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Hört auf euch zu stressen! Einfach mal liegen lassen!


Warum gelten schlampige Männer als genial, im Gegensatz zu Frauen? Unsere Autorin macht jetzt keinen Haushalt, sie macht sich lieber Gedanken...
von Karina Lübke

Wenn ich mir etwas noch mehr wünsche als ein Haus, dann ist es eine Haushälterin. Also eine Hausfrau, die nicht ich ist. Nein, ich schäme mich nicht für diese dreckige Fantasie. Ich bin voll in Ordnung, auch dann, wenn es meine Wohnung mal nicht ist. Mir mangelt es nicht an der richtigen Einstellung oder rosa geblümten Spüllappen – mir fehlt einfach das Geld, um die alltägliche Putzerei outzusourcen. Schluss mit dem Mythos, dass Frauen Schlampen sind, die nicht munter selbst klar Schiff oder Essen machen. Schön, wenn jemand gern Dinge in Ordnung bringt und seine Sorgenfalten beim Bügeln mitglättet, ich sehe nur keinen moralischen Mehrwert darin. Falls ich mal nichts Besseres zu tun habe, dann aber garantiert etwas Schöneres. So hoch kann meine Lebenserwartung gar nicht sein, dass ich die in Deutschland für Frauen pro Tag üblichen drei Stunden wasche, sauge, putze!

Ein Mann, der mit einer Frau zusammenlebt, hat Heimvorteil: Er muss laut einer Studie deutlich weniger Haushaltsarbeit machen. Die Partnerin hat dagegen mehr zu tun, als wenn sie allein leben würde. Wer also aussortieren will, sollte beim Kerl anfangen.

Marie Kondo, eine allein lebende Japanerin und Bestsellerautorin, die ich für den Prototyp eines humanoiden Haushaltsroboters halte, will mir eine ordentliche Gehirnwäsche verpassen. Und zwar mit ihrer Methode „Magic Cleaning – Wie Sie sich von Ballast befreien und glücklich werden“. Paradox, denn ich bin ja glücklich, solange ich nicht aufräumen muss. Und welcher Mann würde laut Kondos Rat jedes einzelne Besitztum anfassen, die Augen schließen und nachspüren, in welcher Beziehung er zu dem Teil steht und ob es ihm Freude schenkt? (Von Vibratoren einmal abgesehen.) Ich habe ein Video geguckt, in dem die Japanerin beispielhaft eine Schublade mit lauter gebügelten, gefalteten und hochkant gestellten Kniestrümpfen einräumt. Und was, wenn jemand nur Sneakersocken besitzt? Ich möchte mit beiden Händen in diese Schublade fahren, alles herausreißen, in die Luft werfen und dann Kondos akkuraten Haarhelm verwuscheln. Ordnungsfanatiker können keine heißen Feger sein, denn toller Sex ist nicht aufgeräumt und sauber. Ich hab’s lieber orgasmisch als organisiert; pure Lust statt reiner Unlust.

In your face mit „drinnen waltet die züchtige Hausfrau“, Schiller! Schöner Wohnen sollte jede für sich definieren dürfen. Bei mir heißt das: Es riecht gut, es ist warm, hell, es gibt frisch bezogene Betten, Kerzen, Blumen, Bier im Kühlschrank. Was hat schon einen festen Platz im Leben? Meine Kinder, in meinem Herzen. Mein Schlüssel, auf der Kommode neben der Tür. Ich, auf dem Sofa, mit einem Buch aus dem Regal, das ich nicht hinter einer Schrankwand verbergen will. „Einbauschränke wären aber vernünftig!“, ruft meine Mutter bei jedem Besuch. Ich bleibe lieber die Singstimme der Unvernunft: Der finale Einbauschrank für die ewige Ordnung ist der Sarg. Und auch der sauberste Mensch wird irgendwann selbst zu Staub.


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