Hilfe, meine Eltern sind Hippies!

Unsere Autorin liebt ihre Eltern heiß und innig. Aber nicht, wenn die von ihrer Zeit in der Kommune schwärmen, und von freier Liebe und Selbstfindungstrips nach Indien.

von Cara Johannsen

Wie es sich anfühlt, spießiger zu sein als die Eltern.

Zu meinem 18. Geburtstag, als meine beste Freundin einen Bausparvertrag und mein Kumpel Matteo Geld für den Führerschein von ihren Eltern bekamen, schenkte mein Vater mir einen Gutschein. Für ein Tattoo. Ein großes Tattoo. Denn: „Cara, als ich damals mit 18 mit dem VW-Bus durch Spanien gefahren bin, habe ich immer von einem Tattoo geträumt.“ Papa war Hippie. Ein Frontmann der 68er-Generation, er hat keine Anti-Kriegsdemo ausgelassen, kann stricken (und batiken!) und hat in einer Bauernhof-Kommune gelebt. Freie Liebe und so. Nun ja.

Kommune, freie Liebe? Kommt bei mir nicht in die Tüte!

Ich hingegen wollte mit Anfang 20 meinen ersten Freund Lasse heiraten und ein Haus bauen. Kommune, freie Liebe? Kommt bei mir nicht in die Tüte! Als vor einigen Jahren besagter erster Freund während seines Auslandssemesters in den Staaten realisierte, auch er wolle sich selbst finden und durch die kalifornische Steppe trampen (ohne mich, selbstverständlich!) hatten meine Eltern vollstes Verständnis für ihn. Lasse sei doch noch so jung, er müsse sich finden, sie würden sich für ihn freuen! Ob ich nicht auch mal eine Auszeit von meinem Studium nehmen wolle? Es schien, meine Eltern waren geradezu erleichtert über meine Trennung von Lasse.

„Kind, auch zweigleisig fahren ist erlaubt! Nichts anbrennen lassen!“

Auf der Geburtstagsfeier eines Familienfreundes, kurz nach meiner Trennung, schoss meine Mutter dann den Vogel ab: „Cara, Liebeskummer lohnt sich nicht! Du bist so jung, geh raus, leb dich aus! Der da hinten zum Beispiel“, Sie deutete erschreckend auffällig auf den gutaussehenden Sohn eines Familienfreundes, „Ist der nichts für dich?“ Ihre Stimme war dieses Quentchen zu laut. „Oh, Mama, hör auf!“ Beschämt drehe ich mich weg. Doch es ging noch weiter: „Kind, auch zweigleisig fahren ist erlaubt! Nichts anbrennen lassen!“, zwinkerte sie mir zu und lief zu Papa. Die beiden tanzten eng umschlungen zu Leonard Cohen. Außer ihnen tanzte keiner.

„Sie machen was sie wollen, sie sind so herrlich anders.“

Mein Kumpel Matteo legte an diesem Abend seinen Arm um meine Schulter. „Ich liebe deine Eltern!“, flüsterte er lächelnd. „Sie machen was sie wollen, sie sind so herrlich anders.“ Natürlich hatte Matteo recht. Natürlich liebe ich meine Eltern für ihre Ehrlichkeit und ihren Witz. Ihre Unterstützung, ihren Rat. Ihr Anderssein. Denn natürlich meinen und meinten sie es immer gut. Als alle Gäste gegangen waren, rauchte mein Papa mit Matteo einen Joint. Ich (überzeugter Nichtraucher!) hörte den beiden bei ihren philosophischen Gesprächen zu. In der Nacht lag ich noch lange wach. Mein Resümee dieser langen Nacht: Ich bin, wie ich bin. Eine spirituelle Reise nach Indien oder ein Selbstfindungs-Trip auf Gomera ist einfach nichts für mich.

„Baby, take a walk on the wild side“

Dafür hatte ich in dieser Nacht beschlossen, nach meinem Studium eine Weltreise zu machen. Ohne Tattoo, und Indien ließ ich auch aus. Eine Reise nur für mich, wie ich es wollte, ich ganz allein. Als ich meinen Eltern davon erzählte, tanzten sie in der Küche einen spontanen Freudentanz. Im Hintergrund ein Song von Lou Reed: „Baby, take a walk on the wild side.“ Dass ich Indien auslassen wollte, interessierte sie leider nicht die Bohne. Also schloss ich noch schnell einen Bausparvertrag ab. Das  half. Meine Eltern machten sich Gedanken, was in der Erziehung schiefgelaufen sei und ich war wieder beruhigt. Wenigstens das hatten sie mit normalen Eltern gemeinsam. Über die Gründe muss man ja nicht sprechen. 

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