Helft mir! Ich bin immer die Letzte, die was schnallt

Es gibt so Leute, die haben diese bestimmte Begabung: Die sind wie Trüffelschweine für Gefühle. Sie nehmen jede Stimmung im Raum wahr uns wissen immer ganz genau, wie es einem geht.

von Theresa König

Meine Kollegin zum Beispiel. Die ist so eine. Die kann schlichten, bevor überhaupt ein Streit entstanden ist, und sie reicht einem schon das Schokoherz rüber, bevor man nur gesagt hat, dass man mit schlechter Laune aufgestanden ist. Beneidenswert finde ich das. Denn ich zähle zu den Menschen, denen man klipp und klar sagen muss, was Sache ist. Subtext und Zwischentöne rauschen einfach so an mir vorbei. Und das führt dann dazu, dass ich immer die Letzte bin, die was schnallt.

Die Chefin ist schwanger - ich falle aus allen Wolken. Eine Freundin trennt sich - ich hab’s nicht kommen sehen. Ein Freund will auswandern – und ich sage: „Aber wieso das denn jetzt auf einmal? Du warst doch so zufrieden!“ Dinge überrumpeln mich manchmal, weil ich Zeichen, die andere anscheinend lesen könne, gar nicht erst sehe. Das muss man doch ändern können, oder?

Fragt man das Internet, ob und wie man Empathie lernen kann, kommt man auf 506.000 Ergebnisse. Ich scheine also nicht die Einzige mit diesem Problem zu sein. Als Tipp steht dann da: „Mache nichts nebenbei, schenke Aufmerksamkeit“ oder „unterstütze dein Gegenüber mit Lauten wie ‚aah’, ‚mh’ oder ‚ja’.“ Mmmmmja. Ob mir das nun wirklich weiterhilft? Also gehe ich zur Kollegin und frage sie: „Sag mal, wie machst du das? Wie errätst du die Gefühle der anderen? Wieso erzählen die dir immer alles?“. „Ohhh, es ist ein Albtraum“, antwortet sie dann. Sie sei übersensibel und könne sich dem nicht entziehen. Selbst wenn sie wolle, sie müsse mit anderen mitfühlen. „Manchmal wäre ich gerne so wie du. Das ist emotional viel weniger anstrengend, damit kommt man viel leichter durchs Leben."

Stimmt eigentlich, denke ich dann. Und morgen bringe ich ihr mal zur Abwechslung ein Schokoherz mit. Kann ja nicht schaden.