine Flauschknäuel mit Piepsstimme durfte mit ins Wohnzimmer, wo es von der ganzen Familie samt Hund bestaunt wurde. Was Haustiere angeht, hatten wir schon alle Klassiker durch: Hunde, Hamster, Wellensittiche, Fische. Aber so ein wildes Entenküken auf dem heimischen Berberteppich war neu. Weil noch nicht klar war, ob wir es mit Ente oder Enterich zu tun hatten, musste der Name neutral sein: Charlie. Wochen später entwickelte sich der adrette grüne Erpel-Schimmer an seinem Köpfchen.

Meine Mutter durchwälzte Enten-Fachliteratur. Auf Charlies Speiseplan standen Brennnesseln, Löwenzahn, Körnerfutter und – ganz wichtig – frisch ausgegrabene Würmer und Schnecken. Noch heute seine Leibspeise. Neben Spätzle, die meine Mutter extra für den verwöhnten Erpel kocht, denn "die isst er doch so gerne".

Charlie ist seit 18 Jahren bei uns.

Für weitergehendes Wildvogel-Wissen befragten meine Eltern dann einen befreundeten Biologen: "Ach, sobald der seine Flugfedern hat, ist er weg", wusste der. "Spätestens in einem halben Jahr." Nun ja, nicht ganz. Charlie ist – übrigens vollkommen freiwillig – seit 18 Jahren bei uns. Das konnte tatsächlich niemand ahnen, denn in freier Wildbahn sind für Stockenten wie ihn wohl zehn Jahre das Maximum.

Glücklicherweise haben wir einen großen Garten, und glücklicherweise war selbst ich damals langsam aus dem Alter raus, in dem man noch eine Sandkiste oder ein Spielhaus braucht, auch wenn mich der Abschiedsschmerz unerwartet traf: Die Sandkiste musste einem Teich weichen, das Spielhaus wurde zum Entenstall, mein Vater legte sich richtig ins Zeug. Und irgendwie musste sogar ich meinen Platz als Familien-Küken räumen.

Haus-Erpel Charlie: Entenhaus im Garten
Guter Stall: das ehemalige Kinderspielhaus – in Entenschnabelgelb
© Enver Hirsch / Barbara

Charlie bestach alle mit purer Niedlichkeit. Auch mich. Doch er wurde älter – und frecher. Spätestens als ich im Sommer nicht mehr barfuß in den Garten gehen konnte, ohne von seinem harten Entenschnabel attackiert zu werden, war es ein bisschen vorbei mit meiner Zuneigung. Er und ich waren wohl zeitgleich in der Pubertät gelandet. Er wusste, womit er mich triezen konnte, und ich hatte nun sowieso andere Sachen im Kopf, als mit einer Ente im Garten zu spielen. Irgendwann war mir unser ungewöhnliches Familienmitglied richtig peinlich – voll uncool, so eine Ente als Haustier. Konnten wir nicht einfach ganz normal sein?

Mit Charlie und meinen Brüdern war das anders, die rangelten miteinander, nutzten jede Gelegenheit, um mit dem frechen Stück ihre Kräfte zu messen, jeder steckte mal ein, keiner nahm’s dem anderen krumm, Teenie-Jungs unter sich. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb Charlie auch heute noch freudig ausflippt, sobald er die Autos meiner Brüder auf den Hof fahren hört. Sein lautes Quaken überschlägt sich, er stürmt mit langem Hals auf sie zu, die letzten Meter hebt er sogar etwas ab und liefert sich dann ein wildes Duell mit ihren Schnürsenkeln. Ich werde mit etwas Geschnatter und einem treffsicheren Biss in den Schuh abgefertigt.

Das ein oder andere Mal flog Charlie weg. Rüber zu den Nachbarn, auch mal bis zur Hauptstraße. Einmal war er sogar eine ganze Nacht verschwunden, und was damals in der Dunkelheit geschah, bleibt für immer sein Geheimnis. Aber er kam dann immer wieder die Einfahrt hinaufgewatschelt. Und so kamen wir nie an den Punkt, uns überhaupt vorstellen zu müssen, wie es ohne ihn wäre.

Ob Charlie einsam ist, ganz ohne Artgenossen?

Eines Sommers landete ein Stockentenpaar auf seinem Gartenteich. Und Charlie? Hätte nichts weniger interessieren können. Das spricht vielleicht doch gegen die These, er nehme an, ein Hund zu sein – sonst hätte er die beiden ja vom Hof gejagt. Aber diese Besucher ignorierte er. Er hat andere Freunde. Zum Beispiel den Stoffeisbären, den wir ihm, als er noch ein Küken war, in den Karton legten und neben dem er heute immer noch einschläft. Vor allem zu unserer Hündin Maja hegte er eine besondere Beziehung. Anfangs behütete sie ihn wie ihren eigenen Welpen. Später ließ sie seine Angriffslust geduldig über sich erge-en. Wie wir alle. Als Maja vor fast zehn Jahren starb, stupste er sie noch einmal mit dem Schnabel, zuppelte an ihrer Decke – kein gewohntes Knurren mehr von ihr.

Aber mit Charlie fühlt es sich doch noch ein wenig so an, als wäre ein Hund im Haus. Seitdem er alt ist und drinnen übernachten darf, da er laut meiner Mutter "doch nicht mehr so gerne draußen ist", hat er Majas Platz im Flur eingenommen.

Charlie scheint es gemütlich zu finden in unserem Nest, wir Kinder verließen es nach und nach. Erst meine große Schwester, dann ich, und unsere Brüder auch irgendwann. Gelegentlich erzähle ich neuen Bekanntschaften von unserem abgedrehten Haustier. Charlies Geschichte sorgt für Staunen, Lachkrämpfe, sogar für Neid. Und mir ist längst klar: So uncool ist er gar nicht, dieser wilde Erpel mit ausgeprägter Tendenz zum Wachhund.

Barbara

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