Ja, verdammt, ich liebe Trash-TV! – Ein schamloses Geständnis

Aus unserer Autorin Lena Wessollek hätte wirklich eine anspruchsvolle Fernsehzuschauerin werden können. Wäre sie nicht im Trash-TV-Sumpf versunken. Seitdem trifft sie auf ihrem Sofa lauter schrille Typen

von Lena Wessollek

Trash-TV macht glücklich. Wenn meine Abende den 22 quiekenden Dreamdate-Anwärterinnen mit Nail Art und Klamotten aus dem türkischen Brautmodenladen gehören, die sich von einem stelzbockenden Muckibuden-Junggesellen mit Amarula abfüllen ließen, ist die Welt in Ordnung. Ebenso wenn Prominente, von denen man noch nie gehört hat, in puncto animalisches Verhalten mit den Tieren im australischen Dschungel konkurrieren oder Heidis Mädchen beweisen, dass sie beim Posing mindestens so viel Attitüde rüberbringen wie eine Herde dösender Alpakas. Denn wenn es ums Fernsehen geht, kann es für mich gar nicht schlicht genug sein. Wird jeder verstehen: Seit meinem Germanistik-Studium (eine Fehlentscheidung, die ich bis heute zutiefst bereue) muss ich mich von all diesen anstrengenden Meisterwerken erholen, die mir damals aufgezwungen wurden und von denen ich nicht mal die Hälfte verstanden habe. Mein Gefühl sagt mir, dass diese Regenerationsphase noch viele Staffeln von „Der Bachelor“, „Das Dschungelcamp“ und „Germany’s Next Topmodel“ überdauern wird.

Waldorfschule, Holzspielzeug – hat alles nix geholfen

Dabei haben meine Eltern alles getan, um diese Entwicklung aufzuhalten – vielleicht zu viel. Waldorfschule. Holzspielzeug. Bauernhof. Ich war als Kind immer draußen, spielte mit Nacktschnecken und Baumwurzeln. Später formte ich Leonardo DiCaprio aus Ton. Bei uns galt ein striktes Fernsehverbot. Einzige Ausnahme: „Augsburger Puppenkiste“. Vielleicht war ich gerade deshalb verrückt danach. Und bin es bis heute. Nur das Niveau ist im Laufe der Zeit immer mehr gesunken. Steile Abwärtskurve von „Urmel aus dem Eis“ zu Ronald Schill in Rio. War aber auch nie mein Ansatz, mich durch TV zu bilden. Und überhaupt: Eigentlich sehe ich auch gar nicht fern – ich glotze: im ausgebeulten Onesie (ein entwürdigender Erwachsenenstrampler mit Kapuze), Teller auf dem Schoß – und mit einer unentschuldbaren Programmauswahl. Und von der ich nur eines erwarte: stumpf abschalten und mich amüsieren, am liebsten auf Kosten anderer. Dabei steht mir diese Überheblichkeit gar nicht zu. Auch ich komme aus einer dieser Kleinstädte, die serienmäßig Gina-Lisa Lohfinks und Menderes Bagcis hervorbringen. Solche, in denen man in Restaurants mit brockhausdicken Speisekarten isst (neben italienischer, asiatischer und mexikanischer Küche wird auch türkische und deutsche angeboten) und es keine Clubs, sondern Diskotheken mit Namen „La Palma“ gibt. Auch ich hätte also das Potenzial, auf einer Luftmatratze in einer bankrotten Cocktailbar zu enden …

Das wahre Leben kann sich keiner ausdenken

Apropos: „Goodbye Deutschland“ ist nach „Der Bachelor“ meine Lieblingssendung. Ans Telefon gehen oder die Tür öffnen, wenn Mallorca-Jens heulend mit dem Kleinwagen auf einer französischen Autobahn strandet? Im Leben nicht! Diese großartige Mischung aus Naivität, Größenwahn und Fremdsprachen-Know-how („Help! Der Motor iss … äh locker!“) könnte kein Drehbuchautor hervorbringen. Wofür ich mich auch gern auf dem Sofa wundliege: „Vermisst“, das Format der Tränen, guckt auch meine 93-jährige Großmutter. Richtig gut ist die Show immer dann, wenn Mitleidsmatrone Julia Leischik gnadenlos auf Deutsch auf unschuldige peruanische Indios einredet („Ich komme aus Deutschland! Kennen Sie Rodriguez Müller?“). Oder Menschen sich nach 40 Jahren wieder bei ihren Kindern melden, weil die Kohle ausgegangen ist. Obwohl dermaßen geheuchelt wird, dass der Name „Verpisst“ viel besser passen würde, weine auch ich, wenn Leute sich schluchzend umklammern, die einander das ganze Leben versaut haben. Vor allem deshalb, weil ich weiß, dass dann die Sendung gleich vorbei ist.

Momente purer Freude

Aber zum Glück gibt es ja genug bizarren Stoff, um meine Sehnsucht nach sinnloser Unterhaltung zu stillen. Etwa wenn Reisebügeleisen-Besitzer Walther versucht, osteuropäische Frauen mittels Kaffeemaschinen in Bett und Küche zu schleimen („Traumfrau gesucht“). Reihenendhausbesitzer angesichts eines umgekippten Gartenteichs völlig zusammenbrechen („Ab ins Beet!“). Oder sich Ex-Freundinnen von Prominenten in erniedrigender Glitterbekleidung über die Tanzfläche wuchten lassen, einen Ausdruck ins Gesicht getackert, den man als strahlendes Lächeln bezeichnen könnte, wären die Angst vor öffentlicher Bloßstellung und einem komplizierten Bruch nicht so schmerzhaft dahinter zu erkennen („Let’s Dance“). Momente purer Freude! Was mich an solchen Privatsender-Spektakeln so fasziniert, ist die Echtheit der Darsteller. Auch wenn es wehtut: So ist das Leben. Und so sind wir. Auch. Irgendwie. Das ist unfassbar, oft abstoßend, manchmal sogar rührend – und für mich: fesselnder als jeder Art-House-Streifen. Darum liebe ich Trash-TV. So sehr, dass ich mich nicht mal dafür schäme. Klar: Man könnte genauso gut hemmungslos darüber weinen, wäre es nicht … so ein unendlicher Spaß.

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